Zur Ausgabe
Artikel 86 / 128
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Film Und bist du nicht willig

»Ladybird, Ladybird«. Spielfilm von Ken Loach. Großbritannien 1994.
aus DER SPIEGEL 24/1994

Karaoke, diese Amateur-Singerei mit Playback, ist, wie es scheint, die einzige original japanische Form von Geselligkeit, die sich weltweit durchgesetzt hat: als Rettungsinsel für einsame Herzen. Wer niemanden hat, um zu kuscheln, kann da doch einem Kneipenpublikum die überfließende Seele öffnen. So auch Maggie Conlan, wenn sie sich in einem verrauchten Schuppen ans Mikrofon klammert: Sie singt - und damit beginnt dieser Film - einen platten Schnulzentext so schön und innig und zerreißend, als würde sie in Tränen schwimmen.

Über den südländischen Typ, der sie danach anschwärmt, will sie sich nichts vormachen ("Er ist nicht gerade Julio Iglesias"), läßt sich aber doch zu einem Bier an den Tresen locken. Maggie ist eine stämmige, blonde Hausfrau mit leuchtenden Augen; sie sei, sagt sie zu ihm, nun einmal so »blöd«, immer wieder auf unseriöse Kerle hereinzufallen. Und weil sie aus Liverpool stammt, sagt sie »schtupid«.

Die Darstellerin dieser Maggie heißt Crissy Rock und kommt aus Liverpool. Hauptsächlich, so sagt sie in Interviews, sei sie damit beschäftigt, sechs Kinder großzuziehen, aber sie liebe es auch, in Pubs oder Klubs auf eine Bühne zu steigen und komische Nummern zu erzählen. So ist sie für diesen Film entdeckt worden, sozusagen beim Karaoke, und sie schmeißt sich mit überwältigender Leidens- und Exaltationskraft in die Figur der Maggie hinein: ein Ereignis. Bei den letzten Berliner Filmfestspielen hat Crissy Rock den Silbernen Bären als beste Darstellerin gewonnen.

Vor einem Vierteljahr erst ist der vorletzte Film von Ken Loach, »Raining Stones«, in die deutschen Kinos gekommen, in dem ein Arbeitsloser sich ins Unglück stürzt, um seiner Tochter _(* Mit Ray Winstone. ) ein Kommunionskleid spendieren zu können. Nun folgt mit »Ladybird, Ladybird« (der Titel zitiert ein melancholisches Volkslied) sein jüngster, und wieder beweist Loach sich als eindringlichster, konsequentester Realist des britischen Kinos:

Er begnügt sich mit dem Licht, das die Wirklichkeit liefert; er dreht in realen Wohnungen, auch wenn sich da seine Kamera, mit beengtem Blickwinkel, nur in wenige Ecken quetschen kann; und er vertraut darauf, daß Laienspieler - neben der Liverpooler Hausfrau Crissy Rock ist es diesmal der aus Chile stammende Musiker Vladimir Vega - seinen »banalen Geschichten von banalen Leuten« die Leuchtkraft, die zwingende Einzigartigkeit zu geben vermögen, die das Kino verlangt.

Über die Filmheldin Maggie (deren Geschichte einem authentischen Fall folgt) läßt sich sagen, daß sie die Zuwendung des schüchternen Latin Lover namens Jorge, der sie am Tresen anspricht, nur zu sehr brauchen kann, denn sie ist randvoll mit Haß, Schmerz, Verzweiflung: Die Fürsorge hat ihr, da sie nach einem Gerichtsurteil als untaugliche Mutter gilt, ihre vier Kinder weggenommen.

Später, im Fortgang ihrer Liebesgeschichte mit Jorge, werden ihr zwei weitere Kinder jeweils kurz nach der Geburt von Polizisten überfallartig aus den Armen gerissen: So erlebt Maggie den Wohlfahrtsstaat, der es gut zu meinen meint, nur als Institution der Gewalt.

Ihre Schwester sagt spottend über Maggie, sie fliege nun einmal nur auf Kerle, die sie verprügeln. Mitfühlender ließe sich sagen: Maggie hat einen Vater überlebt, der verprügelte und vergewaltigte, erst die Mutter, dann das Kind. Sie ist zwangsläufig immer wieder an Schläger geraten, die Angst und Wut in ihr wachhielten, und ihre Geschichte mit Jorge erreicht ihren schrecklichen Offenbarungsaugenblick, als Maggie ihn zu schlagen beginnt, weil sie einfach nicht ertragen kann, daß er sie nicht schlägt. Es ist schwer für einen Menschen wie sie, einmal im Leben nicht die Verliererin zu sein.

Die banalen Geschichten von banalen Leuten sind, wenn Ken Loach sie erzählt, die bewegendsten und ungewöhnlichsten. Diese hier handelt davon, daß Gewalt sich zwar irgendwo in fernen Bürgerkriegen entlädt - in dem Land etwa, aus dem Jorge geflohen ist -, daß sie aber seit je und überall zu Hause zu Hause ist, in der Familie. Y

* Mit Ray Winstone.

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 86 / 128
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.