Renate Merklein über Dieter Kühn: "Die Präsidentin" Und Madames Ganovenehre?
Ein Modellfall soll hier durchgespielt, eine historische Figur bis auf jenen zeit- und geschlechtslosen Prototyp entblättert werden, dessen »Verhaltensweisen mehr vom Wirtschafts- und damit Gesellschaftssystem motiviert« sind als von persönlichen Anlagen. Das jedenfalls sei der Sinn seines Buches über Marthe Hanau, eine französische Wirtschaftskriminelle der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg. erklärt Dieter Kühn in den Selbstreflexionen, die er in seinen »Roman eines Verbrechens« eingestreut hat.
Eine pralle Person, diese »Präsidentin«, die da zur Modellfigur stilisiert wird -- aussehend wie ein resolutes Muttchen und doch für ihre Zeit eine femme fatale, die zu Anfang des Jahrhunderts bereits Autos chauffierte. öffentlich rauchte, trank und keineswegs verhehlte, daß sie nicht Knaben, sondern Mädchen zu unerlaubtem Zweck in ihr Boudoir bat.
Doch die Moral, die es zu lehren gilt, »verträgt nichts Individuelles« -- das sagt der Autor und verbannt deshalb Persönliches in Nebensätze, Zwischenpassagen, Klammern, in denen dann doch einmal kurz »gerammelt, gefuckelt, geträumt« werden darf.
Deshalb auch schildert er die Taktiken der Zeitungs-, Finanz- und Investmentkonzern-Gründerin Marthe Hanau nicht wie sie waren, sondern so, wie sie hätten sein können. Die Versatzstücke dafür bieten Bernie Cornfelds Werbemaschen. die Geldspiele eines Texaners namens Sharp, der mit Buchungstricks seine Kreditwürdigkeit vervielfachte, und die Operettenausstattung des Vernon H. Kronenberg, der nur aufgrund seines nach Geld stinkenden Auftretens 14 Millionen Mark ergaunern konnte.
Kühn sucht in den Prozeßakten des einstigen Zündholzzaren Ivar Kreuger. der mit Scheinfirmen viele Sparer betrog, sowie in der Geschichte eines ganz frühkapitalistischen Gaunerpaares nach Verhaltensmustern für seine Madame Hanau. Er fahndet in Börsenbriefen und Tageszeitungen der Gegenwart nach »Sprachfertigteilen«, die auch seine Titelheldin in ihrer Gazette zur Aktien-Kurspflege hätte verwerten können. Nebenher juxt er sich noch über die »Bilder von Kampf und Sex« in der Wirtschaftspresse, wo Tochterfirmen auf Brautschau gehen, Biergiganten heiraten, Reserven mobilisiert werden: amüsant-boshaft spielt er bei seinen Variationen über das mögliche Hanau-Verhalten moderne Management-Leitfäden durch, legt deren Albernheit bloß.
Kühn, der Literat und Nicht-Wirtschaftsfachmann. entwirrt erstaunlich geschickt die verschlungenen Schleichpfade der Geldmacher. zeigt Schlupflöcher in den Gesetzen auf. Nur zuweilen unterlaufen ihm dabei einige Ungenauigkeiten. Da wird etwa behauptet, daß Unternehmen durch Gründung von Auslandsfilialen immer Steuern sparen oder bei Umwandlung der Firmen-Rechtsform fiskalischen Ansprüchen mit erlaubten Tricks entgehen können. Derartige Vergünstigungen gibt es-doch sie gelten in kaum einem europäischen Industrieland so allgemein.
Die erlaubten, die halb- und illegitimen Geschäftstricks, die möglichen und die tatsächlich erprobten Finanzspiele rankt Kühn um seine Marthe Hanau. macht so die Figur größer und quasi zum Inbild ihrer Gattung.
Und dann wird langsam deutlich. worauf dieses Buch hinaus will. Die gewiß talentierte Madame aus dem Paris der Zwischenkriegszeit soll postum der Ganovenehre beraubt werden, und mit ihr die ganze Zunft.
Der Autor sagt der vor fast 40 Jahren an Veronal und ohne Nachkommen. die gegen solche Verunglimpfung protestieren könnten, verstorbenen Dame von Kapitel zu Kapitel immer unverblümter nach, sie verdanke ihre Karriere keinesfalls eigenem kriminellem Talent. Schuld am Aufstieg der Hanau ist nach Kühn nicht sie selber- sosehr doch eine derart selbstbewußte Person vielleicht darauf beharren würde. Schuld an allem ist der Modeteufel der Saison -- der Kapitalismus, wer sonst?
Ein bißchen schuld, räumt Kühn ein, ist auch die Dummheit. der Vertrauensdusel der Geprellten. Aber auch das sei, so gibt er zu verstehen, eher Makel und Schuld des Systems.
Und so tut er dem gewiß häßlichen. vielleicht sogar abschaffenswerten Umstand, der Kapitalismus heißt, allzuviel Ehr. Was nur den Rahmen steckt für die Art des Verbrechens, für den Modus, wie Dummheit benutzt werden kann, wird hier zur Ursache von Kriminalität und mangelnder Intelligenz erhoben -- es wird zum Grund allen Übels ernannt.
Um dies seinen Lesern auch ganz deutlich ins Gehirn zu schreiben, versetzt Kühn seine Madame Hanau schließlich in eine sozialistische Kulisse. spielt er durch, was dort aus ihr geworden wäre. Und siehe da: Sie wird Brigade-Leiterin, eine sehr tüchtige zudem, ein wertvolles, angepaßtes Glied der sozialistischen Gesellschaft; eine Aktivistin, die allenfalls bei den Planerfüllungsziffern manchmal ein bißchen schummelt und, ihren besonderen Neigungen nach (die auch der Sozialismus nicht ändern konnte), den Mitarbeiterinnen gelegentlich an die Bluse geht.
Chancen. Kriminelles zu vollbringen oder Dummheit auszunützen, habe eine Marthe Hanau im Sozialismus ganz sicher nicht -- das will Kühn mit dieser Fiktion beweisen. Aber er demonstriert damit wohl doch nur, daß der Sozialismus vor allem gegen die üble Nachrede der Sozialisten geschützt werden muß.
Denn so inhuman ist Gott sei Dank kein sozialistisches System, daß es seinen Insassen nicht wenigstens die Freiheit ließe, dumm zu sein oder kriminell zu werden.