Zur Ausgabe
Artikel 112 / 133
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

MUSIK Undines dreiste Saitensprünge

Sie spielt Model, Disco-Girl und klassische Violine. Jetzt hat die exotische Geigerin Vanessa-Mae Vivaldis »Vier Jahreszeiten« umkomponiert - respektlos und deshalb hörenswert.
Von Klaus Umbach
aus DER SPIEGEL 47/1998

Der CD-Markt läuft schon lange nicht mehr rund. Die Klassik siecht dahin, und Pop kraucht auch. Das Geschäft lahmt im argen.

Welch ein Segen, daß wenigstens ein paar Interpreten nicht an die Kunst, sondern ans Geld denken und so die Bilanzen schöntönen. Diese opferwilligen Artisten, allen voran die drei Tenöre, sind heute die tragenden Säulen der Branche.

Und wenn es die Pingel und Puristen in den Philharmonien noch so schocken mag - auch jenes exotische »Geigen-Girlie mit dem Klassik-Tick«, das abendländische Kunststücke oft »an den Rand des musikalischen Bankrotts« ("Süddeutsche Zeitung") zu fiedeln pflegt, hilft, daß der Laden läuft. Vanessa-Mae Vanakorn Nicholson, 20, hat bislang rund 5 Millionen CDs abgesetzt und also den Bogen raus.

Allein dieser Rekord machte den Teenager aus Singapur allerdings nicht nur für das feine Feuilleton verdächtig: Mit dieser »Fidel-Lolita« ("Stern") kann was nicht stimmen.

Die tänzelt rum, wackelt mit den Hüften, wirbelt auf dem Schlagzeug, stöhnt zum Gedröhn ihrer Band, tut verrucht im Kreise der Boys, die sie beschmachten, und kreiselt im Flutlicht, das sie umflort.

Die macht auf ihrer kratzbürstigen Elektro-Violine aus dem alten Thomaskantor Bach einen poppigen Schrat, vergeigt Sarasates »Zigeunerweisen« zu kunterbunten Schmachtfetzen und tunkt ein zartes »Capriccio« von Paganini so lange in ihre »Techno-Acoustic-Fusion«, bis das Solo in sämigem Sound versifft.

Richtig, mit dem Image der feingeistigen Violinistin stimmt was nicht. Diese bildhübsche junge Frau hat mit drei angefangen, im klassischen Metier herumzustreichen. Alles, sagt sie,

* Live-Auftritt bei der Premiere des Disney-Films »Mulan« in der Kölnarena am 7. November.

hätte sie »auf unglaublich schnelle Weise gelernt und bombensicher im Griff gehabt«.

Sie sei »wie Mozart und Mendelssohn ihrer Zeit voraus«, besang seinerzeit der Direktor des Royal College of Music in London das Wunderkind. Prompt durfte das zwölfjährige Mirakel die Violinkonzerte von Beethoven und Tschaikowski, immerhin Tafelsilber der Zunft, auf Platte einspielen, die philharmonische Kundschaft langte zu und war entzückt.

Inzwischen wird Vanessa-Mae von den Prahlhanseln ihres heutigen Exklusivlabels EMI schon »mit Tschaikowski, Mahler und Puccini in einem Atemzug genannt«. Der Witz an dem Joke: Aus solch leerem Stroh spinnt die Branche Gold.

Was Wunder, daß das Girl mitmacht. Jedenfalls legte die »exotische Elfe« ("Musikexpress") mit dem braven Bild der geigenden Kleinen auch ihre Kleidchen ab.

Für die Promotion ihrer CD »The Violin Player« stellte sie sich hüfttief in eine blaue Lagune, ließ ihr nasses Hemd fest am Körper kleben, schob die weiße Acryl-Violine, auf der sie so gräßlich schrappen und schrubben kann, sexy unter den Schmollmund und tauchte als geigende Undine ins globale CD-Geschäft ein.

Fortan - Crossover war bald nicht mehr nur der Code für tönende Bastarde, sondern auch für eine profitable Masche - machte Vanessa-Mae zu allen Capriccios ihre Kapriolen.

Vor drei Jahren, bei einem Auftritt am New Yorker Times Square, schwang sie sich auf das Dach eines Yellow Cab und führte dort ihre Saitensprünge vor. Der Verkehr kam zum Erliegen und sie in die Yellow Press - der einzige Zweck der Übung.

In St. Moritz hat sie sich im vorletzten Winter mit einem Delta-Glider von der Corviglia auf den zugefrorenen See herabgelassen und dort eineinhalb Stunden lang bei 20 Grad unter Null »Saiten gestrichen, die zu eisigen Drähten erstarrt waren« - ihr Holiday on Ice.

Eben erst, bei der Pariser »Fashion Week«, ging Vanessa-Mae für den Modeschöpfer Jean-Paul Gaultier mit künstlich gelängten Locken über den Laufsteg und stilisierte sich in den feinen Fummeln zum ersten Supermodel aus der Musiksparte.

In dem neuen Disney-Film »Mulan«, der diese Woche in Deutschlands Kinos kommt, spielt sie im Nachspann ihre gut vier Minuten langen »Reflections«, ein geschwätziges Nichts, das Nachsitzen im Kinosessel nicht lohnt. Und wenn schon - Hauptsache: Sie mischt mit.

Dabei brauchte sie sich mit solchem Kleinkram gar nicht mehr abzugeben: Soeben hat sie ihr erstes eigenes Filmprojekt beendet. Das heißt »Violin Fantasy«, wird als »der erste Stummfilm aller Zeiten in Technicolor und Dolby-Surround« und zugleich als »wohl letzter Stummfilm dieses Jahrhunderts« angepriesen und soll international, auch bei »Mulan«, als »hübsche Ouvertüre«, wie die Macherin glaubt, in den Vorprogrammen laufen.

Reicht das? Hat sich die zarte Virtuosin mit dem halbseidenen Appeal nun hinreichend als Schind-Luder des guten Geschmacks entlarvt, »süß und unerträglich«, wie der Dirigent Kurt Masur sie kurz und bündig runtergeputzt hat?

Letzte Woche kam Vanessa-Maes neue CD heraus, wieder so ein Ding, auf dessen Cover sie lasziv posiert und barocken Antiquitäten ein sündiges Make-up aufträgt. Ihr Kopf ist sinnenfroh nach hinten geneigt, das (seit kurzem frech gestutzte) Schwarzhaar fällt noch in fülligen Schwüngen bis auf die Innenseiten des Booklets, ein paar Strähnen umschlingen den Hals, das Rouge der aufgeworfenen Lippen glänzt, und die Lidschatten sind so blau wie die Nacht. Wenn das mal gutgeht: Vivaldi und Sex.

Es geht. Es ist sogar spannend. Es ist ein hörenswertes Ärgernis und, als Eingriff in die Innereien des klassischen Repertoires, ein verdammt dreister Gag. Vanessa-Mae spielt Vivaldis immergrünes Quadrupel »Die vier Jahreszeiten«, sie bietet, laut Cover, »The Original Four Seasons« - und tut genau das nicht. Statt dessen arrangiert, manipuliert und retuschiert sie die fast 300 Jahre alten Konzerte nach Herzens- und Virtuosenlust.

Sie macht daraus Vanessa-Vivaldi, und alle - die philologischen Kümmelspalter, die altbackenen Capellas und Consortien, schließlich sämtliche Gläubigen der Barockgemeinde - werden aufjaulen, was sich dieses junge Ding da herausnimmt: ein Frevel, ein Skandal, wie die Disco-Diva den sakrosankten Noten den Hals verdreht.

Wo ihr das Solo zu bedächtig daherträumt, peppt Vanessa-Mae es mit kleinen Extras auf: hier eine geschmeidige Verzierung, dort eine flotte Einlage. Wenn der Geigenpart sich brav in der Mittellage hält, spielt sie ihn einfach eine Oktave höher. Aus einzelnen Notenwerten macht sie effektvolle Doppelgriffe, Stakkatos verschleift sie zu Arpeggios, ein nobles Cantabile verfremdet sie durch Flageolett-Technik. Vieles klingt verwegener als Vivaldis O-Töne oder ist zumindest kniffliger.

Barockomanen, die verstört zur Partitur der »Jahreszeiten« greifen, werden noch mehr blaue Wunder erleben: Auch im Orchesterpart haben Vanessa-Mae und ihre Mutter, die Koproduzentin Pamela Nicholson, munter herumgefummelt.

Wo sich Vivaldi wörtlich wiederholt, wird das Da capo dezent variiert. Wenn das Tutti mal pausiert, legen ihm die Damen rasch ein paar Takte als Füllsel aufs Pult. Und auch im Part des Cembalos, das Frau Mama Nicholson höchstselbst traktiert, ist mehr los als in der überlieferten Notation.

Aber eins ist nun wirklich die Höhe: Vivaldi als Vivaldi-Imitat. Vanessa-Mae und ihre begleitenden Kammermusiker (sämtlich Preisträger internationaler Wettbewerbe) spielen nämlich ganze Passagen, die der venezianische Komponist so nicht oder gar nicht notiert hat.

Den glasigen Auftakt im Kopfsatz des »Sommer«-Konzerts beispielsweise - 30 Takte in verhuschtem Pianissimo - haben die Musiker selbstherrlich umgekrempelt: Die Solistin geistert, anders als üblich, durch extreme Gipfellagen ihres Instruments, das Orchester legt dazu tönenden Velours aus.

Den riskantesten Eingriff erlauben sich die Frevler ausgerechnet im langsamen Satz von »Herbst«, dessen Adagio molto mit seinen chromatisch schleifenden Harmonien zu den betörendsten Teilen des ganzen Zyklus gehört. Sie komponieren ihn um - herauskommt Neo-Vivaldi.

Ohne Skrupel intonieren sie eine gänzlich neue Melodie, modulieren sie süffig in spätromantischem Stil und wagen sich beim Wechsel von Dur und Moll in beinahe zeitgenössisch changierende Grauzonen der Tonalität vor.

Für ihre respektlose Freizügigkeit sucht Vanessa-Mae nicht lange nach Ausreden: Vivaldi im New Look habe ihr »einfach Spaß« gemacht. Schließlich sei die Originalpartitur dieses Opus 8 bis heute verschollen, auf die überkommenen Kopien kein Verlaß und - recht hat sie auch da - die sogenannte Werktreue ein selbst unter Experten umstrittenes Evangelium.

Gerade bei einem so maßlos oft eingespielten Zyklus wie den »Jahreszeiten« habe sie »eine moderne Wiedergabe« versucht, die diese alte Musik um eine »aufregende und interessante Version« bereichere, vielleicht sogar um eine »Vision«. Ihre Neufassung befriedige jedenfalls »alle Erwartungen heutiger Interpreten« und fordere »die höchsten technischen Standards des modernen Geigenspiels« heraus.

Klingt ganz schön großspurig und hat doch was: Unter den mehr als 80 Konkurrenzaufnahmen des Vivaldi-Opus bietet Vanessa-Maes CD jedenfalls ein verblüffendes Crossover von schöpferischer Chuzpe und interpretatorischem Eigensinn - und spielt damit selbst ihre prominenteste Kollegin aus.

Denn während die Geigen-Dame Anne-Sophie Mutter und ihr Mentor Karajan seinerzeit Vivaldi zu tönender Panna cotta eingedickt haben, belebt Vanessa-Mae ihn mit einem Schuß Spumante.

KLAUS UMBACH

* Live-Auftritt bei der Premiere des Disney-Films »Mulan« inder Kölnarena am 7. November.

Zur Ausgabe
Artikel 112 / 133
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.