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BEHINDERTE Unnötiger Tort

Die Standard-Rollstühle für Behinderte erfordern zuviel Kraft. US-Techniker entwickelten verbesserte Modelle.
aus DER SPIEGEL 40/1981

Die Verkäuferin im Wurstladen mußte hinter dem Tresen hervorkommen, um dem jungen Mann im Rollstuhl das Wechselgeld auszuhändigen. »Ich bin ja auch so klein«, spaßte sie verlegen, als sie vor ihm stand.

Der vermeintliche Invalide allerdings war kerngesund: Stephan Lange, 19, Oberschüler aus Hamburg, hatte sich -- im Jahr der Behinderten -- zu einer Rollstuhl-Testfahrt durch die City der Hansestadt aufgemacht. Im Selbstversuch wollte er die Alltagsprobleme gehunfähiger Mitmenschen studieren.

Allenthalben stieß er, erwartungsgemäß, auf Hindernisse -- hohe Bordsteine, steile Treppen, zu enge Türen. Womit er jedoch nicht gerechnet hatte: Auch auf freier Bahn erwies sich Rollstuhlfahren als ungemein anstrengend. Er habe sich, so Lange, auf den Trottoirs unter großem Kraftaufwand regelrecht »vorwärtskämpfen« müssen.

Was Schüler Lange am eigenen, durchaus kräftigen Leib erfuhr, haben amerikanische Wissenschaftler jetzt exakt vermessen. Marktgängige Rollstuhl-Modelle, so ermittelte der Physiologie-Professor Roger Glaser von der Wright State University in Dayton (Ohio), sind geradezu unsinnig kräfteverzehrend: Sie bringen nur fünf Prozent der eingesetzten Muskelarbeit auf die Fahrbahn; S.267 der Rest wird in Körperwärme umgesetzt.

Schon leichte Steigungen, aber ebenso Kies- und Sandwege, Grasnarben oder Korridorteppiche werden dabei zu Hemmnissen, die den Rollstuhlfahrern physische Höchstleistungen abverlangen. Und diese Kraftakte müssen, wie Glaser anmerkt, obendrein meist in einer quälend unnatürlichen Körperhaltung erbracht werden -- mit abgewinkelten, weit nach hinten gebogenen Armen.

In derart verrenkter Position, notiert Glaser, gelinge es selbst gesunden Versuchspersonen kaum, sich länger als nur ein paar Minuten schmerzfrei fortzubewegen. Daß bei der Kurbelei hinterm Rücken beide Arme im Gleichtakt arbeiten müssen, ist ein zusätzlicher Tort, weil wider die Natur: Das menschliche Nervensystem, meint Glaser, bevorzuge eine »alternierende«, gegenläufige Pendelbewegung der Gliedmaßen.

Speziell für querschnittgelähmte Patienten wird die Knochenarbeit im Rollstuhl schnell zur Plage. Störungen des Blutkreislaufs, bedingt durch Ausfälle im Zentralnervensystem, führen bei ihnen häufig zu verringerter Wärmeabfuhr; kräftige Muskelarbeit läßt deshalb ihre Körpertemperatur gefährlich ansteigen -- was Erschöpfungszustände und, psychologisch, Resignation zur Folge haben kann: Die Gelähmten geben auf und bleiben zu Haus.

Das wollen Rollstuhl-Revolutionäre wie Professor Glaser und seine Mitarbeiter in Dayton verhindern. Sie basteln an Alternativ-Vehikeln, die frei sein sollen von den Tücken bisheriger Standardmodelle.

Der ideale, auf die Bedürfnisse der Behinderten zugeschnittene Rollstuhl, so das Konzept der Neuerer, müsse auf jeden Fall möglichst klein und beweglich, dazu bequem, stabil und zusammenklappbar sein; vor allem aber komme es darauf an, die Kraftübertragung zu verbessern.

Ein neuartiges Antriebssystem mit fünf Gängen hat das Glaser-Team jüngst erprobt. Es gleicht einer Fahrrad-Vorderhälfte und kann an der Frontseite konventioneller Rollstühle festmontiert werden. Angetrieben und zugleich gesteuert wird die ingeniöse Zugmaschine mit Hilfe einer Lenkstange, die der Fahrer mit beiden Händen »alternierend« hin- und herbewegt.

Mit dem Glaser-Handbetrieb, so ergaben Vergleichstests, läßt sich die Muskelkraft-Übertragung um 36 Prozent verbessern -- allerdings nur im Freien: Für den Hausgebrauch ist die Zusatzapparatur zu unförmig.

Kompakte, leichte und überaus wendige Miniatur-Rollstühle hat ein anderes Techniker-Team in Dayton entwickelt. Doch die startschnellen Aluminium-Flitzer, mit kleinen Rädern und niedrigen Sitzen, taugen nur für sportliche Zwecke, etwa Wettrennen oder Basketballspiele, die bei den Querschnittgelähmten besonders beliebt sind.

Wahre Wunderwerke fortgeschrittener Rollstuhltechnik wurden unlängst von Spezialisten an der Stanford-Universität in Kalifornien vorgestellt. Dort bauten Ingenieur-Studenten einen Rollstuhl-Roboter mit Elektromotor und Minicomputer, der sich durch Kopfbewegungen steuern läßt.

Das technisch ausgefeilte Gefährt -gedacht für Patienten, die an Armen und Beinen gelähmt sind -- kann problemlos auch durch komplizierte Hindernisstrecken manövriert werden. Ultraschall-Sensoren, gekoppelt mit dem Lenk-Computer des Vehikels, tasten während der Fahrt die Umgebung ab und verhindern zuverlässig Kollisionen.

Ausgestattet mit ähnlich raffinierten Details sind auch Rollstuhl-Prototypen, die von New Yorker Technikern konstruiert wurden. Sie erfanden etwa ein Steuerungssystem, das über ein Saug- und Pusterohr bedient wird; ein anderes gehorcht Stimmkommandos, die ein Computer in Beschleunigungs- oder Bremsimpulse verwandelt. Über Spezialempfänger, eingebaut beispielsweise in TV-Geräte oder auch Türschlösser, S.270 können die Rollstuhlfahrer zudem durch bestimmte Wortbefehle das Fernsehprogramm einschalten oder die Wohnungstüren öffnen.

Doch können sie sich auch, ohne fremde Hilfe, aus ihrem Rollsessel erheben: Auf Knopfdruck verwandeln sich Sitz und Rückenlehne in eine senkrechte Stützwand, an die der Patient, nun aufrecht stehend, durch Haltegurte fixiert ist.

Soviel automatischer Komfort, glaubt Physiologie-Professor Glaser, sei nicht für alle Rollstuhlfahrer wünschenswert. Besser wäre es, meint er, wenn die Behinderten ihren Rollstuhl auch als Trainingsgerät für die intakt gebliebenen Muskeln benutzen könnten.

Zwar ist der Einheitsrollstuhl nach Ansicht des Professors passe; doch die ausgeklügelten modernen Varianten, empfiehlt er, sollten wie Medikamente nur vom Doktor verordnet werden.

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