Margarete Stokowski

Umgang mit Sarah-Lee Heinrich Auf unangenehme Art normal

Margarete Stokowski
Eine Kolumne von Margarete Stokowski
Eine Politikerin hat als Teenager problematische Tweets geschrieben. Danach wird tagelang über ein Thema diskutiert, das von Rechten vorgegeben wurde – auch Erwachsenen mangelt es offenbar an Medienkompetenz.
Grüne Sarah-Lee Heinrich: Natürlich gibt es ein Dilemma

Grüne Sarah-Lee Heinrich: Natürlich gibt es ein Dilemma

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Kay Nietfeld / picture alliance/dpa

Die Causa Sarah-Lee Heinrich hätte theoretisch sehr schnell abgefrühstückt sein können: Die 20-Jährige, die gerade erst zur Sprecherin der Grünen Jugend gewählt wurde, hat als Teenager problematische Tweets geschrieben, inzwischen aber auch gesagt, dass ihr diese leidtun. Unter anderem hatte sie »behindert« und »schwul« als Beleidigung verwendet, unter ein Hakenkreuz »Heil« geschrieben oder dass sie alle weißen Menschen mit einem Besen aus Afrika rauskehren will.

»Ja, mir wäre auch lieber, wenn ich nicht so viel Zeug mit 14 im Internet geschrieben hätte«, schrieb Heinrich, und dass sie einige Tweets inzwischen gelöscht hätte. Man hätte also sagen können: Okay, soll sie es jetzt besser machen. Aber weil es so einfach nicht läuft, wird Heinrich seit mehreren Tagen angefeindet und bedroht. Die Grüne Jugend teilte mit, Heinrich werde sich aufgrund von Morddrohungen »zu ihrer eigenen Sicherheit für ein paar Tage zurückziehen«.

Alles daran ist auf sehr unangenehme Art normal: Es ist normal, dass Menschen menschenfeindliche Dinge twittern, es ist normal, dass Menschen beleidigt und bedroht werden. Normal im Sinne von: passiert jeden Tag. Besonders unangenehm aber ist, dass im Jahr 2021 immer noch nicht genug Leute verstehen, wie Hetzjagden von Rechten und Rechtsextremen im Internet funktionieren und wie man da nicht mitmacht.

Hass im Netz trifft faktisch nicht alle gleich

Dass Rechte und Rechtsextreme sich auf die Tweets von Heinrich stürzen, ist nicht überraschend. Überraschend ist höchstens, wie wenig Menschen, die eigentlich nicht rechts sind, dazulernen, wenn es um Kampagnen von rechts geht.

Dass es um eine Kampagne und nicht um ein paar zufällig aufgetauchte Tweets geht, ist eigentlich klar: Die Tweets, die Heinrich nun vorgeworfen werden, sind teilweise sechs Jahre alt. Man hat die nur so schnell parat, wenn man sie gesammelt hat. Ein neueres Zitat, das Heinrich vorgeworfen wird, stammt aus dem Jahr 2019. Damals hatte sie in einer Talksendung von einer »eklig weißen Mehrheitsgesellschaft« gesprochen. Dafür hatte sie sich dann aber auch 2019 schon entschuldigt .

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Das juckt Rechte und Rechtsextreme natürlich herzlich wenig. AfD-Politiker Georg Pazderski nannte Heinrich eine »Rassistin und Antisemitin«. Maximilian Kneller, Junge Alternative NRW, nannte sie »geistesgestört« und teilte einen Tweet von Heinrich, in dem sie jemandem schrieb »ich will dich verbrennen« und »alle Männer sind Scheiße«. Dass der Tweet von 2015 ist, entbehrt nicht einer gewissen Ironie, denn im selben Jahr trat Kneller vom Vorsitz der JA NRW zurück, nachdem er bei Facebook eine junge Liberale »Schlampe« genannt hatte und schrieb, er würde ihr »auf jeden Fall den übelsten Hatefuck verpassen« .

Wenn es von sogenanntem Hass im Netz die Rede ist, heißt es oft: Hass im Netz kann jeden treffen. Das stimmt im Prinzip. Faktisch aber trifft er nicht alle gleich. Benedikt Brechtken von den Jungen Liberalen ist bekannt dafür, auf Twitter gerne Stress zu machen. Als er zwischenzeitig gesperrt wurde, weil er unter anderem geschrieben hatte, dass man Kubicki steinigen sollte und er gern Rosa Luxemburg töten würde, durfte er darüber in der »Welt« schreiben. Im Teaser hieß es: »Benedikt Brechtken ist bei Twitter der reichweitenstärkste Junge Liberale. Immer wieder wurde er von Netzdenunzianten angeschwärzt.«

Wäre Sarah-Lee Heinrich eine Junge Liberale, hätte sie wahrscheinlich schon ein Angebot für eine Springer-Kolumne als herrlich politisch inkorrektes Nachwuchstalent, aber sie ist eine Grüne. Eine Grünenpolitikerin, eine Schwarze, die gegen Rassismus kämpft. Ohne Frage ist es ziemlich dumm, als Sprecherin der Grünen Jugend mit 20 noch denselben Twitteraccount zu benutzen, den man mit 13 schon benutzt hat, wenn man weiß, dass man mit diesem Account damals problematische Dinge getan hat.

Es wird dann jetzt also auch über die Medienkompetenz von Jugendlichen gesprochen, na klar. Im »Tagesspiegel« wurde darüber nachgedacht, »was der Fall Sarah-Lee Heinrich über Aufwachsen im Digitalen erzählt«. Ergebnis: Das Internet vergisst nie und man muss lernen, damit umzugehen . In der »taz« hieß es, »die jungen Leute von heute« seien »nicht zu beneiden, weil das Netz nichts vergisst« und die Grünen hätten da vorher drauf achten müssen . Und bei »Zeit Online« wurde festgestellt, dass auf Twitter die Diskussion von »Unbarmherzigkeit, lustvollem Missverstehen und Häme« geprägt ist.

Apropos geprägt: Viel zu wenig wird dabei darüber geredet, dass das ganze Thema überhaupt von Rechten und Rechtsextremen vorgegeben wurde. Niemand hat ernsthaft angezweifelt, dass die Tweets der damals 13- oder 14-jährigen Heinrich falsch waren – aber dass Tage später noch darüber geredet wird, liegt daran, dass immer noch zu viele Menschen zu gerne Nazispiele auf Twitter mitspielen. Klar kann man über die Soziale-Medien-Kompetenz von 14-Jährigen reden, aber man kann auch über die von Erwachsenen reden. Medienkompetenz bedeutet nicht nur, zu gucken, welche Spuren man im Internet hinterlässt, sondern auch, nicht bei jedem Quatsch mitzumachen.

Natürlich gibt es ein Dilemma: Wer sich solidarisch zeigt, läuft Gefahr, noch mehr Aufmerksamkeit auf den Fall zu ziehen. Aus dem kommt man nicht raus. Man muss aber auch nicht dazu beitragen, die Debatte ewig in die Länge zu ziehen. Manche fanden es angebracht, zu erzählen, was sie selbst mit 13 oder 14 alles getan hatten. Kann man machen, bringt halt nix, außer vielleicht paar Likes dafür, was für ein krasses Kind man war.

So langsam könnte man die Mechanismen durchschauen

Wenn es eine digitale Hetzjagd gegen eine junge linke Schwarze Frau gibt, unter Beteiligung von Politiker*innen und Journalist*innen, dann ist das aber eigentlich nicht der Moment, um darüber zu diskutieren, was man selber mit 13 für Quatsch gemacht hat oder welche Internetkompetenzen Jugendliche brauchen oder ob es wirklich eine sinnvolle Forderung ist, das Wahlalter runterzusetzen.

Das heißt nicht, dass man schweigen sollte, aber so langsam könnte man die Mechanismen durchschauen. Rechte und Rechtsextreme sammeln Screenshots oder Videoausschnitte, die sich für einen Shitstorm eignen, und veröffentlichen sie dann in dem Moment, in dem eine Person zum Beispiel einen neuen Job bekommen soll. Bald nehmen erste Springer-Medien das Thema auf, ein paar Stunden später kommt das Think Piece der »NZZ« über »die gesellschaftliche Bedeutung der Affäre« , Tenor: Linksextreme werden immer linksextremer, sind aber selbst voll empfindlich. Seriösere, linkere Medien ziehen nach und berichten, et voilà, Nazis haben wieder ein Thema gesetzt.

Klar kann man dann daran erinnern, dass Helmut Kohl als Teenager in der Hitlerjugend war, dass Philipp Amthor ein Problem mit Korruption hatte und dann von seiner Partei mit »Er ist eben noch jung« verteidigt wurde. Dass die Junge Union regelmäßig Skandale mit Holocaust-Relativierung , Wehrmachtsliedern  oder sexueller Belästigung  produziert. Man kann auch halbwegs selbstkritisch schreiben, wie im »Stern« , dass »wir uns alle mit großer Lust empören« und das halt alles so ist in »der Gesellschaft der Empörlinge«. Oder man schreibt, dass man da nämlich gerade nicht mitmacht, und »regt sich über die Aufregung auf, weil man sie lächerlich und von niederen Motiven getrieben findet« (»Zeit Online«).

Man kann das alles so machen. Man sollte sich aber darüber im Klaren sein, dass man hier bei einem Spiel mitspielt, über das sich vor allem diejenigen freuen, die es angefangen haben: Es ist ein Nazispiel von Nazis für Nazis auf Kosten einer jungen Schwarzen Frau. In einer Zeit, in der Menschen wegen rechter Hetze Veranstaltungen absagen müssen, umziehen müssen – oder getötet werden.

Ja, klar, auch diese Kolumne verlängert die Debatte wieder. Aber in der Hoffnung, dass vielleicht ein paar Leute sich beim nächsten Mal überlegen, ob sie den Moment, in dem jemand rechter Hetze ausgesetzt ist, unbedingt für ein paar Likes nutzen müssen.

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