Zur Ausgabe
Artikel 74 / 91
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

MARX Ungeliebter Sohn

Frederick Demuth, unehelicher Sohn von Marx, galt bislang als verschollen. Seine sorgfältig verwischten Spuren fand jetzt der englische Journalist David Heisler wieder.
aus DER SPIEGEL 44/1972

Der sterbende Friedrich Engels - er litt an Kehlkopf-Krebs - schrieb es auf eine Schiefertafel, doch erst rund 60 Jahre später wurde seine letzte Botschaft bekannt; Henry Frederick Demuth, am 23. Juni 1851 in der Dean Street 28 im Londoner Stadtteil Soho geboren, war ein unehelicher Sohn von Karl Marx - gezeugt mit der Haushälterin der Familie, Helene Demuth, genannt Lenchen.

Kleinbürgerliche Prüderie der Weltrevolutionäre, ihre panische Angst, das Proletarier-Idol könnte, würde der Fehltritt bekannt, an Glanz verlieren, und schließlich ihr eifriges Bemühen, den Propheten des Klassenkampfes als in jeder Beziehung unfehlbar darzustellen, verurteilten Marxens einzigen - die Kinderjahre überlebenden - Sohn zur Anonymität, zum blinden Fleck in der Geschichte des Marxismus und seines Begründers.

Engels selbst hat vermutlich alle Briefe vernichtet, die das freudige Ereignis auch nur erwähnten und sogar gegenüber der Familie die Vaterschaft übernommen. Freilich war auch er auf seinen guten Ruf bedacht gewesen: Daß Marx der Vater Frederick Demuths sei, so forderte er, müsse dann bekannt werden, wenn ihm der Vorwurf gemacht würde, er habe sich um seinen Sohn nicht gekümmert.

Doch erst zu Anfang der sechziger Jahre gelang es Werner Blumenberg, Abteilungsleiter im Amsterdamer Internationalen Institut für Sozialgeschichte, das streng gehütete Marxisten-Geheimnis aufzudecken. Freilich, was aus dem illegitimen Marx-Sohn geworden war, blieb weiterhin im dunkeln.

Auch der japanische Geschichtsprofessor und Biograph von Marxens Lieblingstochter Eleanor, Chushichi Tsuzuki (SPIEGEL 52/1967), konnte trotz umfangreicher Recherchen lediglich ermitteln, daß Frederick (Freddy) Demuth 1910 im Osten Londons gewohnt habe. Dann, so Tsuzuki, »verschwand er für ein halbes Jahrhundert aus den Annalen der sozialistischen Bewegung«.

Jetzt fand der englische Journalist David Heisler, 24, die fast perfekt verwischten Spuren des Marx-Abkömmlings wieder. Kronzeuge für seine überraschende Entdeckung ist Freddy Demuths nun 90jähriger Adoptivsohn Harry Demuth.

Von ihm erfuhr Heisler, daß Freddy bei einer armen Fuhrmannsfamilie namens Lewis aufwuchs und das Büchsenmacher-Handwerk erlernte - vermutlich bezahlte Friedrich Engels die Ausbildung.

Im Jahre 1873 heiratete Demuth in der Pfarrkirche St. Georg am Hanover Square die irische Gärtnerstochter Ellen Murphy. Als seinen Vater gab er einen »William Demuth« an, Beruf: Fuhrmann.

Demuth, so erinnerte sich ein von Heisler befragter Nachbar-Sohn, war eine respektable Erscheinung im Arbeiterviertel Hackney. Wenn er zur Arbeit ging, hatte er sein Mittagessen in einer Arzttasche bei sich, und statt der Ballonmütze trug er eine Melone. Er färbte sich sein Haar und den Schnurrbart, um jünger zu erscheinen.

In dieser Zeit besuchte Demuth sehr oft seine Mutter, die nach dem Tode von Marx im März 1883 Engels den Haushalt führte. »Sie saßen immer nur in der Küche«, erinnert sich Adoptivsohn Harry, »sie war sehr nett und konnte gut kochen.«

Im November 1890 starb Lenchen Demuth an Krebs. Sie wurde im Marxschen Familiengrab beigesetzt. Zwei Jahre später verließ Ellen Demuth ihren Mann. Sie verliebte sich in einen Berufssoldaten. »Beim Abendessen«, so Harry, »fragte sie mich, ob ich mit ihr gehen wolle.« Harry blieb bei seinem Adoptiv-Vater, und Ellen Demuth nahm statt seiner 24 Englische Pfund mit, die Freddy für einen Arbeiter-Wohlfahrtsverein verwaltete.

Weil er selber den Betrag nicht ersetzen konnte, wandte er sich an Eleanor Marx, die ihm aber auch nicht helfen konnte. Schließlich bekam Freddy vom Marx-Schwiegersohn Paul Lafargue 50 Francs, um die geplünderte Unterstützungskasse wieder auffüllen zu können.

Nachdem ihn seine Frau verlassen hatte, begann sich Demuth für die sozialistische Bewegung zu interessieren. »Er las Marx und Engels« (Heisler). wurde Kassenwart des 194. Bezirks der englischen Metallarbeiter-Gewerkschaft und gehörte zu den Gründungsmitgliedern der Labour Party in Hackney.

Trotz aller Details, die Heisler über das Leben Demuths ausfindig machte, konnte auch er eines nicht aufklären, ob dieser nämlich wußte, wer wirklich sein Vater war. Gegenüber seinem Adoptiv-Sohn behauptete Freddy Demuth immer, daß auch er adoptiert worden sei. Eleanor Marx, die bis zu ihrem Selbstmord im März 1898 mit Freddy in Verbindung stand, wird ihm kaum die letzte Nachricht von Engels mitgeteilt haben. Sie war, so Engels, am eifrigsten bemüht, »ihren Vater zum Götzen zu machen«.

Heisler ist daher sicher, daß Freddy niemals erfahren hat, wer wirklich sein Vater war - nicht geklärt ist auch, ob Marx-Sohn Frederick wußte, daß Engels, um den Freund vor einem Skandal zu bewahren, sich für seinen Vater ausgegeben hatte.

Erst 20 Jahre nach Demuths Tod er starb am 28. Januar 1929 - entdeckte Marx-Forscher Blumenberg einen Brief Louise Kautskys, der auch Engels letzte Botschaft enthielt und der aufdeckte, daß damals fast alle Führer der sozialistischen Bewegung wußten, wer wirklich Freddy Demuths Vater gewesen war. Louise Kautsky: Marx »liebte den Buben nicht, der Skandal wäre zu groß gewesen«.

Zur Ausgabe
Artikel 74 / 91
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.