Postsowjet-Blick auf den Krieg Wir haben doch alle kaum eine Ahnung

Ein Gastbeitrag von Olga Grjasnowa
In der westlichen Welt hört man offenbar nicht richtig zu: Der postsowjetische Raum war und ist nicht friedlich – damit er es werden kann, müssen wir dringend über unsere Vergangenheit sprechen.
Russische Panzer 1990 in Baku: Die Zeit lässt sich nicht zurückdrehen

Russische Panzer 1990 in Baku: Die Zeit lässt sich nicht zurückdrehen

Foto: AP

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Am Tag vor dem Angriff wurde in Russland der 23. Februar gefeiert – »der Tag des Verteidigers des Vaterlandes«. Früher wurden an diesem Tag große Militärparaden veranstaltet, dieses Jahr war es jedoch ruhig. Am nächsten Morgen begann der russische Präsident Putin einen Angriffskrieg gegen die Ukraine. Eigentlich führt er diesen schon seit 2014. Die russische Regierung bezeichnet den Krieg übrigens nicht als Krieg, sondern als eine »Spezielle Operation«, und verbietet den wenigen unabhängigen Medien, das Wort »Krieg« zu verwenden. Das Onlineportal »Mediazona« verwendet nun den Begriff »Eindringen«, und das Internet schrieb Tolstois berühmten Roman in »Militäroperation und Frieden« um.

Olga Grjasnowa wurde 1984 in Baku, Aserbaidschan, geboren. 1996 übersiedelte die Familie als Kontingentflüchtlinge nach Hessen. Für ihren Debütroman »Der Russe ist einer, der Birken liebt« wurde sie vielfach ausgezeichnet, »Gott ist nicht schüchtern« wurde zum Bestseller. Zuletzt erschien von ihr der Roman »Der verlorene Sohn« bei Aufbau sowie das Sachbuch »Die Macht der Mehrsprachigkeit. Über Herkunft und Vielfalt« im Dudenverlag. Grjasnowa lebt mit ihrer Familie in Berlin.

Dieser Krieg ist eine imperiale Gebärde, die genauso von Nikolai I. stammen könnte. Dennoch oder gerade deswegen hätte ich nicht damit gerechnet. In der Retrospektive erscheint es mir ziemlich naiv. Ich bin zugleich wütend, enttäuscht, verängstigt und voller Scham, wie fast alle Freund*innen und Bekannten. Niemand von uns konnte in den ersten Tagen arbeiten, sich auf irgendetwas konzentrieren, die Nerven lagen bei allen blank.

Weshalb hätte die russische Regierung es diesmal bei einer Drohung belassen sollen? Weil sie es versprochen hatte?

Auf der anderen Seite: Der russischen Regierung wurde im vergangenen Jahrzehnt mehr oder weniger freie Hand gelassen, russische Söldner kämpften in Syrien, russische Militärflugzeuge bombten Schulen, Krankenhäuser und Kindergärten, die Revolutionen in Belarus und in Kasachstan wurden niedergeschlagen. Die russische Armee hatte Georgien angegriffen, es gab die brutalsten Kriege in Tschetschenien, ein Wahnsinniger wurde dort als Machthaber installiert, und ich bin mir recht sicher, dass man russische Söldner in anderen Ecken der Welt treffen kann.

Auch gegenüber der eigenen Bevölkerung zeigte die russische Regierung Härte: Aktivist*innen wurden verflogt, eingesperrt und vergiftet, Demonstrationen teils gewaltsam aufgelöst, Journalist*innen ermordet und eingeschüchtert. Weshalb hätte die russische Regierung es diesmal bei einer Drohung belassen sollen? Weil sie es versprochen hatte?

Innenpolitisch lief es für Putin schon seit Längerem nicht gut: Der Geheimdienst glänzte vor allem durch Dysfunktionalität, die Vergiftungen von Alexej Nawalny und Pjotr Wersilow  wurden von der ganzen Welt verfolgt und verurteilt, der Mord im Berliner Tiergarten wäre selbst in einem schlechten »Tatort« unglaubwürdig und so weiter und so fort. Eigentlich hätte man dem russischen Geheimdienst den Titel des schlechtesten Geheimdienstes der Welt verleihen können. Auch die wirtschaftliche Lage in Russland war alles andere als gut. Im ganzen Land demonstrierten Menschen und wurden sehr, sehr hart bestraft.

Auch jetzt läuft es für Putin nicht nach Plan: Die Welt solidarisiert sich mit der Ukraine, und ich glaube nicht, dass die russische Führung mit so vielen und solch heftigen Demonstrationen gerechnet hat, auch in Russland gingen Menschen auf die Straßen. Viele Prominente, auch solche, die nicht als regimekritisch bekannt waren, bekannten sich zum Slogan »Nein zum Krieg«. Unter ihnen war die Socialite Elisaweta Peskowa, die Tochter von Putins Pressesprecher und treuem Verbündeten. Das Museum für zeitgenössische Kunst »Garage« in Moskau stellte seine Arbeit ein, der russische Pavillon bei der Biennale in Venedig wird – als Zeichen des Protests gegen den Krieg – dieses Jahr in Venedig geschlossen bleiben.

Ein wenig erinnern mich die letzten Tage an den Zusammenbruch der Sowjetunion, der von vielen blutigen Kriegen begleitet wurde. In Baku, wo ich geboren wurde, sind russische Truppen in der Nacht vom 19. auf den 20. Januar 1990 einmarschiert, dieses Ereignis ist als der »Schwarze Januar« in die aserbaidschanische Geschichte eingegangen.

Damals ging es um die Niederschlagung des Pogroms an den Armenier*innen und der aserbaidschanischen Unabhängigkeitsbewegung. Auch dies waren Nächte, die man sich noch ein paar Tage zuvor nicht hätte vorstellen können. Letztes Jahr wurde wieder um Bergkarabach gekämpft, und genau wie damals werden auch heute Menschen als Soldaten in den Tod geschickt. Zumeist die Menschen, die es sich nicht leisten konnte, sich aus der Armee freizukaufen.

Soldaten in Baku 1990: Als »Schwarzer Januar« in die aserbaidschanische Geschichte eingegangen

Soldaten in Baku 1990: Als »Schwarzer Januar« in die aserbaidschanische Geschichte eingegangen

Foto: AP

In Belarus wurde die Revolution zwar niedergeschlagen, aber nicht für immer, genauso wenig wie in Kasachstan oder in Syrien. Umso mehr verwundert es mich, den leitenden Auslandskorrespondenten Charlie D’Agata bei CBS zu sehen, der davon spricht, dass Kiew zu einer »relativ zivilisierten« Weltgegend gehöre und die Angriffe im Gegensatz zu denen auf den Irak, Syrien oder Afghanistan unvorstellbar seien. Lucy Watson von ITV News bemerkte, dass die Ukraine keine Dritte-Welt-Nation sei. In der zivilisierten, westlichen Welt hört man offenbar nicht zu. Der postsowjetische Raum war und ist nicht friedlich.

Immerhin: Diesmal werden die Grenzen für die Geflüchteten geöffnet. Zumindest das ist großartig. Nur stellt sich natürlich die Frage, weshalb dieselben Grenzen vor Monaten für Geflüchtete, die über Weißrussland nach Europa kommen sollten, geschlossen wurden, und zwar so vehement, dass selbst Angela Merkel sich zu einem Telefonat mit dem weißrussischen Diktator hinreißen ließ. Der sich heute ebenfalls im Krieg gegen die Ukraine befindet.

Weshalb dürfen die Ukrainer*innen, die in Großbritannien leben, ihre engsten Familienangehörigen nachholen, aber nicht Afghan*innen oder Syrer*innen? Weshalb sollen Menschen im Mittelmeer ertrinken, und weshalb wurden Rettungsaktionen kriminalisiert? Weshalb stimmte man gegen die Aufnahme besonders schutzbedürftiger Asylsuchender aus Griechenland?

»2015 darf sich nicht wiederholen«, sagte Armin Laschet noch vor Kurzem. Nun wäre es tatsächlich wichtig, dass dies nicht passiert. Nur nicht in dem Sinne, dass keine Geflüchteten mehr nach Deutschland kommen, sondern in dem Sinne, dass wir nicht schon nach ein paar Wochen unsere Grenzen verschließen und unser Mitgefühl wie eine lästige Flatrate abstellen, weil es uns emotional zu viel wird. Denn es wird bald noch viel schlimmer kommen.

Wir müssen dafür sorgen, dass es jetzt zumindest den Menschen, die aus der Ukraine fliehen, besser ergeht. Und zwar allen Menschen, die fliehen, unabhängig von ihrer Herkunft, Hautfarbe oder ihrem Pass. Wir müssen sie willkommen heißen und helfen, wo es nur geht. Denn selbst wenn der Krieg in der Ukraine bald vorbei sein könnte, wird es wahrscheinlich zu einem anderem im postsowjetischen Raum kommen. Wir könnten auch die Geldstrafen derer bezahlen, die in Russland protestieren. Das sind nicht wenige.

In den sozialen Medien und in den Nachrichten kann man Menschen in Echtzeit mit kleinen Rollkoffern auf der Flucht beobachten, man hört Sirenen, sieht sie in der Metro Schutz vor den Bomben suchen. Das sind Bilder und Handlungen, die vielen Menschen, die nun in Deutschland wohnen, aus eigener Erfahrung bekannt sind. Wir hatten sehr lange auch solch einen Notfallkoffer im Haus.

Wir, die Menschen einer postsowjetischen Herkunft, haben eine besondere Verantwortung, nicht nur gegenüber den Geflüchteten, sondern auch gegenüber uns und unseren Kindern. Putin beruft sich auf Geschichte und lässt zugleich »Memorial« schließen, eine Organisation für die Aufarbeitung der Verbrechen des Stalinismus. Zugleich bin ich mir gar nicht so sicher, wie viel wir tatsächlich über die russische Geschichte und die der ehemaligen sowjetischen Republiken wissen. Ich spreche noch nicht einmal Aserbaidschanisch, obwohl ich zu der sechsten – und leider letzten – Generation meiner Familie gehöre, die in Baku geboren worden ist. Ich weiß bei Weitem nicht genug über Belarus, das Geburtsland meiner Großmutter. Von Usbekistan und Kasachstan habe ich keine Ahnung.

Ich wurde zwar zwei Wochen nach dem Zusammenbruch der UdSSR eingeschult, trotzdem glaube ich, dass die sowjetischen Geschichtsbilder uns noch immer prägen. Wären wir, Menschen einer diffusen postsowjetischen Herkunft, sonst so von Büchern von Swetlana Alexejewitsch und Sascha Filipenko erschüttert? Hätten wir uns sonst alle vier Tage lang krankschreiben lassen, bis wir Nino Harataschwilis »Das achte Leben für Brilka« und »Die Katze und der General« ausgelesen hatten? Natürlich spreche ich den Büchern nicht ihre literarische Qualität ab, aber für uns haben sie auch noch eine andere Bedeutung.

In vielen unserer Familien wurde nicht über die Vergangenheit geredet, vor allem nicht über eine unbequeme, die nicht konform war. Meine Großmutter hat fast ihr ganzes Leben lang verheimlicht, dass ihr Vater in einem russischen Gefängnis erschossen worden war. Dass ihre Mutter psychisch krank war. Ein andere Verwandter kam ins Straflager, weil er sich »verplappert« hatte. Ich weiß nicht, wie er hieß, und als ich nachfragte, wurde so getan, so ob ich es mir ausgedacht hätte. Aber das, was mein Urgroßvater während der Revolution getan hat, das weiß ich. Vielleicht liege ich falsch, aber ich vermute, dass wir alle eigentlich kaum eine Ahnung von der russischen, der kaukasischen, weißrussischen, ukrainischen, kasachischen, usbekischen, sibirischen, mongolischen und der universellen Geschichte haben.

Die Zeit lässt sich nicht zurückdrehen, und wir sind nicht mehr in der Sowjetunion. Das Schweigen hatte in den letzten Jahren ein Ende, wenn auch ein zögerliches, und wir genügend Abstand, um längst Vergangenes zu verstehen, die historische Verantwortung durchaus wörtlich zu nehmen.

Wir müssen lernen, einander noch besser zuzuhören, uns für unsere Geschichten zu interessieren. Mehr zu lesen. Als ein Zeichen des Respekts. Wir müssen über den russischen Imperialismus und die Unterdrückung der Minderheiten reden. Über Rassismus. Antisemitismus. Über uns. Vor allem müssen wir uns aber darüber im Klaren sein, was wir unseren Kindern beibringen. Und wo dieses Wissen herkommt. Ohne Scham, Angst und Ausreden.

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