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Umwelt: Planetare Zeitbombe in der Dose

Nicht nur mit dem Atom-Knall, meinen Umweitschützer, sondern auch mit leisem Zischen könnte die Menschheit sich ums überleben bringen -- mit dem Zischen aus Milliarden Spraydosen. Politiker und Wissenschaftler suchen nun die neue »planetare Zeitbombe« zu entschärfen: US-Abgeordnete erwägen sogar einen Spray-Bann.
aus DER SPIEGEL 16/1975

Nach einer Konferenz, bei der US-Politikern die neue Gefahr geschildert wurde, mochte der demokratische Kongreß-Abgeordnete Paul G. Rogers es kaum glauben: »Wir hörten die Geschichte von dem unwirtlichen Planeten, der von seinen eigenen Bewohnern zerstört wurde«, sagte Rogers. »Es klang wie Science-fiction oder schwarzer Humor. Ist die Menschheit wirklich von Milliarden Spraydosen bedroht?«

Für so real immerhin wird die Gefahr in Washington gehalten, daß die amerikanische Regierung vorletzten Monat eine Arbeitsgruppe bildete, die das jüngste Menschheitsproblem studieren soll: Nachdem Flüsse. Seen und Ozeane zu Kloaken, die Luft in den Städten zum Pesthauch degradiert wurden, haben die von Menschenhand erzeugten Schadstoffe nun auch den höher gelegenen Teil der lebenspendenden Lufthülle erreicht: die Stratosphäre.

Das neue umweltzerstörerische Agens ist unsichtbar und, was seine Langzeitwirkung angeht, besonders folgenschwer. Es gefährdet den Ozon-Mantel*, der die Erde in 12 bis 45 Kilometer Höhe umgibt und den gefährlichsten Teil des ultravioletten Sonnenlichtes absorbiert -- ein Filter, der das Leben auf der Erde vor einer tödlichen Überdosis harter Strahlung schützt.

Bedroht wird diese Stratosphärenschicht mit hohem Ozon-Anteil gleich durch drei Errungenschaften der Technologie:

* durch Treibgase, die unter Druck zum Beispiel Haarfestiger. Desodorants oder Pflanzenschutzmittel aus Spraydosen versprühen.

* durch Abgase überschallschneller und -- in geringerem Maße auch herkömmlich schneller Flugzeuge,

* durch Stickoxide, die von Atomexplosionen herrühren.

Vorletzte Woche wurden in Washington die Ergebnisse einer 348 Seiten starken Studie der National Academy of Seiences bekannt, der zufolge »überzeugende, wenn nicht zwingende Argumente« dafür sprechen, daß die Hautkrebsrate auf der Erde um 20 Prozent steigen könnte, wenn der Ozon-

* Ozon ist eine Sonderform des Sauerstoffs.

Anteil in der Stratosphäre nur um zehn Prozent sinkt. Dies aber wäre mit einer Überschall-Luftflotte von 300 oder 400 Maschinen mutmaßlich innerhalb weniger Jahre erreicht worden.

Daß auch die harmlos anmutenden Spraydosen zu einem Kollaps in der Stratosphäre beitragen könnten, war von amerikanischen Wissenschaftlern erstmals Mitte letzten Jahres vermutet worden. In nur zwei Jahrzehnten, so behaupteten damals die beiden Stratosphäre-Spezialisten F. Sherwood Rowland und Ralph J. Cicerone, könnten die Treibgase das schützende Ozongewölbe infiltriert und »signifikant« verdünnt haben.

Sechs weitere Studien bestätigten inzwischen solche Prognosen. Eine »Angelegenheit dringender Priorität« nannte ein Harvard-Forscherteam dieses Problem. Meßflugzeuge des Naval Research Laboratory registrierten 1974 doppelt so viele Treibgasteilehen wie zwei Jahre zuvor: 120 (statt vorher 61) auf jeweils eine Billion Luftteilchen.

Drei Milliarden Dollar jährlich werden allein in den USA im Spraydosengeschäft umgesetzt. Die durchschnittliche US-Familie, so wird geschätzt, hat schon 40 bis 50 Spraydosen verschiedenen Inhalts im Hause, vom Intimspray bis zum Fliegentöter.

Weltweit wird 1975 rund eine Million Tonnen der nun so umstrittenen Treibgase hergestellt, vor allem sogenannte Fluorkohlenwasserstoffe, die unter Markennamen wie »Freon«, »Frigen« oder »Kaltron« auf dem Markt sind. Der US-Chemieriese Du-Pont etwa hat vor, den Ausstoß seiner Freon-Fabrik in Corpus Christi (US-Staat Texas) bis 1980 auf 800 000 Tonnen zu verdoppeln.

Als Kältemittel für Kühlschränke und Klimaanlagen waren diese Substanzen Ende der zwanziger Jahre entdeckt und entwickelt worden. Und als Treibgase für Aerosol-Dosen eignen sie sich gerade wegen der Eigenschaft. die sie nun zur Umweltgefahr macht: Sie sind chemisch reaktionsträge ("inert"), gehen also mit dem zu versprühenden Inhalt keine Verbindung ein.

So wurde auch zunächst keine Gefahr vermutet, als 1971 englische Wissenschaftler bei Messungen über dem Atlantik feststellten, daß die chemischen Einzelgänger sich in den unteren Atmosphäreschichten ausgebreitet hatten.

Unbehelligt, ohne sich unterwegs mit anderen Stoffen zu verbinden, steigen die Gasmoleküle in der irdischen Lufthülle höher und höher, durchdringen auch die turbulente (50 Minusgrade messende) Tropopause, die normalerweise die Stratosphäre vor einem Durchmischen mit Schwebestoffen schützt, und geraten schließlich unter Beschuß harter UV-Strahlung von der Sonne.

Damit kommt die -- für das irdische Lehen möglicherweise höchst bedrohliche -- Reaktion in Gang: Chlor-Atome werden freigesetzt. die sodann das dreiatomige Ozon (O3) zu gewöhnlichem zweiatomigen Sauerstoff (O2) reduzieren. Mit einem vollständigen Umbau entfiele die Fähigkeit des Ozongürtels, die Erde gegen UV-Strahlung abzuschirmen.

In welchem Ausmaß die Ozonschicht sich dabei verflüchtigt, ist unter den Forschern vorerst noch umstritten. Die Harvard-Physiker Michael McElroy und Steven Wofsy beispielsweise prognostizieren einen siebenprozentigen Ozonschwund bis zum Jahre 1984; eine gleichmäßig wachsende Treibgasproduktion vorausgesetzt, würde die Ozonhülle schon zehn Jahre später um beinahe ein Drittel ihrer natürlichen Dichte abgenommen haben.

Weniger aggressiv (um den Faktor sechs), aber in der gleichen Weise wirken die Stickoxide ozonverdünnend, wie sie etwa den Antriebsaggregaten der Düsenflugzeuge entströmen. »Schwere Konsequenzen« seien unabwendbar. heißt es in einer kürzlich abgeschlossenen Studie der amerikanisehen Verkehrsbehörde, falls es nicht gelänge, den Stickoxid-Anteil in Düsen-Abgasen »strikt zu limitieren«.

Insgesamt verfeuern die internationalen Jet-Flotten jährlich 20 Milliarden Kilo Kerosin. Und pro Kilo Treibstoff stoßen die Großraum-Flugzeuge der Jumboklasse etwa 15 Gramm Stickoxid aus, bei Überschall-Passagierflugzeugen etwa vom Typ Concorde oder TU-144, deren Reiseflughöhe schon am Rande der Ozonschicht liegt, sind es sogar 18 Gramm.

Mit Vorbehalt sind einstweilen die Zahlen zu betrachten, mit denen verschiedene Forschergruppen die Gefahren -- oder schon eingetretene Schäden -- beziffern. So sollen, wie die US-Abrüstungsbehörde mitteilte, allein die Stickoxide, die von Atomexplosionen herrühren, die Ozonhülle schon um vier bis fünf Prozent verdünnt haben.

Andererseits erklärte jüngst Dr. Thomas M. Donahue, Chef des Atmospheric and Oceanic Science Department an der University of Michigan, vor dem Washingtoner Kongreß-Ausschuß: »Schon ein Prozent weniger Ozon bedeutet zwei Prozent mehr ultraviolettes Sonnenlicht, das die Erdoberfläche erreicht.« Entsprechend, so stellte Donahue in Aussicht, würde die Zahl der Hautkrebsleiden um zwei Prozent zunehmen -- 1400 Neuerkrankungen jährlich allein in den USA und mehr als 200 in der Bundesrepublik wären die Folge.

Daß zwischen der Dichte des naturgegebenen UV-Filters und der Hautkrebshäufigkeit tatsächlich ein Zusammenhang besteht, wurde zuletzt vom National Cancer Institute der USA mit Hilfe von Forschungsflügen des Aufklärungsflugzeuges U-2 bestätigt: Entsprechend der nach Norden hin an Dichte zunehmenden Ozonhülle gibt es auf dem Breitengrad von Minneapolis (US-Staat Minnesota) nur halb so viele Hautkrebsfälle pro 100 000 weißer Einwohner wie etwa in der Texas-Großstadt Dallas (über der die Ozonkonzentration in 21 Kilometer Höhe um zwei Fünftel geringer ist).

Sollten die düsteren Prognosen der Ozonschützer zutreffen, so wären freilich nicht nur Krebstote zu befürchten. Irdisches Leben überhaupt, das erst im Schutz der UV-filternden Ozonhülle vor Jahrmilliarden entstehen konnte, käme in Gefahr: Folgenreiche Klimaänderungen und vor allem Störungen im Prozeß pflanzlicher Eiweißbildung und damit weltweite Hungersnöte wären nicht auszuschließen.

Während US-Politiker die neue Umweltgefahr bekämpfen wollen, sucht die betroffene Industrie einstweilen abzuwiegeln. »Schlagzeilengierige Kritiker von nur geringer wissenschaftlicher Vertrauenswürdigkeit« sieht Robert Abplanalp, millionenschwerer Erfinder des Spraydosen-Ventils, am Werk. Das Fachblatt »Aerosol Age« warnt die Forscher vor einer »verfrühten Bekanntgabe« ihrer Ergebnisse. Und auch Erich Bodendiek, Sprecher der Frankfurter Hoechst AG, meint: »Nur Hypothesen.«

Immerhin hat Hoechst, mit der Marke Frigen Europas größter Treibgashersteller, zusammen mit dem Max-Planck-Institut für Chemie in Mainz jetzt ein Forschungsvorhaben »Ozon« gestartet. Und der astronomische Satellit »Copernicus« soll für die Nasa -- mit Hilfe von Sternenlicht, dessen Veränderung beim Durchdringen der Lufthülle gemessen wird -- in den nächsten Jahren den Zustand der Ozonschicht kontrollieren.

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