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Unglaublich, aber wahr

aus DER SPIEGEL 26/1992

sollen die Verbrechen sein, die der Verlag Bastei-Lübbe in der Reihe »True Crime - Der wahre Kriminalfall« auswalzt. Unter reißerischen Titeln wie »Dunkle Begierde«, »Quälende Zweifel« oder »Die Stadt, die nicht vergessen konnte« sind, seit vergangenem Sommer, bislang neun aufsehenerregende Kriminalfälle aus den USA im biederen Bergisch Gladbach aufbereitet worden - mit Vorliebe die Untaten von Massenmördern, inzestuösen Familienvätern oder anderen überdurchschnittlich aktiven Kriminellen. Jeder Leser, so gaukeln die Bücher vor, wird zum Tatzeugen. Je grausamer die Details, desto trivialer die Aufbereitung.

In den Vereinigten Staaten ist das Genre, die vorgeblich faktengetreue Rekonstruktion eines Verbrechens im Thriller-Gewande, schon längst ein beständiger Bestsellerlieferant und Spekulationsobjekt auch renommierter Verlage: Kurz nach der Verhaftung des Männer-Massenmörders von Milwaukee, Jeffrey Dahmer, waren vier True-Crime-Bücher über den Fall auf dem Markt.

Bahnbrechend für diese Gattung war der Tatsachenroman »Kaltblütig« des US-Autors Truman Capote, der 1965 Maßstäbe setzte, die keiner seiner Epigonen bis heute erreicht hat. Capote machte aus dem Mord an einer Farmerfamilie aus Kansas einen packenden Psychokrimi.

Deutsche Originalverbrechen werden vorerst noch nicht ausgeschlachtet. In der Bundesrepublik, so die Erklärung von Bastei-Lektor Edgar Bracht, erschwere der starke Persönlichkeitsschutz eine ungehinderte Vermarktung blutiger Gemetzel.

Obwohl der Krimi-Markt allgemein »eher rückläufig« sei, verkauft Bastei-Lübbe von Spitzentiteln dieser Reihe bis zu 50 000 Stück. Die Ursache für den Instant-Erfolg sieht Lektor Bracht in einem kleinen, aber entscheidenden Unterschied: »Der Kitzel ist bei einem wahren Fall einfach größer als bei einem fiktiven Thriller.«

Zur Hebung der literarischen Qualität trägt der kleine Unterschied freilich nur höchst selten bei. Die mit wachem Sinn fürs grausige Detail betriebene Rekonstruktion der Tat löst bei den True-Crime-Autoren zuweilen sogar unfreiwillig komische Kapriolen aus - wie etwa in Ken Englades »Wo alles Mitleid endet": _____« Als er zum Haus kam, war Browns erster Eindruck, daß » _____« er durch ein Meer von Blut watete. Er sah sich um und » _____« schätzte, daß neunzig Prozent des Fußbodens in » _____« Wohnzimmer, Eßzimmer und Küche mit Blut beschmiert waren. » _____« Sein zweiter Eindruck, sobald er mit der Untersuchung der » _____« Leichen begonnen hatte, war der, daß beide Menschen auf » _____« furchtbare Weise niedergemetzelt worden waren. »

Der Münchner Germanist und Krimi-Spezialist Michael Farin führt den Durchbruch der neuen Gattung in Deutschland auch auf ein Wechselspiel von Fiction-Thrillern und Fakten-Wirklichkeit zurück. Romane über bestialische Serienmörder wie »Stiller Schrecken« von James Ellroy oder der Buch- und Filmhit »Das Schweigen der Lämmer« hätten »ein enormes Interesse an dieser Art Verbrechen« bewirkt.

Der Boom mit dem wahren Bösen ist mittlerweile so lukrativ, daß der Heyne Verlag den Trivialexperten aus dem Bergischen Land das Geschäft mit True Crime nicht mehr allein überlassen will. Unter dem Rubrum »Wahre Verbrechen« werben die Münchner für ihre »unglaublichen« Kriminalfälle, denen immerhin wahre Menschen zum Opfer fielen, mit der Sensibilität eines Marktschreiers: »Die unglaubliche Geschichte einer Frau, die ihre neun Babys ermordete«, lautet beispielsweise der PR-Appetizer für ein Taschenbuch mit dem treffsicheren Titel »Wiege des Todes«.

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