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VISCONTI Ungekürzt gekürzt

aus DER SPIEGEL 19/1961

Eine verheißungsvolle Skandalfama war der deutschen Premiere vorausgeeilt. »Lärmende Szenen in einem Mailänder Kino, Androhung der Beschlagnahme, Anfrage im Parlament wegen Bruchs der Grundrechte, Verdammung durch die Katholische Aktion, Enthüllung eines 'klerikalen Komplotts' gegen künstlerische Freiheit durch die Kommunisten, Gefährdung des italienischen Rufs im Ausland«, so addierte die Londoner »Times« in einem Bericht aus Italien die Ereignisse, die im letzten Herbst die Uraufführung des Films »Rocco und seine Brüder« von Luchino Visconti ausgelöst hatte.

Für die deutsche Erstaufführung des Films gegen Ende des letzten Monats hatte sich der Bavaria-Verleih ein besonders pfiffiges Werbe-Etikett ausgedacht: Er pries die deutsche »Rocco« -Synchronisation als »Ungekürzte Exportfassung« an, um die deutschen Kinogänger an jene vielfältigen Protest- und Zensuraffären zu erinnern, die dem Visconti-Werk über seinen künstlerischen Ruf hinaus ein spezielles Renommee verschafft hatten.

Der linksintellektuelle Adelssproß Visconti behandelt in seinem überaus milieu-echten Film, der nach dem Urteil der »Frankfurter Allgemeinen« - eindeutig »zu den bedeutenden Werken der Kunst unserer Zeit« zählt, ein wesentliches soziales Phänomen der unbewältigten Gegenwart Italiens: die Binnenwanderung aus dem verelendeten agrarischen Süden in den florierenden industrialisierten Norden des Landes und den Zusammenprall noch archaisch geprägter Menschen mit einer modernen städtischen Konsumwelt.

Eine Witwe kommt mit vier Söhnen aus Lukanien nach Mailand, wo der fünfte und älteste Sohn bereits vorher Fuß gefaßt hat. Der Einzug der matriarchalisch beherrschten Familie in die Metropole des italienischen Wirtschaftswunders vollzieht sich als Invasion rustikaler Barbaren in eine urbane Zivilisation.

Die Familie kann zwar schon bald aus ihrem ersten Keller-Asyl in eine adrette Etagenwohnung umziehen, doch die Anpassungsschwierigkeiten der Söhne Rocco und Simone, die sich als Boxer verdingen, stürzen sie in schlimme Bedrängnis. Während der naiv-sanftmütige Rocco seiner neuen Umwelt überhaupt fremd bleibt und von der Rückkehr in die alte Heimat träumt, wird der naiv-gewalttätige Simone vom Großstadtleben korrumpiert.

»Es handelt sich hier«, fand die »Süddeutsche Zeitung«, »allem Anschein zuwider, nicht vor allem um eine menschliche Tragödie. Sondern um einen Thesenfilm, der seine Ideen im Gewand und mit der Gewalt der Tragödie und manchmal der großen Oper vorträgt.« Annähernd drei Stunden lang tue Visconti im Grunde nichts anderes, »als Belege zu sammeln für seine Meinung, derzufolge 'die Welt sich wandelt'«.

Zwischen Simone und Rocco kommt es schließlich zu einem Konflikt, der die realistisch-sozialkritischen Dimensionen des Films übersteigt und von den Kritikern als moderne Version des Kain-und-Abel-Zwists bezeichnet wird.

Grausamer Höhepunkt des Bruderstreits Rocco - Simone ist eine peinigend ausführliche, düster-brutale Szene, die am meisten zur Skandalisierung des Visconti-Films beigetragen hat: Auf einem Feld am Stadtrand von Mailand hat Rocco (Alain Delon) ein Rendezvous mit dem Straßenmädchen Nadia (Annie Girardot), einer einstigen Geliebten Simones.

Da tauchen aus dem Dunkel Simone (Renato Salvatori) und seine Kumpane auf. Wählend die Halbstarken Rocco festhalten, fällt Simone über das Mädchen her. Er schleudert seinem Bruder Nadias Dessous ins Gesicht und vergewaltigt das Mädchen vor den Augen des Bruders. Dann schlägt er Rocco zusammen.

Nach dem Einspruch der italienischen Behörden mußte diese Szene verdunkelt werden: Bei der Aufführung in italienischen Lichtspielhäusern lassen die Vorführer die Vergewaltigungspassage (wie auch eine Mordszene) bei bedeckter Linse ablaufen, so daß das Publikum vor dunkler Leinwand nur Stimmen und Geräusche vernimmt.

Das Bavaria-Etikett »Ungekürzte Exportfassung« muß und soll wohl auch den Eindruck erwecken, als komme der deutsche »Rocco«-Betrachter in den Genuß der ungeschmälerten Anstößigkeit. Tatsächlich aber handelt es sich bei der jetzt gezeigten »Exportfassung« durchaus um einen Visconti-Verschnitt.

Für die Aufführung in Deutschland wurden die Vergewaltigungs- und die Prügelszene kräftig gekürzt. Auch die nicht minder brutale Szene, in der Simone seine einstige Geliebte Nadia ermordet, ist um etliche Messerstiche verringert worden. Gekürzt wurde auch - freilich weniger aus moralischen Gründen - einiges ur-italienisches »Mamma mia«-Lamento.

Der Bavaria-Verleih gibt an, er habe die für die Aufführung in der Bundesrepublik vorgesehene »Rocco«-Fassung vorm französischen Koproduzenten des Visconti-Films bezogen und »nur einige kleine, unbedeutende Schnitte bei der deutschen Synchronisation noch zusätzlich vorgenommen, um das Tempo zu beschleunigen«.

Tatsächlich hat die Freiwillige Selbstkontrolle den Film in der ihr vom Verleih vorgelegten Fassung ohne Schnittauflagen freigegeben.

Daß der schon vorher stark gekürzte Film die Selbstkontrolle mithin ohne zusätzliche Schnitte passierte, erkühnte den Verleih, die von ihm vertriebene »Rocco«-Version als »Ungekürzte Exportfassung« anzukündigen.

Die Spieldauer der italienischen Originalfassung beträgt drei Stunden und fünf Minuten. Spieldauer der in Deutschland gezeigten Fassung: zwei Stunden und fünftig Minuten.

Regisseur Visconti

Verschnitt für Deutschland

Visconti-Film »Rocco und seine Brüder"*: Verdunklung für Italien

* Annie Girardot, Renato Salvator).

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