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MEDIZIN / DIAGNOSE-COMPUTER Unerwünschte Helfer

aus DER SPIEGEL 22/1970

Mit Befremden lauschten die versammelten Mediziner den Vortragsrednern auf dem Podium -- unversehens, so schien es, hatte sich der Ärzte-Kongreß in eine Techniker-Tagung verwandelt.

Ungewohntes Fachvokabular irritierte die Mediziner am Freitag letzter Woche auf dem »19. Deutschen Kongreß für ärztliche Fortbildung« In Berlin: Die Vorträge handelten von »Digitalrechnern« und »On-line-Computern«, von »Systemanalysen« und »Datenverarbeitungsprozessen«.

Im Vortragssaal am Berliner Funkturm empfingen die Ärzte, Praktiker und Spezialisten aller Fachrichtungen, Kunde vom Anbruch eines neuen Medizin-Zeitalters -- elektronische Roboter, so lautete die Botschaft, können in Zukunft einen großen Teil der ärztlichen Arbeit übernehmen.

Längst, so erläuterten Elektronik-Fachleute vor der Ärzte-Versammlung, seien Computer in der Lage, eine Vielzahl medizinischer Aufgaben zu bewältigen -- schneller und gründlicher, als der fähigste Facharzt es vermag: Die Elektronenrechner analysieren Herzstromkurven und Röntgenbilder, Zellabstriche und Blutproben; sie erarbeiten Statistiken, stellen Diagnosen und fertigen Diät- und Therapievorschläge an.

In Kliniken, Labors und sogar in Arztpraxen drucken die Rechenautomaten Analysen und Befunde aus

der Siegeszug der medizinischen Roboter scheint unaufhaltsam: Bis 1975 wollen allein die US-Krankenhäuser etwa 25 Milliarden Dollar für Computer-Anlagen ausgeben.

Mit Unbehagen beobachten gleichwohl viele Ärzte die fortschreitende Automation in ihrer Kunst, Unter dem Einfluß der Rechenroboter, so klagte 1968 der Tübinger Internist Professor Hans-Erhard Bock, müsse aus der Humanmedizin »ein bald entarteter, diagnostisch-therapeutischer Selbstbedienungsladen« werden.

Freilich, die elektronische Revolution in ihrem Beruf haben die Ärzte zum Teil selbst verursacht. Sie haben das medizinische Wissen in den letzten 15 Jahren vervierfacht; rund 14 000 medizinische Fachblätter in aller Welt veröffentlichen jährlich etwa eine Million Forscherarbeiten -- kein menschliches Gehirn vermag solche Wissensfülle zu fassen.

Mit wachsendem Erfolg haben sich Mediziner und Kybernetiker in den letzten Jahren bemüht, die Arzt-Roboler zu perfektionieren: Als 1968 auf einem Kongreß in Lima sechs hochqualifizierte Herzspezialisten zum Diagnose-Wettstreit gegen einen Computer antraten, trugen die Ärzte zwar noch einen knappen Sieg davon

ihre Diagnose war detaillierter. Doch der Computer hatte, wenn auch lakonisch, gleichfalls den richtigen Befund erarbeitet.

Dennoch verfügen die Mediziner bislang noch nicht über einen ärztlichen Ideal-Computer; der elektronische Superarzt müßte die Daten von 40 000 derzeit bekannten Krankheiten vollzählig Präsent halten. Er würde auf Wunsch die Symptome eines Patienten mit allen Krankheitsbildern vergleichen und so mit absoluter Sicherheit die Diagnose steilen können.

Eine solche Aufgabe übersteigt gegenwärtig nicht nur die technische Kapazität auch der mächtigsten Computer-Anlagen sie stellt vorerst auch die Programmierer vor überaus knifflige Probleme. Denn häufiger als in anderen Wissenschaften muß in der Medizin mit »weichen« Daten gerechnet werden: Schmerzgrade etwa können dem Computer kaum exakt mitgeteilt werden, und Symptome wie Fieber, Kopfschmerzen oder Müdigkeit lassen sich nur schwer einem bestimmten Krankheitsbild zuordnen.

So konnten denn auch die medizinischen Roboter bisher vor allem auf Spezialgebieten mit großem Erfolg eingesetzt werden -- etwa bei Herz-, Blut-, Nieren- oder Schilddrüsenkrankheiten, die charakteristische, oft unverwechselbare Symptome zeitigen. Erst allmählich, mit wachsendem Daten-Fundus, der aus Tausenden von Computer-Untersuchungen stammt, gelingt es den Medizinern, brauchbare Computer-Programme auch für die Allgemein-Diagnostik zu entwickeln.

Gleichwohl sind die Vorteile der automatisierten Medizin schon jetzt deutlich zu erkennen -- sie kommen den Patienten, den Ärzten und ihren Hilfskräften gleichermaßen zugute. Amerikanische Provinzärzte etwa können sich seit Anfang letzten Jahres eines Computers bedienen, der im New Yorker Mount-Sinai-Hospital steht und auf Herzkrankheiten spezialisiert ist.

Bei Hausbesuchen können die Mediziner mit Hilfe eines tragbaren Meßgeräts die Herzströme ihrer Patienten aufzeichnen; das Gerät verwandelt das Meßergebnis in ein akustisches Signal, das über Telephon nach New York weitergegeben werden kann. Dort wird das Signal automatisch entschlüsselt und an den Computer übermittelt: Der fertigt in Minutenfrist eine Analyse der Herzstrom-Aufzeichnung an und sendet das Resultat umgehend an den Hausarzt zurück.

Das Verfahren ermöglicht nicht nur eine Schnelldiagnose, die dem Patienten rasche Behandlung sichert; es entlastet zugleich den Arzt: Er kann häufig auf die Überweisung seiner Patienten an den Facharzt verzichten.

In Europa freilich haben sich die hilfreichen Roboter bislang kaum durchsetzen können. Erst seit kurzem verfügen einige Kliniken vor allem in der Bundesrepublik und in Schweden

*ln der »Deutschen Klinik für Diagnostil<«, Wiesbaden.

über größere Computer-Batterien -- so etwa die vor acht Wochen eröffnete »Deutsche Klinik für Diagnostik« in Wiesbaden, eine Miniatur-Ausgabe der amerikanischen Mayoklinik. Seit letztem Jahr arbeiten auch die Ärzte der Medizinischen Universitätsklinik in Tübingen mit einer elektronischen Rechenanlage: Der Computer speichert die Daten jedes Patienten und gibt automatisch Anweisungen für die erforderlichen Untersuchungen an Labor und Krankenstationen.

Insgesamt 15 Laborgeräte sind an den Computer angeschlossen, der die Ergebnisse der Analysen und Tests für die Stationsärzte ausdruckt. Zugleich fertigt der Computer täglich für alle Patienten Krankenberichte an. Dank der Automatisierung entfällt in der Klinik ein Großteil der täglichen Routine-Schreibarbeit -- mitsamt den möglichen Fehlerquellen.

Als erster europäischer Mediziner hatte vor etwa drei Jahren der Wiener Internist Josef Schmid versucht, den Nutzen der Computer-Medizin auch den praktischen Ärzten zugänglich zu machen. Schmid entwickelte ein ärztliches Computer-Programm und organisierte ein Kommunikations-System, bei dem die Praktiker über Fernschreiber mit einer zentralen Rechenanlage verbunden wurden.

Vorkämpfer Schmid verkaufte später sein System an das Hamburger Institut »Medidata«, eine Gemeinschaftsgründung von Ärzten und Technikern. Bei »Medidata«, dem bis vor kurzem einzigen deutschen Institut für medizinische Datenverarbeitung (eine »Medidata«-Filiale wurde jetzt in Berlin gegründet), können die Praktiker seit nunmehr zwei Jahren für ihre Patienten Diagnose-Vorschläge vom Computer errechnen lassen.

Trotz nachweislicher Erfolge des Instituts scheuen sich jedoch die deutschen Mediziner, mit »Medidata« zu kooperieren. Nicht mehr als 150 Ärzte lassen sich gelegentlich von dem Hamburger Rechenroboter helfen. Mit zehn Fällen pro Woche -- Kosten: jeweils 95 Mark -- ist das Institut nicht ausgelastet. Die deutschen Ärzte, so erläuterte der »Medidata«-Techniker Peter Rosenkranz die bisherigen Erfahrungen, stünden den Robotern immer noch mit Mißtrauen gegenüber.

Letzte Woche, auf dem Fortbildungskongreß in Berlin, unternahmen die »Medidata«-Pioniere einen neuen Versuch, den Widerstand der Ärzteschaft gegen den elektronischen Fortschritt zu überwinden: Sie präsentierten auf der Kongreßausstellung ein neuartiges, automatisiertes Untersuchungssystem mit Computeranschluß, das sie aus den USA importiert haben und an freipraktizierende Ärzte verkaufen oder vermieten wollen.

Die neue Anlage (Kaufpreis etwa 700 000 Mark), in der die Patienten von Kopf bis Fuß gründlich untersucht werden und anschließend vom Computer einen detaillierten Befund ausgedruckt bekommen, eignet sieh nach Ansicht der »Medidata«-Fachleute vor allem für Gemeinschaftspraxen -- einen Praxistyp, der bei vielen deutschen Medizinern ebenso unbeliebt ist wie der Diagnose-Computer.

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