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UNBEWÄLTIGTE ZUKUNFT

aus DER SPIEGEL 31/1965

Helmut Schelsky 52 ist Ordinarius für Soziologie an der Universität Münster. Seine Bücher - »Die skeptische Generation, eine Soziologie der deutschen Jugend«; »Die sozialen Folgen der Automatisierung«; »Soziologie der Sexualität« - untersuchen Strukturveränderungen in der zeitgenössischen Gesellschaft.

Robert Jungk, bekannt geworden durch seine gekonnten Berichte über wissenschaftlich-technische Entwicklungen in den Büchern »Die Zukunft hat schon begonnen« und »Heller als tausend Sonnen«, hat zusammen mit einem Lektor des Desch-Verlages eine Buchreihe herausgegeben, die es sich zum Ziel gesetzt hat, »die Phantasie und die Ratio des Lesers auf heutige und kommende Gemeinschaftsaufgaben hinzulenken«. Erschienen sind bisher drei Bände: »Der Griff nach der Zukunft. Planen und Freiheit«, »Wege ins neue Jahrtausend. Wettkampf der Planungen in Ost und West« und »Deutschland ohne Konzeption? Am Beginn einer neuen Epoche«, zwölf weitere Bände sind angekündigt. Die Verfasser der Beiträge in den ersten Bänden sind rund 50 Professoren und Journalisten und was sich geistig dazwischen angesiedelt hat.

Die Bedeutung dieser Bände liegt darin, daß sie ein Versuch sind, das geistige Klima (Westdeutschlands) entscheidend zu verändern« (Jungk). Dieses schwankt zwischen »wahnhafter, formloser Dynamik und resignativem Pragmatismus« (Mundt) oder, wie es C. F. v. Weizsäcker formuliert hat, »zwischen Lethargie und blinder Emotion«. Diesen Zustand wollen die Herausgeber überwinden, indem sie das rationale wissenschaftliche Denken in der Gestaltung der Zukunft intensivieren. Sie wenden sich an eine Jugend, die mit Recht von sich sagen könnte: »Das Jahr 1980 ist uns näher als das Jahr 1945.«

In der Tat ist ja wohl der schwerste Fluch der »unbewältigten Vergangenheit«, daß sie die geistigen Energien nach rückwärts bindet; ihren literarischen Äußerungen nach zu urteilen, scheint einem großen Teil unserer heutigen akademischen Jugend das Jahr 1933 näher zu liegen als das Jahr 2000, und nichts ferner als jener ideologieunbekümmerte technologisch-utopische Zukunftselan, den ich schon vor Jahren bei den jungen Russen feststellen konnte.

Dieser deutschen Rückwärtsgewandtheit und geistigen Stagnation setzt dieses literarische Unternehmen den Versuch einer neuen geistigen Strömung oder Bewegung entgegen, die in der Zusammenfassung aller rationalen Kräfte der Zukunftsplanung bestehen soll.

Damit wird »Planung« zu dem Zauberwort einer neuen Utopie. Die Hoffnungen, die Jungk mit dem »Planen der Zukunft« verbindet, entsprechen in allen Einzelheiten den Bestimmungen der klassischen Utopie (und Ideologie).

Sein Gedankengang in Kürze: Die unbewältigte Zukunft muß zum zentralen Gegenstand des Zeitbewußtseins gemacht werden. Ein »neuer Mensch« wird gefordert. Er muß, wie die neue Welt, »geplant« werden. Er selbst wird als »Planer« vorgestellt und so als Leitbild beschrieben. Sind genügend Menschen »Planer« geworden, dann ist eine Stabilität der politischen und technischen Entwicklung, die »Beherrschung der Zukunft«, erreicht: der politische Harmoniegedanke.

Da »Planung« auch zum kulturellen Leben der Menschen in ihrer Freizeit werden soll, wird diese »Planung« bilden: der personale Harmoniegedanke. Als Endzustand wird eine harmonische, durch höchste Bewußtheit und Rationalität gebändigte planvolle Entwicklung der Menschheit gesehen; an die Stelle der »klassenlosen Gesellschaft« oder des »Dritten Reiches« tritt das geplante Planungsparadies.

Wie bei allen intellektuellen Utopisten seit Plato, Hobbes oder Fichte landet der hohe Gedankenflug bei der

bescheidenen und etwas ridikülen konkreten Forderung, eine »Schule« zu gründen, modern gesprochen: ein Institut. Jungk verspricht sich von einem neuen, selbstverständlich »Internationalen Institut für Planforschung«, daß es als eine Art »Weltgehirn« funktionieren könnte, das die Welt durch den Geist - und nicht durch Macht und Herrschaft - führt, indem es nur empfiehlt, aber nicht befiehlt.

Da die »Planer« als Utopisten alle Anhänger des herrschaftslosen Zustandes sind, tun sie sich sehr schwer mit der Frage, wie eine Minderheit der Planer zwar die Welt dirigieren, sie aber nicht als Machtgruppe regieren könnte; heute nicht mehr gelesene Schriften wie die Hans Freyers über »Herrschaft und Planung« (1933) haben dieses Dilemma schon klarer dargestellt, als es vielen damit befaßten Autoren dieser Bücher gelingt.

Robert Jungk hat als konsequenter Utopist in privater Initiative ein solches »Institut für Zukunftsfragen« (Wien I, Goethegasse 1) bereits gegründet; erste Aufgaben: Herausgabe

einer vierteljährlichen Bibliographie über die jeweils neueste »Zukunftsliteratur«, Errichtung einer Bibliothek und einer Dokumentationszentrale. Außerdem werden die Leser dieser Bücher aufgefordert, selbst »kritisch und anregend, klärend und entwerfend das Wort zu ergreifen«, das heißt, Themen vorzuschlagen und selbst Beiträge einzusenden; der Verlag hat dafür vorgedruckte Antwortkarten beigelegt. Soziologisch gesehen ist dies eine moderne Form der Gemeindebildung.

Worauf gründen sich die Hoffnungen dieser Autoren, daß eine neue »Planungsepoche« angebrochen sei? Technisch auf die Anwendung der elektronischen Computer oder Rechenmaschinen, die als Daten- und Informationssammler Wissensbestände zur Verfügung stellen und durchrechnen können, die der Mensch früher nicht bewältigen konnte, so daß nach der Epoche der »Kraftmaschinen« ein Zeitalter der »Denkmaschinen« anzubrechen scheint. Methodisch auf die neue Wissenschaft der Kybernetik, die als Informationstheorie die Selbststeuerung komplizierter Systeme der Technik, Natur und Gesellschaft untersucht. Sie hat im Prinzip der Rückkoppelung, das heißt der Rückwendung einer Wirkung zur Steuerung ihrer weiterlaufenden Ursache oder Produktion, ihren zentralen Begriff gefunden.

Von hier aus erscheint eine Planung, in der man sich einen Plan ausdenkt und dann, an ihm festhaltend, verwirklicht, als primitiv und veraltet - »Der Plan - dieser majestätische Singular ist ein Widerspruch in sich« (Jungk) -; die »rückgekoppelten« Informationen über die planmäßig in Gang gesetzten Wirkungen führen zu immer neuen Bestimmungen der Planungsziele. Damit wird »Planung« zum geistigen und sozialen Leben eines Systems, zum Beispiel der Gesellschaft, selbst.

Leider bestätigen die Verfasser den tief dilettantischen Zug, der sich fast überall in Deutschland mit der Behandlung der Kybernetik verbindet. Unter einer neuen Begrifflichkeit werden längst bekannte Erkenntnisse vorgeführt, ohne daß die Autoren sich ihrer geistig oft klarer denkenden Vorgänger bewußt sind. So muß man mit dem Gewinn zufrieden sein, daß sich vom Technischen her eine neue einheitliche Begrifflichkeit über die Natur-, Sozial- und Geisteswissenschaften hin verbreitet. Dem mit Stolz vertretenen Anspruch, daß die moderne Planung vor allem Alternativen zu entwickeln habe, werden die Beiträge keineswegs gerecht: Sie bieten alle nur die Alternative Planung oder Untergang, die ja wohl keine Wahl läßt.

Planungswiderstände werden vor allem in gefühlsmäßigen und dogmtisch-metaphysischen Lebenseinstellungen gesehen; wer nicht auf »Planung« setzt, wird zum »Vertreter eines regressiven Sozialdogmatismus« (Haseloff). Wichtige Tatbestände wie die, daß in hochkomplexen Systemen, wiederindustriellen Gesellschaft mit ihren unendlichen Verflechtungen oder in Interessendemokratien mit zahlreichen festgelegten Gruppeninteressen, der Raum der Planung immer geringer wird, Universalformen oder langfristige Planungen kaum möglich sind oder verschwiegen werden müssen, um nicht zu viele Kräfte dagegen aufzubringen, finden kaum Erörterung.

Dafür werden die Planungsgegner zu »Gesinnungsgegnern« gestempelt und das Monopol der »Rationalität« für die jeweils eigene Ansicht in Anspruch genommen. In dieser Einstellung entsprechen sehr viele Abhandlungen gerade nicht dem wissenschaftlichen Bewußtsein, das sie fördern wollen.

Souverän hat diese Gefahren nur ein Autor gesehen: Hartmut von Hentig in seiner Abhandlung »Planung entwickelt eine neue Mentalität«, wobei »Mentalität« verstanden wird als »ein Zustand des Geistes, der von diesem Geist selbst nicht mehr erreicht und kritisiert werden kann. Dieser Zustand wird planmäßig erreicht, indem man den Geist, bevor er dieser Selbstkritik fähig ist, auf ein Prinzip abrichtet«.

So ist die Frage, ob diese Bücher wirklich die rationale Versachlichung der Zukunftsgestaltung fördern oder eine Planungsideologie schaffen, die alten Vorurteilen neue Gewänder schneidert. Ich fürchte, daß eine »Ideologie der Rationalität« ebenso große Gefahren heraufbeschwören kann, wie es die Ideologien der Irrationalität taten.

Schließlich ist noch zu sagen, daß das geistige und wissenschaftliche Niveau und die Originalität vieler Abhandlungen doch sehr zu wünschen übriglassen Abgesehen von dem im wesentlichen auf sachliche Berichte über Wirtschafts - und Regionalplanung in westlichen und östlichen Ländern abgestellten II. Band zeigen die anderen Bände alle Nachteile schnell zusammengefügter »Sammlungen": Sehr viele Autoren tragen zum x-ten Mal das von ihnen längst bekannte Thema vor, diesmal mit der Überschrift »... und Planung«; einige Abhandlungen sind fast wortgetreue Berichte aus vorhandenen Büchern, keineswegs immer eigenen; was unter der Spalte »Planung und Philosophie« abgehandelt wird, hat mit einer auch nur einigermaßen wissenschaftlich philosophischen Fragestellung nichts zu tun; wichtige Erörterungen findet man unter den irreführendsten Überschriften, wie zum Beispiel die Auseinandersetzung mit den methodischen Grundlagen der Soziologie in der Abhandlung »Stadtplanung auf dem Wege zur Wissenschaft« (Peisert), während andere Abhandlungen nicht das halten, was sie als Titel versprechen (zum Beispiel Tielsch: »Die Geschichte der Planung").

Dieser so wichtige und begrüßenswerte Versuch, den Geist der rational und wissenschaftlich die Zukunft produzierenden jungen Generation von Naturwissenschaftlern und Technikern, Ökonomen und Sozialwissenschaftlern zu einem gemeinsamen Zeitbewußtsein und damit zu einer Rationalitätserhöhung zu aktivieren, ist hier vertan. Schade! Wahrscheinlich entsteht auch die Wirklichkeit des Jahres 2000 ohne ein vorwegzunehmendes rationales Planungsbild ihrer Produzenten.

Schelsky

»Modelle für eine neue Welt«

Herausgegeben von Robert Jungk und

Hans Josef Mundt

Verlag Kurt Desch

München

pro Band 24 Mark

Helmut Schelsky
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