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BÜCHER Um Haaresbreite

Robert Antelme: »Das Menschengeschlecht. Carl Hanser Verlag, München und Wien; 416 Seiten; 45 Mark. *
aus DER SPIEGEL 52/1987

Vierzig Jahre, seltsam lange hat es gedauert, bis dieses Buch ins Deutsche übertragen wurde: der Bericht eines Davongekommenen, der das Grauen der Konzentrationslager um Haaresbreite überlebt hat.

Der 1917 geborene Schriftsteller Robert Antelme war im Juni 1944 in Frankreich verhaftet und wenig später mit einem der letzten Transporte nach Buchenwald deportiert worden. Mehr tot als lebendig wurde er in den letzten Wochen des Nazi-Reichs nach Dachau verbracht.

Dort fand ihn, durch Zufall, der heutige Staatspräsident Francois Mitterrand, damals Staatssekretär für Flüchtlinge, Kriegsgefangene und Deportierte. Er erinnert sich: »Man mußte über Leichen schreiten ... und aus einem dieser offensichtlich leblosen Körper erhob sich eine Stimme, die mich mit Vornamen rief.«

Mit Hilfe einer List wurde Antelme aus dem Lager geschleust, das wegen Typhus unter Quarantäne stand, die langwierige Prozedur, die der offizielle Repatriierungsplan vorsah, hätte er, ein Gerippe von 35 Kilo, nicht mehr überlebt.

Auf der Rückfahrt nach Frankreich sprach Antelme, wie einer der Retter überliefert hat, ohne Pause: »Fließend, dumpf, wie unter dem Druck einer ständig sprudelnden Quelle, besessen von einem wirklich unerschöpflichen Bedürfnis, soviel wie möglich gesagt zu haben bevor er vielleicht stirbt.«

Es ist kein Zufall, daß auch im geschriebenen Text, dessen überarbeitete Ausgabe Albert Camus 1957 besorgte, durchweg das Perfekt, die mündliche Erzählform, statt des distanzierten Imperfekts vorherrscht: Dies ist kein Buch über eine Erfahrung, sondern (im doppelten Sinn) aus einer Erfahrung heraus.

Die brutale Herrschaft der kriminellen über die politischen Häftlinge, der verbissene Kampf um ein paar Kartoffelschalen, die sadistischen Quälereien der SS, das willkürliche Morden: Antelme beschreibt die Einzelheiten des Entsetzens unpathetisch. Die nüchterne Übersetzung des französischen Titels »L'espece humaine« hätte diesen Ton genauer getroffen: »Die Gattung Mensch«.

Marguerite Duras, die in ihren - 1986 unter dem Titel »Der Schmerz« auch auf deutsch erschienenen - Tagebuchaufzeichnungen die Rückkehr ihres damaligen Geliebten Antelme (bei Duras »Robert L.") aus der Perspektive der verzweifelt Wartenden schilderte, hat berichtet, daß der Autor nach der Niederschrift nie wieder von Konzentrationslagern sprach, den Titel seines Buches nicht mehr über die Lippen brachte.

Im Vorwort erklärt der Verfasser seinen Titel. »Zu sagen, wir hätten damals das Gefühl gehabt, als Mensch, als Angehöriger der Gattung in Frage gestellt zu werden, mag wie ein Rückblick, wie eine nachträgliche Erklärung anmuten. Aber es war genau das, was wir damals unmittelbar und ganz schmerzhaft erlebten, und es war übrigens auch das, genau das, was die andern wollten.«

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