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LITERATURPREISE »Umwege sind auch Wege«

Der Schriftsteller Wilhelm Genazino, 61, über den mit 40 000 Euro dotierten Georg-Büchner-Preis, den er im Herbst erhalten wird
aus DER SPIEGEL 24/2004

SPIEGEL: Herr Genazino, haben Sie schon lange auf den Büchner-Preis gewartet, der Ihnen jetzt zugesprochen worden ist?

Genazino: Nein. Das müssen Sie mir glauben. Ich habe von Anfang an nie im Hinblick darauf geschrieben, ob jemand das bemerken wird. Und ob ich prämiert würde mit diesem oder jenem Preis, war mit immer wurscht.

SPIEGEL: Also hat Sie der neue Preis überrascht?

Genazino: Ja. Wie überhaupt die Wende in der Aufmerksamkeit meiner Arbeit gegenüber. Bis vor wenigen Jahren war ich eher ein randständiger Autor. Ich werde einige Zeit brauchen, um für all das eine Erklärung zu finden.

SPIEGEL: Hat Ihr Wechsel zum Hanser-Verlag da vielleicht eine Rolle gespielt?

Genazino: Es liegt auf der Hand, dass das ein wichtiger Faktor war. Hanser ist einfach eine schnelle, kompetente Truppe, auf allen Ebenen. Das merkt man als Autor, wenn der eigene Verlag auf Zack ist.

SPIEGEL: Passen Sie gut ins Verlagsprofil?

Genazino: Ich denke, ja. Es gibt da auch andere Autoren meiner Bauart: Einsiedler, die alles Einsiedlerische verlieren, wenn man genauer hinschaut - weil sie auf ihre Art nämlich die Anliegen der Mehrheit ansprechen.

SPIEGEL: Das klingt jetzt recht selbstbewusst. Früher haben Sie gern über »Scheitern« und »literarische Erfolglosigkeit« geschrieben.

Genazino: Ich habe nicht nur literarisch mehrmals neu angefangen, sondern auch in anderen Bezirken des Lebens. Oft brauchte ich einen zweiten und dritten Anlauf. Aber die Umwege sind ja eigentlich die Wege zu den Wegen. Der Mensch ist ja das einzige Wesen, das seine Anstrengungen unterbrechen kann, sei es freiwillig oder unfreiwillig. Wenn man scheitert, kann man ein Projekt zwei oder auch zehn Jahre liegen lassen: Man kann es dann wiederaufnehmen. Das ist die wundervollste Entdeckung, die man im Menschenleben machen kann.

SPIEGEL: In Kürze wird eine Aufsatzsammlung von Ihnen erscheinen, in der Sie sich auch mit dem Humor beschäftigen. Sind Sie ein heimlicher Komiker?

Genazino: Das geht auf eine Vorlesungsreihe zurück. Meine Wahrnehmungsmethode ist mit Komik aufs Engste verbunden.

SPIEGEL: Ihre »Abschaffel«-Romane aus der Welt eines Angestellten sind schon in den siebziger Jahren erschienen. Erscheint Ihnen das heute weit weg?

Genazino: Ich glaube, es gibt einen Anteil von Aktualität darin. Es geht um die Lage des Subjekts in der Moderne, auch der modernsten Moderne.

SPIEGEL: Können Sie sich jetzt über die Auszeichnung freuen?

Genazino: Ja, und ich bin froh, dass sie mich so spät trifft. Nun kann ich dem einigermaßen gelassen begegnen.

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