Zur Ausgabe
Artikel 47 / 72

EATHERLY Unschuld und Sühne

aus DER SPIEGEL 18/1964

Er gilt seit Jahren als das lebende Mahnmal der Atom-Ära. Über das seltsame Leben des Claude Robert Eatherly wurden Funk- und Fernsehsendungen, Gedichte, Essays und Zeitungsartikel, wurde sogar ein - noch nicht gefilmtes - Drehbuch verfaßt.

1961 veröffentlichte der Wiener Schriftsteller und Atombombengegner Günther Anders unter dem Titel »Off Limits für das Gewissen« bei Rowohlt einen Briefwechsel, den er mit dem amerikanischen Ex-Major und Hiroshima-Piloten Eatherly geführt hatte, und der Wiener Schriftsteller und Atombombengegner Robert Jungk ("Heller als tausend Sonnen") erläuterte in einem Vorwort: »Die Atombomben treffen auch den, der sie anwendet.« (SPIEGEL 38/1961.)

Jungk, damals: »Der 'Fall Eatherly' hat uns zuerst die Augen für diese Rückwirkung der neuen ,Waffen' geöffnet. Da ist einer, der das Entsetzliche, an dessen Auslösung er mitbeteiligt war, nicht fortschiebt, nicht verdrängt, sondern als tiefe Schuld erlebt.«

Denn Eatherly, so lautete die Belehrung, als Pilot einer B-29 in der 509. Bombergruppe der 20. US-Luftflotte Teilnehmer und Augenzeuge des ersten nuklearen Angriffs auf die japanische Stadt Hiroshima am 6. August 1945, war nach seiner Megatod-Mission von Reue gepackt worden.

Der Legende zufolge lehnte er es ab, sich von seinen Landsleuten als »Victory Boy« feiern zu lassen; er unternahm einen Selbstmordversuch und beschuldigte sich: »Ich fühle, daß ich alle diese Menschen in Hiroshima getötet habe.«

Um »das ,Heldenbild' zu zertrümmern, das die Gesellschaft sich von mir gemacht hat«, und um zu beweisen, daß er über Hiroshima ein Verbrechen begangen habe, verging er sich gegen die Gesetze: Er fälschte Schecks, überfiel zwei Postämter und verlangte von einem texanischen Lebensmittelhändler mit vorgehaltener Pistole die Ladenkasse. Auf Antrag seines Anwalts wurde Eatherly für unzurechnungsfähig erklärt und in ein Veteranen-Hospital in Waco, Texas, eingeliefert, das ihn zuvor schon einige Male aufgenommen hatte.

Während Günther Anders dem »schuldlos Schuldigen« von Waco in einem Brief »moralische Gesundheit« bescheinigte ("Ihre Reaktion beweist die Lebendigkeit Ihres Gewissens"), diagnostizierte ein Psychiater an seinem Patienten einen »klassischen Schuldkomplex« und befand: »Hiroshima allein genügt nicht, sein Verhalten zu erklären.«

Zu einem noch ganz anderen Befund ist jetzt der amerikanische Reporter und Schriftsteller William Bradford Huie in seinem Buch »The Hiroshima Pilot« gekommen, das in New York erschienen ist und im kommenden Herbst auch auf deutsch im Wiener Zsolnay -Verlag herauskommen soll*.

Huie, Autor eines auch in Deutschland verlegten Berichts über den »Fall des Soldaten Slovik"**, hatte sich, angeregt durch Leserbriefe, des Falles Eatherly angenommen, weil er meinte, »daß dem Major Eatherly Unrecht geschehen sein könnte«.

Er machte sich mit den widersprüchlichen Publikationen über den Antihelden von Hiroshima vertraut und erkannte, »daß alles über Eatherly Veröffentlichte von Leuten geschrieben worden war, die ihn nie gesehen hatten. Erstaunlicher noch: Keiner der Schreiber hatte sich die Mühe gemacht, auch nur eine Akte, sei sie militärischer, ärztlicher oder polizeilicher Herkunft, zu prüfen«.

Huie holte das bisher Versäumte nach. Er las sich durch Protokolle und begann Korrespondenzen; er interviewte Eatherlys Ärzte, Eatherlys Kriegskameraden

und Eatherly selbst, der nach seinem letzten Waco-Aufenthalt in Galveston (Texas) lebt.

Das Resultat dieser soliden Recherche weicht um einiges von der mythosträchtigen Fabel ab, wie sie beispielsweise Anders und Jungk überlieferten. So hatte Eatherly am 6. August 1945 weder die Atombombe über Hiroshima abgeworfen noch das unmittelbare Signal zum Abwurf gegeben noch als Augenzeuge den ersten Nuklear-Angriff miterlebt.

Eatherly und seine Besatzung hatten vielmehr die Aufgabe gehabt, das Wetter über Hiroshima zu erkunden. Als mögliche Ziele der ersten Atombombe waren außerdem die Städte Kokura und Nagasaki ausgewählt worden. Um 7.12 Uhr meldete Eatherly per Funk: »Wolkendecke geringer als drei Zehntel in allen Höhenlagen. Vorschlag: Bombardieren.« Als die B-29 mit Namen »Enola Gay« unter dem Kommando des damaligen Oberstleutnants Paul Warfield Tibbets um 8.15 Uhr die Bombe auslöste, war Eatherlys »Straight Flush« bereits auf dem Rückflug zur Ausgangsbasis Tinian und 360 Kilometer von Hiroshima entfernt.

Eatherly erhielt auch weder das »Distinguished Flying Cross« noch lehnte er ab, sich als Held feiern zu lassen. Das Gegenteil war der Fall: Nach Aussage des Funkers der »Straight Flush« fühlte sich Eatherly »tief verletzt« darüber, daß sein Hiroshima-Auftrag nicht gewürdigt wurde und- daß allein Tibbets und die Besatzung der »Enola Gay« die Ehrungen entgegennehmen durften.

Vom zweiten Bordmechaniker der »Straight Flush« erfuhr Huie: »Der Käptn (Eatherly) hatte die erste Bombe werfen wollen ... Er war noch mehr enttäuscht, als wir bei Nagasaki ganz ausgelassen wurden... Er fühlte sich und seine Mannschaft übergangen.«

Ebenfalls übergangen wurde er ein Jahr später, als eine Testbombe über dem Bikini-Atoll abgeworfen wurde: Eatherly und seine Mannschaft hatten beim voraufgegangenen Übungswerfen zu schlecht abgeschnitten. »Claude Eatherly«, erinnerte sich Kenneth Wey, der Bomberschütze der »Straight Flush«, »wollte den Wurf auf Bikini machen ... Es war sein Herzenswunsch.« Und Eatherlys geschiedene Ehefrau fand, es sei »die größte Enttäuschung in Claudes Leben gewesen, daß er nicht für die Bikini-Bombe ausgesucht wurde«.

Huie: »Eatherly ist also 1945 nicht zum Helden ernannt worden. Bis zum Jahr 1957 hat er keinerlei Aufsehen erregt, und Mr. Bowen (Eatherlys Funker) glaubt, daß mangelnde Anerkennung - die Tatsache, daß er für Hiroshima nicht gewürdigt wurde - Eatherlys persönliche Tragödie verursacht habe.«

1947 wurde Eatherly, nachdem seine Bewerbung für die aktive Offizierslaufbahn abgelehnt worden war, aus der amerikanischen Luftwaffe entlassen. Nach einem kurzen Zwischenspiel als Pilot bei dem illegalen Unternehmen eines pensionierten Oberstleutnants namens William I. Marsalis, der 1947 Kuba bombardieren, erobern und zum 49. Staat der USA proklamieren wollte,

wurde Eatherly Verkäufer bei einer texanischen Petroleum-Gesellschaft.

Von Alpträumen, unter denen er in dieser Zeit gelitten haben soll, ist zumindest seiner geschiedenen Ehefrau nichts bekannt. Statt dessen entsinnt sie sich, zusammen mit ihm einen Bericht über Hiroshima gelesen zu haben: »Er sagte mir, daß er Mitleid mit den Opfern habe, daß aber die Bombe geworfen werden mußte, weil sie auf japanischer wie auf amerikanischer Seite viel mehr Menschenleben rettete, als sie vernichtet hat.«

Tatsache allerdings ist, nach Huie, daß dem passionierten Flieger, dem »unbekümmerten Jungen« und »guten Pokerspieler«, der »seinen Spaß haben und das Leben genießen wollte« - so Eatherlys Navigator Francis Thornhill -, das Zivilistendasein nur Unglück brachte. Er begann unmäßig zu trinken und hat möglicherweise auch einen Selbstmordversuch unternommen.

1950 wurde er zum erstenmal ins Veteranen-Hospital von Waco aufgenommen. Die Ärzte diagnostizierten »Angstreaktionen«, von Hiroshima war nicht die Rede.

Von der atomgebombten Stadt war erstmals die Rede, nachdem Eatherly etliche Schecks gefälscht, zwei Postämter überfallen und mehrere Waco-Aufenthalte hinter sich gebracht hatte: Bei seinem Routinegang durch das Gefängnis von Fort Worth in Texas interviewte ein Polizeireporter namens Jim Vachule, auch er ehemaliges Mitglied einer B-29-Besatzung, den Hiroshima-Piloten und meldete in seiner Zeitung, dem »Star-Telegram« von Fort Worth: »Weltkriegsheld in Not.« Er meldete aber auch: »Der einstige Held betonte, daß er seinen seelischen Zustand und seine Nöte nicht auf seine Kriegserlebnisse zurückführe.«

Nach Vachules - keineswegs immer korrekten - Angaben veröffentlichte das amerikanische Nachrichtenmagazin »Newsweek« eine Eatherly-Geschichte unter dem Titel »Held in Handschellen«. Vachule selbst schrieb das Skript zu einem Fernsehspiel, das er bei der Sendung freilich kaum wiedererkannte. Vachule: »Ich glaube sagen zu dürfen: Die wahre Geschichte ist sehr stark dramatisiert worden.« Der Fall Eatherly wurde zur Weltaffäre.

»Mit dem Fernsehspiel vom 31. Mai 1957«, erläutert Huie, »wurde Millionen von Amerikanern gesagt, daß ein Luftwaffenheld durch sein Schuldgefühl wegen Hiroshima in die Geisteskrankheit getrieben worden war und daß dieser Held sich danach sehnte, für Hiroshima zu sühnen. Und eben weil die Gesellschaft sich weigerte, ihn für Hiroshima zu bestrafen, war der Held darauf verfallen, Schecks zu fälschen und Postämter auszurauben, denn er wollte die Gesellschaft zu seiner Bestrafung zwingen.«

Eatherly, wieder Insasse von Waco, las die Zeitungsartikel und sah das Fernsehspiel. Ihre Folgerungen schienen ihm logisch, mehr noch: Auch seinen Ärzten waren sie plausibel. »Wie«, so fragt sich Huie, »konnte Eatherly in Zweifel ziehen, was die Psychiater sagten ... Und warum sollte er?«

Somit begann, laut Huie, Eatherlys Ruhm. Er wurde der »schuldlos Schuldige«, der mit einem deutschen Philosophen namens Anders Briefe »wechselte und dem auch der englische Nobelpreisträger Bertrand Russell sein Mitgefühl bekundete.

»Eatherly«, schreibt sein Inquisitor Huie, »muß sich gedacht haben, daß er einen neuen Sinn für sein Leben gefunden hatte. Und falls er fähig war, die Wahrheit von der Fiktion zu unterscheiden, dann muß er zu dem Schluß gekommen sein, daß die Wahrheit nicht zählte.«

Während eines seiner Eatherly-Interviews fragte Huie den Hiroshima-Piloten:

Haben Sie nicht behauptet, daß Sie die Explosion über Hiroshima gesehen haben und dann durch die Atomwolke geflogen sind?

Ja.

Und Sie wußten, daß es gelogen war? Sicher.

Haben Sie nicht behauptet, daß Sie Japan besucht und »in die Gesichter Ihrer Opfer geblickt« haben?

(Er senkte die Augen.) Das Ist erfunden worden.

Huie: »Der Fall Eatherly hat den unreifen, schizoiden Mann Eatherly überwuchert, weil Millionen von Menschen danach begehren zu glauben, daß es einen Major Eatherly gab und gibt, der die Bombe hinauftrug, sie herabfallen ließ und dann auf seine Knie sank und klagte: Vater, was habe ich getan.«

* William Bradford Hute: »The Hiroshima Pilot«. G. P. Putnam's Sons, New York; 120 Selten; 5,95 Dollar.

** Eddie D Slovik wurde 1945 wegen Fahnenflucht zum Tode verurteilt und durch ein Erschießungskommando in Frankreich hingerichtet. Er war seit 1864 der einzige Deserteur der amerikanischen Armee, dessen Todesurteil vollstreckt wurde.

Hiroshima-Pilot Eatherly

Die Bombe zu werfen ...

Eatherly-Forscher Huie

... war sein Herzenswunsch

Mehr lesen über

Zur Ausgabe
Artikel 47 / 72
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.