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RAUMFAHRT Unirdische Schönheit

Amerikas Raumsonden zu Mars und Jupiter funken reiche Beute erdwärts. Jüngster Befund: Die Marskanale führten doch Wasser.
aus DER SPIEGEL 5/1979

Am 20. Juli 1976 zündete »Viking 1« die Bremsraketen, um als erstes irdisches Robotgefährt weich auf dem Mars zu landen.

Doch das Zielgebiet, so zeigte sich damals, war eine trockene und kalte Welt. Anzeichen für Leben, die Viking 1 mit Hilfe seines biologischen Labors hätte entdecken können, gab es nicht.

Mission gescheitert, Mars tot? Nicht für die 500 Teilnehmer des »Zweiten Internationalen Mars-Kolloquiums«, das Mitte Januar in Pasadena (US-Staat Kalifornien) stattfand. Dort bot sich, wie die »New York Times« befand, »ein neuer Mars -- das umfassendste Bild, das wir uns bisher von dem Planeten machten«.

Im Mittelpunkt stand die Premiere Tausender von Photos, die den roten Erdnachbarn von oben zeigen -- aus einer bis zu 8000 Kilometer hohen Umlaufbahn. Aufgenommen wurden sie vom Mutterschiff von Viking 1, das seit der Abtrennung des Kundschafters auf einer Ellipsenbahn um den Mars kreist.

Die Photos, denen das Nachrichtenmagazin »Time« »unirdische Schönheit« zuschreibt, zeigen ein wild zerpflügtes, faszinierend vielfältiges Mars-Terrain.

* Von schwarzen Lavarillen überzogen, ragt auf der Marshochebene von Tharsis der Vulkan Olympus Mons empor -- mit 24 Kilometern höchster Berg im ganzen Sonnensystem. Eiskristalle, die um seine Hänge zirkulieren, bilden dabei weiße Wolken.

* Eine riesenhafte, 6500 Kilometer lange und 250 Kilometer breite Schlucht trägt den Namen Valles Marineris -- ein Gebiet in der Äquatorialzone des Mars. Geschätztes Alter der Formation: zwei Milliarden Jahre.

* Mit zwei verschiedenen Arten von Eis sind die terrassenähnlichen Marspole bedeckt. Während der Südpol aus gefrorenem Kohlendioxid, Trockeneis also, besteht, ist der Nordpol (wie die irdischen Pole) von Wassereis überzogen.

Auch jene »canali«, die der Astronom Giovanni Schiaparelli 1877 zu erkennen glaubte, gibt es auf dem Mars -- und zwar als natürliche, auf den Photos deutlich wahrnehmbare Gräben.

In einer elegant anmutenden Theorie, die der US-Geologe Michael H. Carr in Pasadena präsentierte, kommt ihnen marsgeschichtlich sogar eine Schlüsselrolle zu -- als Überbleibsel einer Flut, die den Himmelskörper vor Hunderten von Millionen Jahren überspült hat.

Als sich die einst erdähnlich dichte Atmosphäre auf dem Mars verdünnt habe, sei nur ein kleiner Teil der Wassermassen, die es auf der Oberfläche gab, verdampft. Carr nimmt an, daß der große Rest in den Marsboden versickert und zu sogenanntem Permafrost erstarrt sei.

»Explosionsartig«, so Carr, sei das unter Druck stehende Wasserreservoir geborsten, nachdem sich die Vulkanmassive auf der Tharsis-Ebene gehoben hatten. Aus Rissen, die dabei entstanden, sei das Wasser wieder an die Oberfläche aufgestiegen, wo es springflutartig ein Geflecht von Gräben ausgehobelt habe -- Schiaparellis spätere Marskanäle.

Wie und wann sie ihren Inhalt wieder abgegeben haben, konnte Carr freilich nicht sagen. Sein Kollege Victor Baker, Geomorphologe an der University of Texas, mutmaßt, das Wasser sei neuerlich im Marsboden gefroren und -- in Gestalt von Eiskristallen -- in die Atmosphäre des Planeten entfleucht.

Zweifel, die in Pasadena auch geäußert wurden, hegen auch die Urheber der neuen Thesen. »Es ist nun einmal schwer«, meint Baker, »nur anhand von Photos zu bestimmen, was sich auf dem Mars ereignet hat.«

Insgesamt aber fühlen sich die Himmelsforscher wissenschaftlich »in ein goldenes Zeitalter versetzt«, wie Dr. Garry Hunt vom University College London formulierte. Seit Ende letzten Jahres umkreist ein amerikanischer Radar-Satellit die Venus, um am erdnächsten Planeten Maß zu nehmen. Und zur selben Zeit, da in Pasadena der Kongreß begann, näherte sich die US-Raumsonde »Voyager 1« dem Jupiter und übermittelte erste Farbbilder zur Erde -- seine bunten Wolkengürtel glänzen derzeit wie ein Osterei.

Bewährt hat sich bei den Missionen zu Jupiter und Mars, daß die Nasa zu derlei Unternehmungen stets Zwillingssonden starten läßt.

»Voyager 2«, der gegenwärtig hinter seinem Bruder zum Jupiter fliegt, krankt an einem fehlerhaften Bordradio und wird womöglich steuerungslos. Ein zweites Viking-Mutterschiff dagegen, das den Mars umrundet, hat seinen Energievorrat zu früh verzehrt. Im Juli letzten Jahres wurde es per Funkbefehl außer Betrieb gesetzt.

Das nächste Marsprojekt freilich, das in Pasadena diskutiert und vom National Research Council der USA bereits empfohlen wurde, soll -- aus Kostengründen -- wieder als Solo-Tour geplant werden. Vorgesehen ist, einen Automaten auf dem Mars zu landen, der Bodenproben sammelt und hernach mit seiner Fracht zur Erde heimkehrt. Der Kostenvoranschlag: zwischen eineinhalb und drei Milliarden Dollar.

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