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PHILOSOPHIE / MARX Unser Zeitgenosse

aus DER SPIEGEL 26/1969

Karl Marx, so meint der französische Soziologe Raymond Aron, sei postum in Paris »naturalisiert« worden. In der Tat ist der Einfluß des Weltumwälzers aus Trier in keinem nichtkommunistischen Land so groß wie in Frankreich.

Philosophen wie Jean-Paul Sartre, Louis Althusser und Roger Garaudy, Soziologen wie Aron und Henri Lefèbvre, Historiker wie Maximilien Rubel und Auguste Cornu, Nationalökonomen wie Ernest Mandel und sogar Theologen wie die Jesuiten-Patres Jean-Yves Calvez und Gaston Fessard versuchen Marx immer wieder neu zu interpretieren und streiten darum, wer der wahre Erbe seiner Lehre sei.

Marx wird in Frankreich mehr als in jedem anderen westlichen Land verlegt, und verkauft: Marx-Werke erschienen von 1945 bis 1967 in rund 35 Einzelausgaben, darunter allein neun des Hauptwerks »Das Kapital« und erreichten insgesamt eine Auflage von über 200 000 Exemplaren. In der Bundesrepublik hingegen erzielte die einzige neu herausgegebene Auswahl von Marx-Werken in sieben Bänden nur eine Druckauflage von rund 2000 Exemplaren.

In Frankreich erschien auch die bislang einzige Gesamtausgabe der Werke (54 Bände) in einem nichtkommunistischen Land, und seit 1963 wurde Marx sogar in der berühmten Kollektion »Pléiade« des Pariser Verlags Gallimard als Klassiker kanonisiert.

Zu den Gründen für die Marx-Renaissance in Frankreich werden gezählt:

der Kampf des freien Frankreich an der Seite der Sowjet-Union gegen den Faschismus;

die führende Rolle der französischen Kommunisten in der Widerstandsbewegung gegen die Deutschen;

* die Wiederentdeckung der humanistischen Frühschriften des jungen Marx, in denen er die Befreiung aller Menschen von Zwang und Entfremdung fordert, und

* die Hoffnung auf einen menschlichen Kommunismus nach der Entzauberung Stalins durch Chruschtschow.

Während die Kommunistische Partei Frankreichs nach dem Zweiten Weltkrieg an den marxistisch-leninistischen Dogmen der KPdSU festhielt, entwickelten Frankreichs Intellektuelle selbständige, nicht parteigebundene Marxismen, die an den Hochschulen und in den kleinen Cafés des Quartier Latin eifrig diskutiert wurden.

Einen Höhepunkt erreichte die Marx-Debatte mit der Veröffentlichung von Sartres Hauptwerk »Kritik der dialektischen Vernunft I« im Jahre 1960. Der marxistische »Existentialist« Sartre deutel Marx nach dessen Jugendschriften vor allem als revolutionären Humanisten, als Künder eines Selbstbefreiungsprozesses der Menschheit von Entfremdung, Elend und Knechtschaft. Sartre versucht. Marxens vom Stalinismus unterschlagene Menschenlehre zu erneuern, indem er die konkrete soziale Existenz der Menschen in den Mittelpunkt seiner Philosophie stellt.

Sartres humanistischer Marxismus faszinierte Frankreichs Intellektuelle. Am 7. Dezember 1967 diskutierten im großen Pariser Versammlungshaus »Mutualité« Sartre und KPF-Ideologe Roger Garaudy -- sowie weitere Philosophen und Naturwissenschaftler -- über Grundpositionen des Marxismus. Zahl der Zuhörer: 6000. Diskussionsleiter Jean Orcel: »Wir haben allen Grund, darauf stolz zu sein.«

Freilich blieben der Partei-Marxismus und Sartre unversöhnt. Während sich die KPF-Intellektuellen noch bemühten, Sartres Marx-Deutung als kleinbürgerlich abzuwerten, entstand in ihren eigenen Reihen eine neue Häresie, die sowohl gegen Sartre als gegen Doktrinen der Partei gerichtet war.

Louis Altbusser, 50, photoscheues ZK-Mitglied und Philosophie-Professor an Frankreichs berühmtester Hochschule, der Ecole normale supérieure in Paris, entdeckte mit seinen Schülern Marx als strengen Wissenschaftstheoretiker. In einem zweibändigen Werk »,Das Kapital' lesen« (1966) stellte Althusser die These auf, Marx habe sich als Wissenschaftler ausschließlich für die exakte Analyse permanenter Strukturmodelle, vor allem der kapitalistischen Produktionsweise, interessiert, nicht aber für die Befreiung der Menschheit als fernes Ziel der Geschichte.

Während Sartres Marxismus eine Theorie des revolutionären Elans, eine Theorie der Freiheit, eine Theorie der machbaren sozialen Veränderung entwirft und damit Motive des orthodoxen Marxismus aufgreift, leugnet Althusser jegliche Theorie historischer Übergänge. Für ihn ist der wissenschaftliche Marxismus nichts anderes als die Analyse ökonomischer Struktursysteme, das heißt: Freiheit, Geschichte, Humanismus und handelndes Subjekt sind keine wissenschaftlichen, sondern ideologische Begriffe.

Althussers Marx-Interpretation und deren Begriff von »Wissenschaftlichkeit« sind von der modernen Denkrichtung des »Strukturalismus« beeinflußt. Der Strukturalismus setzt an die Stelle einer von Menschen machbaren, »diachronen«, das heißt, durch die Zeit gehenden Geschichte ewige Strukturen, die den Menschen machen: ein »synchrones«, immer gegenwärtiges System zeitloser Beziehungen, die menschliches Handeln determinieren.

Daß gerade in Frankreich der Strukturalismus, die Absage an die Geschichte, zur Mode wurde, motivierte die liberale Zeitschrift »Preuves« 1967: »Dieses Frankreich, aus der Geschichte vertrieben, ist nun um so mehr bereit, die Geschichte auszutreiben.«

Der strukturalistischen Denkmode verfielen auch junge marxistische Intellektuelle. Entgegen dem Verdikt orthodoxer Marxisten, daß der Strukturalismus im Marxismus »keinen Bundesgenossen« habe, versuchten ZK-Mitglied Althusser und seine Schüler beides miteinander zu versöhnen und Marx sogar als Erfinder der strukturalen Methode darzustellen.

Althusser geht davon aus, daß Marx als Theoretiker keineswegs mehr Humanist gewesen sei, sondern nach einem »erkenntnistheoretischen Bruch« (Althusser) das ideologische Geschichtsdenken seiner Jugendzeit zugunsten einer strengen ökonomischen Wissenschaft aufgegeben habe.

Wissenschaft und Humanismus sind also für Althusser unvereinbar. Er meint sogar, die kritische Ökonomie von Marx sei als Theorie »Antihumanismus

Laut Althusser gibt es in dieser kritischen Ökonomie, weil sie lediglich die unveränderlichen Strukturbedingungen von Produktionsweisen untersucht, keine von Menschen planbare Wirtschaft mehr. Althusser: Die Ökonomie ist »ein Theater ohne Autor« -- und offenbar auch ohne Akteure.

Mit dieser Trennung von Theorie und Praxis, von wissenschaftlicher Erkenntnis und humanistischer Ideologie, ja sogar von Vernunft und Revolution provozierte Althusser den Humanisten Sartre wie die orthodoxen Genossen des Politbüros.

Die Partei warf dem Struktur-Marxisten vor, er lähme das revolutionäre Engagement, weil er die Menschen aus der Geschichte vertreibe und sie gleichsam zu Marionetten der Strukturen degradiere.

Diesem Partei-Verdikt und der Feststellung, er treibe den Marxismus in seine »modernistische Krise«, entzog sich Althusser mit der Ausflucht des Philosophie-Professors: Er befasse sich nicht mit der Praxis, sondern mit der Theorie. Schließlich habe ja auch nach marxistischer Ansicht die Theorie jeder wirklichkeitsgerechten Praxis vorauszugehen.

Trotz dieser strengen, im Grunde unmarxistischen Trennung von Theorie und Praxis glaubt Althusser ein überzeugter Kommunist sein zu können, weil für ihn die Ideologie des sozialistischen Humanismus zwar keinen wissenschaftlichen, so doch einen politisch-pragmatischen Wert hat. Er bestimmt sie als Ausdruck des sozialen Willens, »alle menschlichen Diskriminierungen abzulehnen«. Sie habe die politisch-praktische Funktion, den »historischen Übergang von der Diktatur des Proletariats zum Kommunismus« zu unterstützen.

Auch Althusser erhofft also wie Sartre einen humanen Kommunismus, aber historische Übergänge wie soziale Praxis überhaupt seien, wie er meint, kein Gegenstand der von Marx erarbeiteten kritischen Ökonomie. Für den KPF-Funktionär Althusser gibt es also keine Wissenschaft von der Revolution, keine wissenschaftliche Einsicht in die Notwendigkeit historischer Veränderungen, keine exakte Erkenntnis von geschichtlichen Entwicklungsgesetzen.

Gegen diese geschichtsfeindliche Marx-Interpretation des Kommunisten Althusser polemisierte der Existentialist Sartre: Gerade der Marxismus sei die einzige Methode, die der »Gesamtheit der historischen Bewegung in einer logischen Ordnung« gerecht werde. Sartre: »Ich verstehe nicht, daß man bei den Strukturen haltmacht: Für mich ist das ein logischer Skandal.«

Althusser hingegen karikiert das humanistische Denken des jungen Marx und also auch dessen Interpre-

* Raymond Aron: »D'une Sainte Familie à l'autre«. Gallimard, Paris; 312 Seiten; 18 Franc.

tation durch Sartre, die nach seiner Meinung mit ideologischen, also unwissenschaftlichen Begriffen wie Freiheit, Sinn, Geschichte und Entfremdung operierten, als »pseudophilosophisch«, sozusagen als philosophischen Skandal.

Wie leidenschaftlich Frankreichs Intellektuelle um das Marx-Erbe ringen, bewies Anfang dieses Jahres der prominenteste französische Soziologe, Raymond Aron*. Als »furchtbarer Zensor« mit »unfehlbarer Klarheit« ("Le Monde") beschreibt Aron den Streit der beiden bedeutendsten Denker Frankreichs, Althussers und Sartres. als tragische Auseinandersetzung um die »Unerschöpflichkeit« der Marxschen Offenbarung.

Für Aron nimmt der Kampf um Marx, den die Pariser Linksintellektuellen führen, so lange kein Ende wie sie sich nicht auf die konkrete ökonomische Kritik des »Kapital« besinnen würden: »Anstatt das 'Kapital' des 19. Jahrhunderts zu lesen, wäre es besser, das des zwanzigsten zu schreiben.«

Am Ende seines Buches, das im Marxismus-Streit einen neuen Höhepunkt setzt, erklärt der konservative Soziologe Aron beeindruckt: »Marx ist unser Zeitgenosse.«

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