"Event-TV" in Zeiten der Pandemie Unsere wunderbare Buttercremetorte

Die ARD wartet mit idealem Eskapismus für die Quarantäne auf: Zur besten Sendezeit läuft eine dreiteilige Seifenoper über das Jahr 1948 - also über die "schlimme Zeit" gleich nach der "noch schlimmeren Zeit".
Foto: Willi Weber/ WDR

In Zeiten forcierter Freizeit ergeht häufig der dusselige Rat, man möge nun doch "einfach mal ein gutes Buch lesen". Dunklere Naturen könnten sich demnach in "Die Pest" von Albert Camus oder "Die Wand" von Marlen Haushofer vertiefen. Heiterere Gemüter könnten endlich mal das "Das Dekameron" von Giovanni Boccaccio lesen. Wer mag, der kann sich auch mit dem "Zauberberg" von Thomas Mann in "Liegekur" begeben. Schieben wir die Bildungsbeflissenheit mal beiseite, sieht die Realität anders aus - nach Netflix und Glotze.

Wie es der Zufall will, wartet ausgerechnet die ARD mit idealem Eskapismus für die Quarantäne auf. Ganz Deutschland hockt zu Hause, schlimm, aber zur besten Sendezeit läuft eine dreiteilige Seifenoper über die "schlimme Zeit" gleich nach der noch schlimmeren Zeit: "Unsere wunderbaren Jahre", die Antwort auf den ZDF-Mehrteiler "Ku'damm '56"  beziehungsweise "Ku'damm '59".

Die Verfilmung des ersten Drittels des gleichnamigen Romans (Regie führt Elmar Fischer nach dem Drehbuch von Robert Krause und Florian Puchert) von Peter Prange weichzeichnet ein Land kurz nach dem kriegsbedingten Stillstand. Die Wirtschaft rappelt sich wieder auf, der Badesee ist gut besucht, und drei Fabrikantentöchter aus dem provinziellen Überall und Nirgendwo (Sauerland) schauen 1948 erwartungsvoll in eine emanzipierte Zukunft. 

Die strahlende Ulla Wolf (Elisa Schlott) würde gern Medizin studieren - und darf nicht, weil sie die Firma des knorrigen Vaters (Thomas Sarbacher) übernehmen soll. Die blassere Gundel (Vanessa Loibl) hingegen übernähme gern die Firma - und darf nicht, weil es ihr niemand zutraut.

Unterdessen wartet die Älteste, Margot (Anna-Maria Mühe), eisern auf die Heimkehr ihres verschollenen SS-Gatten. So sitzt man großbürgerlich zu Tisch, auf den die resolute Mutter (Katja Riemann) endlich wieder eine Buttercremetorte stellen kann. Auf einem Untersetzer mit Hakenkreuz. Das gute Geschirr, wäre doch schade drum. Immerhin kann man sich noch Personal leisten. Will es sich selbstständig machen, fängt es sich eine Ohrfeige ein. So geht Klassenbewusstsein.

Weil bundesrepublikanische Geschichte als Wirtschaftsgeschichte erzählt werden muss, macht Eduard Wolf einen Deal mit dem vormaligen NSDAP-Funktionär Walter Böcker (Hans-Jochen Wagner). Das Geschäft dreht sich, hochsymbolisch, um die Produktion der künftigen D-Mark und wird beim Cognacschwenken und Sprücheklopfen im Puff eingefädelt: "Gibt es schon ein Datum für die Währungsreform?" - "Mensch Walter, sei nicht so naiv, du bekommst nie einen Persilschein!

Nicht einfach nur "Draht", Stacheldraht für Bergen-Belsen

Währen Altnazis ihre Altnazisorgen wälzen, bändeln die Töchter mal hier, mal dort mit Männern an. Soll's für Ulla der Apothekersohn Jürgen (Ludwig Trepte) sein? Oder doch eher der halbstarke Marlon-Brando-Typ Tommy (David Schütter) mit dem Motorrad und den sozialistischen Ideen? Man schaut sich lange und gut ausgeleuchtet in die Augen, findet sich, verliert sich.

Als der SS-Mann doch noch heimkehrt, gerät der Segen in der Familie endgültig in Schieflage. Der Herr Fabrikant mag mit dessen - und seiner eigenen - Vergangenheit nichts zu tun haben, wird aber von ihr eingeholt. Es stellt sich heraus, dass er im Krieg nicht einfach nur "Draht", sondern Stacheldraht für Bergen-Belsen produziert hat. Illustriert durch dokumentarische Originalaufnahmen aus einem Vernichtungslager, deren nackte Härte vermutlich den Programmpunkt "Auseinandersetzung mit der Schuld" abhaken soll. Genau dies geschieht, es wird ein Häkchen hinter den Holocaust gesetzt.  

Prompt treibt Tochter Ulla einen jüdischen Apotheker auf, den Wolf einst vor der Deportation gerettet haben soll. Die erfolgreiche Entnazifizierung aber entbindet den Patriarchen nicht von der Schuld. Er nimmt sich das Leben, und der Pappkamerad von Jude darf dann bei der Beerdigung noch einmal grundsätzlich werden, bevor er wieder spurlos aus der Geschichte entsorgt wird: "Ihr Mörder müsst meinen Anblick ertragen!"

Ähnlich skizzenhaft wird auch der Programmpunkt "DDR" abgehandelt. Tommy lässt sich in Ostberlin auf eine Affäre mit einer rothaarigen Roten ein, die ihn - wie Kommunistinnen eben so sind - als Samenspender missbraucht. Als ihn auch noch die Stasi einvernimmt, wirft er seinen Karl Marx über Bord und kehrt ins Sauerland zurück, also zu seiner wahren Liebe (Ulla) und dem rheinischen Kapitalismus mit menschlichem Antlitz.

Bis zur bundesrepublikanischen Menschlichkeit sind aber noch einige Hürden zu nehmen. Denn Altnazi Böcker hat sich unterdessen nicht nur die inzwischen verwitwete älteste Tochter (die mit dem SS-Ehemann), sondern auch die Firma unter den Nagel gerissen. Und will nun Munition für die Wiederbewaffnung herstellen. Anders als Ulla und Gundel, die lieber Krankenhausbetten herstellen wollen.

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Unsere wunderbaren Jahre

Foto: Willi Weber/ WDR

So geht's dahin. Es wird intrigiert und geliebt, unablässig seufzen die Streicher und informieren darüber, was man als Zuschauer zu fühlen hat. Nicht gegeizt wurde auch bei Ausstattung und Schauplätze (gedreht wurde u.a. in Tschechien), das sogenannte Kolorit entspricht der Zeit - auch wenn es bisweilen arg luxuriös aufgeschminkt wirkt.

Bald stellt sich, wie in der BRD überhaupt, drehbuchgemäß ein Gefühl beklommener Gediegenheit ein. Oft aber sind es Details, die mit "Unsere wunderbaren Jahre" versöhnen. Wie der Industrielle beim Gratulieren nach militärischer Sitte noch die Hacken zusammenschlägt, Ulla (inzwischen unglücklich mit ihrem SPD-nahen Apothekersohn verheiratet) an ihrer Hausfrauenrolle in der Eigenheimseligkeit leidet.

Überhaupt gelingt es den Darstellern, dem Holzschnitthaften immer wieder Nuancen und Ambivalenzen abzuringen. Sehenswert, wie Hans-Jochen Wagner dem bösen Böcker in seinem Werben um die SS-Witwe so etwas wie Aufrichtigkeit unterjubelt. Wie Anna-Maria Mühe allmählich die faschistoide Härte aus der Figur der Margot verschwinden lässt. Wie Katja Riemann, klar, sich von der fatalistischen Patriarchengattin zur zupackenden Matriarchin wandelt.

So solide diese bundesdeutsche Selbsterzählung auch sein mag - sensationell ist sie nicht. Eine Buttercremetorte eben. Wenn man zur Sendezeit die Gardinen beiseite zieht und die Straßen wie leer gefegt wirken, hat das womöglich andere Gründe.

"Unsere wunderbaren Jahre", Teil 1 am Mittwoch, 18.3., Teil 2 am Samstag, 21.3., und Teil 3 am Mittwoch, 25.3., jeweils 20.15 Uhr, ARD

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