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KINO Unser Mann in Cannes

Seit elf Jahren läuft erstmals wieder ein deutscher Film im Wettbewerb des bedeutendsten Festivals der Welt - doch gedreht hat ihn der Österreicher Hans Weingartner.
aus DER SPIEGEL 18/2004

Am Ende mussten sogar schon Begriffe der Magie herhalten, um die Misere zu erklären - von »Bann« und »Fluch« war die Rede, ein »Sesam, öffne dich!« wurde verzweifelt gesucht: Denn ganze elf Jahre lang schaffte es kein deutscher Film, zum Wettbewerb um die Goldene Palme des Festivals von Cannes zugelassen zu werden - es gab nur kleinere Auftritte auf Nebenschauplätzen. Das Palais an der Croisette, die Hochburg des Kinos, erschien als uneinnehmbare Festung.

Obwohl Vertreter der deutschen Branche und sogar deutsche Kulturstaatsminister in Frankreich eifrig die Klinken putzten - die Türen gingen davon noch lange nicht auf. Gilles Jacob, langjähriger Präsident des Festivals, dem das Gebaren eines Sonnenkönigs zugeschrieben wird, und sein treuer Vasall und erklärter Thronfolger Thierry Frémaux gewährten den Deutschen freundlich Audienzen - und verwehrten ihnen dann doch den Zutritt.

Schließlich kam aber doch einer, ein Hans im Glück, spazierte furchtlos drauflos, und alle Türen gingen auf: Der aus Vorarlberg stammende Regisseur Hans Weingartner, 33, schaffte es nun mit der deutsch-österreichischen Koproduktion »Die fetten Jahre sind vorbei« in den Wettbewerb von Cannes und wird sich dort mit Regiegrößen wie Wong Kar-wai, Emir Kusturica oder den Coen-Brüdern messen.

Was macht diesen Hans so überraschend hoffähig? Der Absolvent der Kölner Kunsthochschule für Medien legte 2001 mit seinem Abschlussfilm »Das weiße Rauschen« ein fulminantes Regiedebüt hin und versetzte seine Zuschauer in die Lebens- und Vorstellungswelt eines Schizophreniekranken, gespielt von Daniel Brühl. Der Darsteller, den die Franzosen inzwischen als Helden des Erfolgsfilms »Good Bye, Lenin!« kennen, verkörpert neben Julia Jentsch und Stipe Erceg auch in Weingartners neuer Arbeit eine Hauptrolle.

In »Die fetten Jahre sind vorbei« geht es um drei Jugendliche, die gegen eine saturierte Gesellschaft rebellieren und geheime Drohbotschaften an Reiche verschicken. Viel mehr ist über das Werk bisher nicht zu erfahren, denn Weingartner sitzt derzeit in Wien noch in der Mischung, hüllt sich in Schweigen und hütet seine Kopie wie einen Schatz. Selbst Christiane Peitz, die für Cannes deutsche Filme sichtet, durfte bisher noch keinen Blick darauf werfen.

Die Chuzpe, einen noch nicht fertigen Film jenseits des Dienstwegs geradezu klandestin in den Wettbewerb zu schleusen, muss man erst mal haben. Weingartner hatte aber noch mehr: einen mächtigen französischen Weltvertrieb. Die in Paris ansässige Firma Celluloid Dreams kaufte die Rechte an »Die fetten Jahre sind vorbei« schon vor Monaten.

Die Lobbyisten von Celluloid Dreams verstehen sich seit Jahren meisterhaft darauf, die von ihnen vertriebenen Filme auf A-Festivals zu platzieren. Dass nun auch Weingartner davon profitiert, spricht nicht gegen seinen Film, sondern für seine Cleverness: Von Frankreich lernen heißt eben siegen lernen.

Es ist also schon ganz in Ordnung, wenn die heimische Branche den Triumph über Weingartners Cannes-Coup erst mal still genießt. Noch haben die deutschen Produzenten nicht viel Grund, sich auf die eigenen Schultern zu klopfen. Zumal der österreichische Produktionsanteil des Films bei seiner Auswahl für den Wettbewerb auch eine Rolle gespielt haben dürfte.

Andererseits hat der Erfolg von »Good Bye, Lenin!« in Frankreich nicht nur Daniel Brühl bekannt gemacht, sondern auch generell wieder mehr Aufmerksamkeit für deutsches Kino geschaffen. »Die Filmszene dort interessiert sich jetzt für das, was wir hier machen«, beobachtet Christiane Peitz. »Bis vor kurzem kannten sie kaum die Namen unserer jüngeren Regisseure.« Immerhin: Auf der französischen Landkarte des Kinos kommt Deutschland, nach Jahren der Absenz seit den legendären Erfolgen eines Wenders oder Schlöndorff, endlich wieder vor. LARS-OLAV BEIER

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