Leiterin des Unesco-Welterbezentrums »Wenn es nach mir ginge, würde ich die Liste erst einmal stoppen«

Die Unesco hat über die Liste der Welterbestätten entschieden. Mechtild Rössler, Direktorin des Welterbezentrums, über deutsche Neuzugänge und warum manche Länder weniger Bewerbungen einreichen sollten.
Ein Interview von Vincent Henssler
Ernst-Ludwig-Haus auf der Darmstädter Mathildenhöhe: Seit 2021 Welterbe

Ernst-Ludwig-Haus auf der Darmstädter Mathildenhöhe: Seit 2021 Welterbe

Foto: Frank Rumpenhorst / dpa

SPIEGEL: Vergangene Woche wurden unter anderem die Mathildenhöhe in Darmstadt und zwei Abschnitte des Limes als Unesco-Welterbe ausgezeichnet. Nur Italien hat noch mehr Unesco-Kulturerbestätten. Gibt es in Deutschland wirklich so viel mehr zu sehen als in China oder Griechenland?

Rössler: Das kann man so nicht sagen. China und Italien haben insgesamt gerechnet mehr Welterbestätten. Deutschland hat die Welterbekonvention einfach sehr früh unterzeichnet, sich für den Kulturgüterschutz stark gemacht und relativ früh Nominierungen eingereicht. In einigen europäischen Ländern gab es seit dem Inkrafttreten der Konvention 1975 noch keinen funktionierenden Kulturgüterschutz, die Unesco musste diese Gesetze vielerorts auf den Weg bringen. Erst wenn ein Staat die gesetzlichen Grundlagen geschaffen hat, um Objekte auf nationaler Ebene schützen zu können, dürfen Nominierungen eingereicht werden. Zudem ist Deutschland gegenwärtig an vielen transnationalen Stätten und grenzüberschreitenden Kooperationen beteiligt.

SPIEGEL: Zu den zuletzt ausgezeichneten Stätten gehören auch die deutschen Kurorte Baden-Baden, Bad Ems und Bad Kissingen. Was sprach ausgerechnet für diese Orte?

Rössler: Auch Stätten aus anderen europäischen Ländern wie beispielsweise Tschechien, Belgien, Österreich und Frankreich wurden in diesem Zusammenhang als eine gemeinsame Stätte ausgezeichnet. Die Idee war, die wichtigsten, historisch gewachsenen Kurstädte hervorzuheben. Hier geht es nicht um Deutschland, sondern um das europäische Kur-Phänomen und um Europa als verbindendes Element.

SPIEGEL: Zum ersten Mal hat die Unesco jüdisches Kulturgut in Deutschland als Welterbe ausgezeichnet. Bedacht wurden die Städte Mainz, Worms und Speyer. Ist die Wahl als Zeichen gegen den aufkommenden Antisemitismus zu verstehen?

Rössler: Ich komme selbst aus Speyer und weiß, wie einzigartig das am besten erhaltene Ritualbad nördlich der Alpen ist. Aber den Aufnahmen in das Welterbe geht eine jahrelange Vorbereitung mit vielen Experten voraus, das ist keine spontane Reaktion auf aktuelle Ereignisse oder Debatten. Wir wissen auch vorher nicht genau, in welchem Jahr eine Aufnahme gelingt. Diese Einschreibung war aber sehr wichtig, weil es eine Kategorie ist, die bisher unterrepräsentiert ist, auch im Vergleich zum christlichen Erbe – wir haben beispielsweise 19 gotische Kathedralen in unserer Unesco-Liste.

SPIEGEL: Welterbestätten gibt es vor allem in Europa – und vergleichsweise selten in afrikanischen Ländern. Wie kommt das?

Rössler: Es kommen insgesamt zu selten Anträge aus afrikanischen, arabischen und südamerikanischen Ländern. Meine Arbeit bei der Unesco ist in erster Linie, zum Erhalt der Stätten Gelder anzuwerben. Viel davon ging an afrikanische Staaten, um sie bei der Vorbereitung ihrer Welterbe-Nominierungen zu unterstützen. Dazu wurde auch ein Afrika-Welterbe-Fond, der African World Heritage Fund, eingerichtet, der für alle afrikanischen Länder zuständig ist und Kurse anbietet, um einzelne Länder gezielt bei den Nominierungen und dem Erhalt zu unterstützen. Aber eines dürfen Sie nicht vergessen: Es gibt weiterhin große Konfliktregionen in vielen afrikanischen Ländern, wie beispielsweise in Mali. Die Menschen haben oft andere Sorgen und die Staaten dann einfach nicht die Zeit, Welterbe-Nominierungen vorzubereiten.

SPIEGEL: Kritiker sprechen schon länger von einer Inflationierung des Unesco-Welterbes. Die einzelne Stätte verliere dadurch an Bedeutung.

Rössler: Das Welterbekomitee hat Ländern, die oft vertreten sind, geraten, nicht jedes Jahr ein Dossier einzureichen, sondern Platz zu lassen für andere Staaten, die seltener ausgezeichnet wurden. Das wurde speziell in Europa nicht ernst genommen. Wenn es nach mir persönlich ginge, würde ich die Liste erst einmal stoppen, damit wir uns alle ganz auf den Erhalt konzentrieren können. Für Nominierungen sind immer Gelder da, zum Schutz nicht.

SPIEGEL: Sie meinen, dass keine weiteren Stätten mehr aufgenommen werden sollten?

Rössler: Wie gesagt, wir sollten uns lieber um den Erhalt des bereits ausgezeichneten Welterbes kümmern. Viele Staaten, die große strukturelle und finanzielle Probleme haben, können sich nicht ausreichend um ihre Welterbestätten kümmern. Das geht zum Teil vor unseren Augen kaputt. Denken Sie an den Klimawandel, denken Sie an die Stätten in Konfliktregionen.

SPIEGEL: Inwiefern bedroht der Klimawandel die Welterbestätten?

Rössler: Es gibt immer häufiger Katastrophen wie Waldbrände oder Überflutungen, die zu einer erheblichen Gefahr werden können. Sehr bedroht sind zum Beispiel die Korallenriffe in Australien, Belize und auf den Seychellen, die alle als Naturerbe auf der Unesco-Liste stehen. Deshalb haben wir auch das Great Barrier Reef in Australien für die Gefahrenliste vorgeschlagen, das hat der australischen Regierung aber nicht gefallen. Wir haben darauf hingewiesen, dass der australische Staat mehr unternehmen könnte, um die Wasserqualität zu verbessern und dadurch das Riff zu schützen. Gerade haben wir ein Richtliniendokument zum Klimawandel erarbeitet. Im November findet eine Versammlung aller 194 Staaten statt, die die Welterbekonvention unterzeichnet haben. Dort wird dieses Dokument verabschiedet. Das ist extrem wichtig, weil wir davon ausgehen, dass damit die staatlichen Umsetzungen unserer Klimaziele schneller vorankommen.

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