Zur Ausgabe
Artikel 61 / 83
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

THEATER / DÜRRENMATT Unter einer Decke

aus DER SPIEGEL 39/1968

Eine saubere Sippschaft sind diese Plantagenets. »Lagerhure«, »Edelnutte«, beschimpft die englische Königinmutter ihre Schwiegertochter. »Kupplerin«, »männertolle Oma«, keift Konstanze zurück. Derweil rüsten Johann Ohneland und Philipp, Könige von England und Frankreich, nach herzlicher Umarmung Ihre Heere zum Blutbad.

Denn siehe: Die Großen dieser Welt, machtgierige Zyniker allesamt, saufen, fressen, huren, foltern, morden, sengen, plündern, schachern, und der kleine Mann ist immer der Dumme. So lautet die Moral in Friedrich Dürrenmatts Bearbeitung von Skakespeares »König Johann«, die letzten Mittwoch im Baseler Stadttheater uraufgeführt wurde. Und sie lautet in Dürrenmatts klassischer Versform so: »Die Dummheit zog den Wagen des Geschicks / Und Zufall.« Mit Vernunft ist da nichts zu wollen -- ein Trauerspiel, weiß Gott.

Doch da der große Schweizer nun einmal Tragödien nicht schätzt, hat er das Königsdrama, das »patriotische Festspiel« und »Durchhaltestück« (Dürrenmatt) seines englischen Kollegen in eine Tragikomödie, in die »Komödie eines politischen Gewaltsystems« und eines »unfreiwilligen Revisionspolitikers« verwandelt.

Shakespeares fürstliche Heroen entpuppen sich bei Dürrenmatt als eine Bande wüster Gangster, die wirre Historie vom Familienzwist im Haus Plantagenet, von Dürrenmatt vereinfacht, umfunktioniert und in ihrer »politischen Dramaturgie durchschaubar gemacht« (Dürrenmatt), wird zu einer gruselig-grotesken Fabel von Schall und Wahn und Blut und Niedertracht. Daran kann auch der junge Sir Richard, Bastard des toten Königs Richard Löwenherz, nichts bessern -- »Vernunft im Raubtierkäfig« (Sir Richard) ist nicht möglich, im Raubtierkäfig wird massakriert.

Also lassen, da Johann (Regierungszeit 1199 bis 1216) seine Krone nicht hergeben will, die Könige Englands (rotes Kostüm) und Frankreichs (blaues Kostüm) vor hellen Schiebewänden im karg möblierten schwarzen Bühnenraum zum Gemetzel blasen und zählen ungerührt ihre Toten. Philipp: »An siebentausend? Pech. Wir stehen gleich. / So ungefähr. Beginnen wir von neuem?«

Sie schließen Bündnisse, besiegeln sie per Doppelhochzelt, rufen eilfertig nach dem Henker, schleifen Stadtmauern, üben Verrat.

Der päpstliche Legat Pandulpho. Kardinal von Mailand und eine Art Vorläufer Machiavellis, übt tüchtig mit. Schließlich will er nicht, wie Bastard Richard, die Welt verbessern, er will sie beherrschen und beherrscht sie -- durch Bannfluch und finstere Politik, der kein noch so verschlagener Johann gewachsen ist.

Resultat: Der König folgt dem kühlen Rat des guten Bastards. bietet dem Kardinal seine Krone an, erhält sie als päpstliches Lehen zurück und steigt zu Pandulpho ins Bett. So stecken Fürst und Kardinal endlich unter einer Decke, freilich nicht sehr lange: Zum Schluß wird Johann von seinen englischen Adligen vergiftet, denn seine Schuldigkeit hat er getan: Er hat einen Thronfolger gezeugt.

Ausgedient hat auch Richard, Vernunftsprediger« Narr und Optimist: Der Bastard, einst »landadeliges Pack"« kehrt aus der »Welt der Mächtigen« zurück in seinen »Bauernmist«. Doch Johanns Minister bleiben, bereit »zum Staatsgeschäft, / Dies Land durch unsere Zeit hindurch zu karren / Im alten Gleise, ungestört von Narren«.

Es ist das alte politische Lied. effektvoll intoniert vom listenreichen Autor »Franks V.«, der »Alten Dame«. der »Physiker«, der »Wiedertäufer« und des »Meteors«. Friedrich Dürrenmatt, 47, neuerdings dramaturgischer Beirat am Baseler Theater, pfeffert sein pessimistisches Geschichtsbild, das Basels neuer Intendant Werner Düggelin mit ihm in Szene setzte, mit deftigen Dürrenmattiaden.

Er präsentiert die Königinmutter als altes Waschweib und Johann als feixenden Ganoven mit Krone. Er zeigt König Philipp nebst Dauphin im Badezuber und den abgeschlagenen Kopf des Herzogs von Österreich in einer Suppenterrine, und wenn die Fürsten und Fürstinnnen vor der Schlacht zusammenkommen, so gleicht dies fast schon einem Familientreffen mit Kaffee und Kuchen.

So gut wie ungeschoren bei Dürrenmatt bleibt lediglich der jünglinghafte Bastard mit dem gesunden Menschenverstand, der Gegenspieler des Kardinals und eigentliche Held des Stücks -- jener Typ eines Außenseiters, den Dürrenmatt vor Jahren schon einmal in einer Komödie mit dem Titel »König und Eunuch« darstellen wollte; sie wurde bis heute nicht vollendet.

Noch unvollendet ist auch das allerneueste Werk, in dem Dürrenmatt »nach einer neuen Form gesucht«. In ihm sollen acht Schauspieler das »Porträt eines Planeten« liefern.

* Von links: Horst Christian Beckmann als König Johann, Lina Carstens als Königinmutter, Adolph Spalinger als König Philipp.

Zur Ausgabe
Artikel 61 / 83
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel