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FOTOGRAFIE Und koste es das Trommelfell

Die Rückblende - der deutsche Preis für politische Fotografie und Karikatur
aus DER SPIEGEL 4/2007

Der Marine-Inspekteur hatte sie gewarnt. Sie solle die Ohrenschützer aufsetzen, es werde laut, furchtbar laut. Die Ohren würden schmerzen. Aber die Kanzlerin wollte nicht. Sie wollte ohrenfrei bleiben.

Es war am 31. August, Angela Merkel war zu Besuch bei der Marine in Rostock-Warnemünde, um sie herum die graue Ostsee, am Horizont die Jagdbomber vom Typ »Tornado«, die Krachmacher.

Die »Tornados« kamen näher, der Marine-Inspekteur steckte sich die Finger in die Ohren, Merkel drückte die rechte Hand auf ihren Bauch, mit der linken hielt sie sich an der Reling fest, und in diesem Moment drückte Andreas Rentz auf den Auslöser.

Weil der Moment, den er einfing, so ungewöhnlich war, belegte er den ersten Preis beim Wettbewerb »Rückblende 2006«, den die Landesvertretung Rheinland-Pfalz und der Bundesverband der Deutschen Zeitungsverleger in Kooperation mit dem SPIEGEL und anderen Partnern für die besten politischen Fotografien und Karikaturen eines Jahres veranstalten. Die Arbeiten sind bis zum 4. März in der Landesvertretung Rheinland-Pfalz in Berlin und danach auf einer Tour durch Hamburg, Bonn, Leipzig, Trier und Mainz zu sehen.

Ein gutes Foto zeigt immer mehr als das, was das Auge sehen kann. Im besten Falle erzählt es eine ganze Geschichte. Das Siegerfoto handelt davon, wie Angela Merkel sich am Ende doch noch jenen Gesetzen der Mediendemokratie beugte, denen sie sich bislang verweigert hatte. Jetzt scheint es, als habe sie gar Lust an der Inszenierung gewonnen. Sie kalkulierte die Wirkung des Fotos bewusst mit ein, sie wollte eine Botschaft an ihr Volk senden: dass sie belastbar ist und standhaft, dass sie sich nicht wegduckt, sondern offenen Ohres regiert. Und koste es das Trommelfell.

Das Bild zeigt im übertragenen Sinne, welche Zumutungen dieses Amt für seinen Inhaber bereithält. Es ist ein gutes Bild für jenes Jahr, in dem viele Akteure Merkels Belastbarkeit testen wollten: aus der eigenen Partei ebenso wie aus der SPD.

Wer die besten Fotos des Jahres 2006 Revue passieren lässt, sieht eine Kanzlerin, die weniger spröde wirkt als früher, und ein Land, das sich erstmals eine gewisse Leichtigkeit leistete.

Die Fußball-WM schien den Deutschen etwas Spielerisches geliehen zu haben, wenigstens für ein paar Wochen. Sie mussten feststellen, dass sie fröhlicher und freundlicher sein können, als sie es selbst von sich dachten. Man sah etwa einen Mann auf einer Liege in seinem Garten, den er in ein Fußballfeld verwandelt hatte.

Es bleibt die Erinnerung an ein paar Wochen, da der Fußball Menschen zusammenholte, die nicht allein gucken wollten. Im Schatten der WM wurden so aus einsamen Wölfen gesellige Wesen und der Fußball zum vielleicht letzten Kleber einer langsam zerbröselnden Gesellschaft.

Einen anderen Hang zur Hysterie karikierte Christian Charisius. Sein Bild vom gestorbenen Schwan auf Rügen thematisiert die Sensationsgier der eigenen Zunft, die in der Vogelgrippe eine Tragödie suchte, wo keine war. Das Foto zeigt, wie ein mediales Einsatzkommando die Bergung eines Schwans zum Ereignis macht, und rückt so die Verhältnisse wieder zurecht. Wenn fünf Kameras auf ein totes Tier kommen, schrumpft die vermeintliche Katastrophe rasch auf das zusammen, was sie wirklich ist: Medien-Alarmismus.

Der Fotograf bediente sich einer so genialen wie einfachen Technik: des Schritts zurück. Er entfernte sich vom vermeintlichen Zentrum des Geschehens, dem Schwan, um eine präzise Sicht auf den eigentlichen Kern des Ereignisses zu bekommen. Man könnte auch sagen: Er machte das ganze Bild. MARKUS FELDENKIRCHEN

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