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ARBEITER Umgefallen wie abgesägt

aus DER SPIEGEL 41/1964

Zu seinen wohlwollenden Lesern zählen Konrad Adenauer und Walter Ulbricht, zu seinen Gegnern Unternehmer und Gewerkschaftler. Die Londoner »Sunday Times«, der Pariser »Express« und die Moskauer »Prawda« druckten seine Erzählung »Der Betriebsrat«; sein Roman »Irrlicht und Feuer« wird ins Holländische und ins Ungarische übersetzt.

Vorletzte Woche diskutierte »Irrlicht«-Autor Max von der Grün, 38, im Dortmunder Gasthaus »Krone« mit dem Präsidenten der Ost-»Deutschen Akademie der Künste«, dem Romanschriftsteller ("Maschinenfabrik N & K") und ehemaligen Dreher Willi Bredel, 63.

Am Dienstag dieser Woche debattiert der gewesene Grubenlokführer von der Grün im Düsseldorfer »Bildungsforum« der CDU-Landtagsabgeordneten Maria Hölters mit dem DDR-Schriftsteller ("Ole Bienkopp") und LPG-Bauern Erwin Strittmatter, 52.

Diskussionsthema in Dortmund wie in Düsseldorf: »Arbeiterdichtung in West und Ost«.

Daß es auch »in West«, auch in der Bundesrepublik, eine zeitgenössische Arbeiterdichtung gibt - und zwar eine, die der staatlich verordneten Proletarier-Poesie der DDR mindestens durch kritische Unabhängigkeit voraus ist -, hat erst der Fall von der Grün publik gemacht.

Seit von der Grün vor einem Jahr mit seinem deftigen Industrieroman »Irrlicht und Feuer« Arbeitgeber und Betriebsräte, Kumpel und Technik an der Ruhr kritisierte und seinen Dienst quittierte (SPIEGEL 12/1964), ist der Arbeiter der Faust und der Feder aus Heeren bei Unna zu einer sozialkulturellen Zelebrität diesseits und jenseits der Zonengrenze erwachsen.

SED-Chef Ulbricht lobte in diesem Frühjahr vor den linientreu, aber kaum lesbar »schreibenden Arbeitern« der Zone den Westdeutschen von der Grün als lebensnahen Arbeiterschreiber. Die Ost-»Berliner Zeitung« druckt seinen »Irrlicht«-Roman in Fortsetzungen ab; der Ost-Berliner Aufbau-Verlag brachte jetzt eine Lizenzausgabe des Romans heraus, deren Erstauflage (10 000 Exemplare) in der DDR bereits vergriffen ist.

CDU-Vater Konrad Adenauer wies seinen geistlichen Sohn Paul und die Minister Blank und Lücke auf Grüns Ruhr-Buch hin: »Da liest man die Wahrheit, wie es heute in Arbeiterfamilien aussieht.« Monsignore Paul Adenauer lud den Arbeiter-Autor zu Tisch. Am Abend zuvor war Protestant von der Grün bei den Dominikanermönchen des Klosters Walberberg zu Gast gewesen.

Wo bei Tagungen und Round-Table-Gesprächen auch die Stimme des Arbeiters gehört werden soll, wird von der Grün geholt. Weil in seinem »Irrlicht« auch von Schrebergärten die Rede ist, lud ihn Graf Lennart Bernadotte zu einer Tagung von Gartenfreunden auf die Bodensee-Insel Mainau ein.

Der Ex-Kumpel erträgt es, gefragt zu sein, und er besteht strikt auf Unabhängigkeit nach allen Seiten. Mit dieser Haltung repräsentiert Max von der Grün auch jene Vereinigung westdeutscher Arbeiter-Schriftsteller, die seiner Initiative ihre Existenz und neuerdings zunehmende Publizität verdankt: die nach prominentem Vorbild so genannte »Gruppe 61«.

Dieser Bund, dem etwa 30 Autoren angehören, wurde von Grün und dem Dortmunder Bibliotheksdirektor Fritz Hüser, 56, am Karfreitag des Jahres 1961 konstituiert und wird vom katholischen Paulus-Verlag in Recklinghausen, der 1963 von der Grüns »Irrlicht« und Feuer herausbrachte, protegiert. Die meisten Mitglieder haben bisher vorwiegend in den Feuilletons westdeutscher Gewerkschaftsblätter publiziert, so die Verseschmiede Granitzki, Küther und Büscher. Als Erzähler ist neben Max von der Grün der Gruppensenior Bruno Gluchowski, 64, hervorgetreten: Er veröffentlichte in diesem Jahr den Pütt-Roman »Der Durchbruch«.

Die Gruppe-61-Autoren kommen mindestens dreimal jährlich - an den arbeitsfreien Tagen Karfreitag, 17. Juni und Buß- und Bettag - im Dortmunder »Archiv für Arbeiterdichtung und Soziale Literatur« zu Lesungen und wechselseitiger Werk-Kritik à la Gruppe 47 zusammen.

Unter der Anleitung Hüsers und der Assistenz einiger Verlagslektoren, Soziologen und Journalisten wollen die »Dortmunder«, laut Gruppenprogramm, »nur den selbstgestellten künstlerischen Aufgaben verpflichtet und ohne Rücksicht auf andere Interessengruppen« eine »literarisch-künstlerische Auseinandersetzung mit der industriellen Arbeitswelt der Gegenwart« sowie »kritische Beschäftigung mit der früheren Arbeiterdichtung« pflegen.

»Klassenkampf-Pathos, Maschinenkult und Industrieromantik der klassischen deutschen Arbeiterdichtung vor und nach dem Ersten Weltkrieg werden von den 61ern verworfen. Sie bemühen sich um eine kritische, aber ideologiefreie Einschätzung ihrer sozialen Situation.

Dabei fallen freilich kaum Preislieder auf die vollbeschäftigte Wohlstandsgesellschaft ab. Die neuen Arbeiterpoeten von der Ruhr äußern durchaus Unbehagen. »Die Meinungsforscher«, sagt Gruppenmitglied Artur Granitzki, 58, Bauarbeiter aus Köln, »fragen uns nach allen äußeren Umständen, aber nicht, wie uns zumute ist.«

Granitzki widerspricht der Werkszeitungs-Ideologie von der »Schönheit der Arbeit":

Hammerschlag, du tust mir weh!

Ich kann dein Lied nicht singen,

wenn ich meine Hände seh,

wie die Fingerkuppen springen.

Gruppendichter Kurt Küther, 35, Betriebsrat auf der Zeche Welheim in Bottrop, reimt über den »Gleichtrott des Bergmannslebens":

Den Hammer in die Wände gerammt,

den Kopf gestoßen, die Haut geschrammt.

Nach der Schicht langgelegt,

umgefallen wie abgesägt!

Das ist mein Erdenlos!

Das ist mein Erdenweg!

In solchen Gedichten heutiger Arbeiter, sagt der Soziologe Helmut Schelsky, manifestiere sich ein Gefühl der Unterprivilegiertheit und der Verbitterung über eine »quälende Diskrepanz": Während die Mehrheit durch den technischen Fortschritt von Schwerarbeit befreit worden ist, muß ein kleinerer Teil der Arbeiterschaft auch heute noch körperlich fronen.

Anders geartete Erbitterung ließ der invalide Ex-Kumpel und heutige kaufmännische Angestellte Josef Büscher, 46, im Dortmunder Dichterkreis hören. Büscher beklagt den geistigen Verfalt der Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung. Sein Gedicht »Versammlung« beginnt: »Die Melodie ist abgedroschen, die Worte schmecken fade und nach kaltem Rauch...«, und es endet mit der Frage an die lethargischen Kollegen: »Und denkt bei uns nur noch der Funktionär, sonst keiner mehr?«

Immerhin nimmt wenigstens die Zahl denkender und schreibender Arbeitnehmer in der Gruppe 61 zu. Seit Max von der Grüns »Irrlicht und Feuer« Skandal gemacht hat, schwillt der Zustrom der Manuskripte an den Gruppe-61-Mentor Hüser in Dortmund und an den Paulus-Verlag in Recklinghausen. Zwar sind die meisten Einsendungen unbeholfen und undruckbar, aber allein in den letzten zwei Monaten machten Hüser und Paulus drei Entdeckungen:

▷ Aus Wien schickte ein Werksdirektor unter Autorenpseudonym Erzählungen, die das Verhältnis katholischer Arbeiter zur Automation behandeln, und schrieb dazu, auch ein Manager könne doch zur modernen Industrie-Literatur beitragen - die Aufnahme des Manager-Dichters in die Gruppe 61 soll am kommenden Buß- und Bettag vollzogen werden;

▷ aus Nürnberg bewarb sich ein Verfasser moderner Arbeiterlieder - er nennt sie nach amerikanischem Vorbild »situation songs« - um Aufnahme in die Dortmunder Gruppe; er soll die nächste Gruppentagung mit Gesang und Gitarre beleben;

▷ aus der Schweiz sandte ein ehemaliger Krupp-Arbeiter einen Bericht über die Erlebnisse dreier Kruppianer-Generationen ein, »Krupp und Krause« - der Paulus-Verlag plant die Veröffentlichung 1965.

Auch Werke der »Dortmunder« Granitzki, Küther und Büscher sollen demnächst in einer Anthologie erscheinen, ebenfalls ein neuer Kohlenpott-Roman von Bruno Gluchowski: »Der Honigkotten«.

Drei Jahre nach ihrer Gründung ist die Gruppe 61 westdeutscher Arbeiterschriftsteller dabei, dem Hobbyisten- und Dilettanten-Status zu entwachsen. In der vergangenen Woche wurde Gruppen-Star Max von der Grün auf Vorschlag von Arnold Zweig in das »Deutsche Pen-Zentrum Ost und West«, Sitz Ost-Berlin, gewählt.

Von der Grün, der im November die DDR besuchen wird, nahm die Wahl an und schrieb an die Pen-Brüder im Osten: »Meine Mitgliedschaft steht unter dem Wort Heinrich Manns: 'Literatur kann es nur geben, wo der Geist selbst eine Macht ist, anstatt daß er sich beugt unter geistwidrige Gewalten.'«

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