Zur Ausgabe
Artikel 56 / 93

Fußball Ungewöhnlich vernünftig

Schalke feiert seinen Stürmerstar Alexander Borodjuk. Nach rätselhaftem Verschwinden ist der erste Fußball-Import aus der Sowjetunion der Mann der Stunde.
aus DER SPIEGEL 36/1989

Blau und Weiß, im Parkstadion zu Gelsenkirchen bislang die geheiligten Farben, drohen zu verblassen, seit die rote Sowjetfahne gleich im Dutzend in der Arena weht. Statt »Schalke, Schalke« donnert verstärkt ein »Scheibu, Scheibu« von den gut gefüllten Rängen. Die Augen aller richten sich auf den Mann, der die Nummer 11 trägt - Alexander Borodjuk, neuerdings Mannschaftskollege.

Der 26jährige Russe, der auf Schalke der Einfachheit halber »Gorbi« gerufen wird, spielte für Dynamo Moskau zehnmal in der sowjetischen Nationalmannschaft, ehe er jetzt als erster Fußballer seines Landes in das westdeutsche Profigeschäft einstieg. Und das mit Furore. Wie im Taumel stiegen vorletzten Sonntag die Fans der Königsblauen auf ihre Plastiksitze und stimmten ergriffen das Lied von Kalinka an.

Gorbi hatte da im Zweitliga-Match gegen Fortuna Köln gerade sein zweites Tor in die Maschen gehämmert - Happy-End nach Wochen nagender Ungewißheit, in denen der neue Star eher zum Rätsel geworden war.

Denn Borodjuk, der sich schon Anfang Juli mit einem begeisternden Probetraining und insgesamt 110 Minuten Spielpraxis derart in die Herzen des Schalker Anhangs schoß, daß ihn die Ortspresse in kyrillischen Lettern ("Willkommen, Genosse Stürmer") feierte, galt danach erst mal als vermißt.

Wohl war ausgemacht, daß »Sascha« - um letzte Einzelheiten zu klären - nochmals zu einem kurzen Trip nach Hause reisen sollte. Da fuhr er auch hin, begleitet von Präsident Günter Eichberg und einem vorgeblichen »Rußland-Experten« namens Andreas Grajewski, der bei Schalke-Sponsor »Müllermilch« als Sportkoordinator in Diensten steht.

Nur: Die Zeit verstrich, und als Eichberg schließlich ohne sein Juwel in den Ruhrpott zurückkehrte, schlug auf Schalke die Stimmung um. Allen voran der vom schwachen Saisonstart seiner Elf genervte Trainer Peter Neururer maulte, er habe vom Warten »allmählich die Schnauze voll«. Und Charly Neumann, das berühmte multifunktionelle Vereinsfaktotum, drohte gar, daß »der Grajewski erschlagen wird«, falls auch er ohne Gorbi wiederkäme.

Der »Müllermilch«-Mann kam zwar allein, überlebte aber. Statt dessen schoß sich das Fußball-Fachblatt RevierSport auf den Präsidenten ein, dem nun wieder alle Flops seiner erst halbjährigen Amtszeit vorgehalten wurden. Hatte sich Eichberg in Moskau über den Tisch ziehen lassen? Zumindest, so glaubte das Blatt zu wissen, sei in der sowjetischen Hauptstadt die Luft für die nötigen knallharten Vertragsverhandlungen offenbar »zu promillehaltig gewesen«.

Dann, nach dem 16. Tag seiner Abwesenheit und auf dem Höhepunkt der Krise, trudelte Borodjuk endlich ein. Seine Begründung: Er habe als Hauptmann der Roten Armee erst förmlich degradiert werden und darüber hinaus versprechen müssen, alle militärischen Interna zu vergessen. Schwierigkeiten hätten ihm auch die fehlenden Paßbilder gemacht, die in Moskau nur schwer zu beschaffen gewesen seien.

Großes Aufatmen - doch es bleiben Fragen. Daß Borodjuks langes Verweilen in der Heimat etwas mit der Ablösesumme zu tun haben könnte, bestreitet Eichberg energisch. 850 000 Mark, »kein Pfennig mehr«, sei der Preis, zahlbar in Devisen und Sachwerten wie Computern, Fax-Geräten und Schuhen. Die genaue Bestelliste wollen die Sowjets erst Mitte September schicken.

Experten wundern sich indes über den Spottbetrag, zu dem der Stürmerstar angeblich zu kriegen war. Vermutet wird, daß außer dem FC Schalke »Nahesteher« in ihre Brieftaschen griffen. Transfer-Koordinator Andreas Grajewski tippt darauf, daß Eichberg »auch eigenes Geld hineinsteckt«. Der Präsident, von Beruf Geschäftsmann und Besitzer mehrerer Privatkliniken, umschreibt sein Engagement dagegen lieber etwas unpräziser - als eine »ungewöhnlich vernünftige Tat«. f

Mehr lesen über

Zur Ausgabe
Artikel 56 / 93
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.