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WUNDERLICH Unlust mit Rute

aus DER SPIEGEL 13/1966

Mit vorzüglicher Hochachtung« ließ

Oberstaatsanwalt Richter vom Bundesstrafregister in West-Berlin jüngst den in Hamburg lebenden Graphiker Paul Wunderlich, 39, wissen, der Künstler dürfe »allenthalben wieder als unbestraft sich bezeichnen«. Der Strafvermerk sei auf Wunderlichs Antrag »ausnahmsweise ... bereits jetzt im Strafregister« getilgt worden.

Über fünf Jahre lang hatte der Kunstprofessor Wunderlich als Vorbestrafter gelebt: Im September 1960 hatte ihn das Hamburger Amtsgericht zu einer Geldbuße (200 Mark) verurteilt, weil er »unzüchtige Abbildungen ... an einem dem Publikum zugänglichen Ort« ausgestellt hatte.

Jetzt stellt Wunderlich, der mit Horst Janssen (SPIEGEL 52/1965) zu den begehrtesten Graphikern seiner Generation gehört, erneut und straflos an einem zugänglichen Ort aus: In der Galerie Brusberg in Hannover sind 210 Lithographien, zwölf Ölbilder, sechs Gouachen und fünf Zeichnungen in der ersten umfassenden Wunderlich-Werkschau zu sehen. Ein Farblitho heißt beziehungsreich »Rosen für den Staatsanwalt«.

Wunderlichs Arbeiten offenbaren eine wunderliche Welt durch »eine neue Art satirischer metaphysischer Malerei« (so der Stuttgarter Mathematiker und Philosoph Max Bense). Die Figuren des Graphikers zeigen ihre Skelette, amputierte Gliedmaßen und morsche oder zerfressene Geschlechtsorgane. Wunderlich: »Von diesen Gebilden geht etwas Ernüchterndes aus - nämlich Unlust.« Er malt und zeichnet Fratzen, zerschlagene Körper, »Infusorienmenschen, mumifizierte Homunkuli, vergreiste Embryonen« (Berliner »Tagesspiegel").

Die Bilder aus diesem »Pandämonium der Kläglichkeit menschlicher Existenz« (Wunderlich) heißen vergleichsweise harmlos: »Eine relativ seltene Überraschung«, »Sandwich-Lady II« oder »I surrender« (Ich kapituliere).

Die Farblithographie »Sandwich-Lady II« zeigt eine auf dünnen Beinen staksende, medusenhafte Mona Lisa, die ein plakatgroßes Sandwich mit einem grätigen Fisch trägt.

»Der Ästhet mit der Geißelrute« (die FAZ« über Wunderlich) hat Leonardo da Vincis Mona Lisa auf acht Bildern variiert: Wunderlich ist, so sagt er, von dem »geheimnisvollen Ausdruck« der Florentinerin fasziniert. Wunderlich: »Wie ist dem Maler das bloß gelungen? Vielleicht liegt es daran, daß die Frau keine Augenbrauen hat.«

Um Frau Lisa nicht nur während seiner Louvre-Besuche bewundern zu können, hat Wunderlich zwei Sofakissen mit dem Porträt der Favoritin bezogen. Die Bezüge kaufte er (für 6,80 Mark) im Hamburger »Alsterhaus« - dort wurden sie als Küchentücher angeboten.

Wunderlichs Mona-Lisa-Verehrung ist weder Marotte noch Laune. Sie markiert den Lebensstil des Künstlers, der in Hamburg in einer Siebeneinhalb -Zimmer-Wohnung mit Empire-Sofas, Knoll-Tischchen, Jugendstilvasen und Murano-Lüstern lebt.

Widerwärtigkeiten-Maler Wunderlich, Wildschweinbraten-Liebhaber, Volvo -Fahrer, Gauloises-Raucher und Vater einer Tochter, die bei seiner geschiedenen, jetzt mit dem Schriftsteller Claus Hubalek verheirateten Frau lebt, hat als Wohlstandsbasis sein Professorengehalt (1783 Mark) und die Preise für seine Lithographien. Farblithos kosten 200 bis 400 Mark, schwarz-weiße weniger als 200 Mark. »Seit 1960«, beobachtete Wunderlich, »sind meine Preise kaum stärker gestiegen als die für Lebensmittel.«

Der Maßhalter sollte alles andere als Künstler werden. Sein Vater, Flieger im Ersten Weltkrieg, Oberst in Görings Luftfahrtministerium, wußte: »Für einen deutschen Mann gibt es nur zwei Berufe

- Soldat oder Bauer.«

Soldat war Wunderlich - gezwungenermaßen. Aber gleich nach dem Krieg ging er in Eutin auf die Kunstschule, danach in Hamburg auf die Kunsthochschule. 1951 bekam er dort einen Lehrauftrag für graphische Techniken; neun Jahre später fuhr er für drei Jahre nach Paris. In die Bundesrepublik kam er zurück, um in seinem »Absatzgebiet« (Wunderlich) zu sein und um an der Hamburger Kunsthochschule die Professur für Graphik zu übernehmen - obwohl ihn inzwischen seine Bilder in Hamburg bestraft gemacht hatten.

Die angeblich unzüchtigen Arbeiten - ein Zwölf-Blätter-Zyklus mit dem Titel »Qui s'explique« - waren von Hamburgs Kunstkennern besichtigt und gelobt worden. Am letzten Ausstellungstag kam ein Amtsgerichtsrat und brachte die Bilder in die Davidswache.

Zur gleichen Zeit (1960) wurde Wunderlich in Mannheim mit dem »Deutschen Kunstpreis der Jugend für Graphik« (5000 Mark) beehrt.

Wunderlich wartet nun, bis das Gericht ihm den einbehaltenen Zyklus zurückgibt. Vorerst ist die in einer kleinen Auflage gedruckte Bilderfolge nur an einem Ort dem Publikum zugänglich: im New Yorker Museum of Modern Art.

Maler Wunderlich

Mona Lisa auf dem Sofakissen

»Schwarze Rosen für Ursula«

»Kopf mit Schwan und Muschel III«

»Bosomfriends II (Goldfinger)«

Wunderlich-Bilder, Titel

Pandämonium der Kläglichkeit

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