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Regisseure »Unsere Polizei ist nicht sexy«

aus DER SPIEGEL 21/1996

SPIEGEL: Herr Huettner, jeder deutsche Regisseur, der Erfolg haben will, dreht zur Zeit Komödien. Sie haben einen Psychothriller mit Telefonsex und einem Serienmörder gemacht, »Der kalte Finger«. Ist Ihnen der Erfolg egal?

Huettner: Ich habe keine Lust mehr, Komödien zu inszenieren. »Doc Snyder« und »Voll normaaal«, das waren meine Beiträge zum Genre. Komödien sind übrigens keine Garanten für Erfolge.

SPIEGEL: Aber keine Komödie zu drehen ist ein Garant für Mißerfolg.

Huettner: Trotzdem: In Komödien wird nur gequatscht, vor allem in deutschen. Bei einem Thriller muß der Regisseur sich ein bißchen mehr anstrengen.

SPIEGEL: Meist vergebens: Wann haben Sie zuletzt einen einheimischen Thriller gesehen, der so perfekt gewesen wäre wie etwa »Seven« oder »Heat«?

Huettner: Mit denen will ich mich gar nicht messen.

SPIEGEL: Komödien haben keine Konkurrenz: Den deutschen Humor gibt es nur in Deutschland, eine deutsche Komödie kriegt Hollywood nicht hin. Das ist die perfekte Marktnische.

Huettner: Ich habe nichts gegen deutsche Komödien: Ist doch schön, wenn das Publikum sich in einem Kinofilm wiedererkennen will. Auch im Fernsehen holen deutsche Serien die Quoten. Und daß deutsche Popmusik nicht mehr hoffnungslos hinterherhinkt, sondern die Hitparaden anführt, das muß ich doch einfach gut finden.

SPIEGEL: Klingt nach DDR: Wir schaffen Weltniveau.

Huettner: Unsinn. Ich kenne mich einfach besser aus in meiner Stadt. Das ist der Stoff, aus dem ich meine Geschichten machen muß. Und das ist die einzige Chance, die ein Thriller wie »Der kalte Finger« hat: daß er ganz anders ist als die Thriller aus Hollywood.

SPIEGEL: In allen Filmhochschulen wird gepredigt, daß der deutsche Film gefälligst die Erzählstandards von Hollywood erfüllen solle.

Huettner: Bei einem Thriller geht das nicht. Die Amerikaner erzählen immer aus der Perspektive der Polizei.

SPIEGEL: Was haben Sie gegen die?

Huettner: Die deutsche Polizei ist überhaupt nicht sexy. Die Autos sind nichts, die Uniformen sehen nach nichts aus. Und außerdem: Es kostet mehr. Man braucht viel mehr Leute, viel mehr Material. Wenn die Polizei ins Spiel kommt, müssen immer ein paar Autos vernichtet werden. »Der kalte Finger« aus der Perspektive des Ermittlers erzählt hätte zehnmal soviel gekostet.

SPIEGEL: Ein Sparthriller also.

Huettner: Ich fand es viel interessanter, von einem Mädchen zu erzählen, das beim bezahlten Telefonsex seine sadistischen Phantasien in den Hörer flüstert - und ziemlich bald ahnt, daß der verrückte Künstler am anderen Ende der Leitung damit Ernst macht. Meine Heldin ist mitschuldig, sie ist die Telefongeliebte eines Serienmörders.

SPIEGEL: Die mächtigen amerikanischen Verleihfirmen nehmen ja neuerdings gern deutsche Filme ins Programm. Warum nicht den »Kalten Finger«?

Huettner: Die machen keine Experimente. Die steigen vor dem Drehen in eine Produktion ein und wollen ganz genau wissen, was sie da erwartet.

SPIEGEL: Haben Sie das Drehbuch nicht herausgerückt?

Huettner: Was sagt schon ein Drehbuch über die Stimmung eines solchen Films? Klar, man kann natürlich sagen, Sven Väth macht die Musik. Dann denken die, das ist ein Möbelhersteller aus Malmö.

SPIEGEL: Und die Filmförderung? Konnten die Gremien mit dem Drehbuch etwas anfangen?

Huettner: Wir haben es gar nicht eingereicht. In den Filmförderungsgremien sitzen lauter 70jährige, denen mag man von Telefonsex und irren Killern gar nichts erzählen. Das betrachten die als Körperverletzung.

SPIEGEL: Soll das heißen, daß Sie keinen Pfennig Förderung bekommen haben?

Huettner: Nein. Der Film ist frei finanziert. Der Sender Pro Sieben ist irgendwann mit eingestiegen.

SPIEGEL: Plädieren Sie für eine Abschaffung der Filmförderung?

Huettner: Es ist schon blödsinnig, wenn so ein Gremium von alten Leuten, die vom Kino sowenig Ahnung haben wie von der Welt, über Filme entscheidet. Was soll dabei schon rauskommen?

SPIEGEL: Glauben Sie, daß in Hollywood die Produktionsbedingungen besser wären?

Huettner: Dort gibt es immer einen, der kann den Knopf drücken, und dann geht es los. Hier hat man es mit den Leuten in den Fördergremien zu tun und mit denen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, und der eine sagt: »Ich drücke den Knopf, wenn du ihn auch drückst.« Und der nächste sagt: »Was ist mit euch dahinten? Drückt ihr auch?« Und bis es dann endlich losgeht, sind Jahre vergangen, und das ganze Thema ist alt geworden.

SPIEGEL: So schnell altern Ihre Filme?

Huettner: Eine Geschichte, für die sich morgen noch jemand interessiert, muß ganz von heute sein: die Musik, nach der man heute tanzt, Kunst, für die man sich heute interessiert, die Gesichter, die Kleidung, die Frisuren. Bevor man anfängt, einen Film zu inszenieren, sollte man erst einmal die Fenster zur Wirklichkeit ganz weit aufreißen und sich möglichst weit hinauslehnen.

SPIEGEL: Serienkiller und Telefonsex kannten wir schon aus dem Kino.

Huettner: Aber ich habe den wahnsinnigen Künstler mit Wolfgang Flatz besetzt, einem Mann, der wirklich wahnsinnige Kunst produziert. Stellen Sie sich dagegen diesen anderen Österreicher vor, diesen Brandauer: in der Hand das Rotweinglas und im Gesicht so einen künstlerisch wertvollen Ausdruck

SPIEGEL: Es muß ja nicht unbedingt Brandauer sein: Aber gelernte Schauspieler haben immerhin den Vorteil, daß sie mehr können, als nur sich selber zu spielen.

Huettner: Ach was. Schauen Sie sich doch nur Heike Makatsch an, eine Fernsehmoderatorin, und Detlev Buck riskiert es, ihr in »Männerpension« eine Hauptrolle zu geben. Es ist das Beste, was seinem Film passieren konnte. Mit Leuten wie Flatz und Makatsch kommt Welt ins Kino.

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