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Bestseller "Unterleuten" als ZDF-Dreiteiler Heimat und Heimtücke

Mit "Unterleuten" gelang Juli Zeh ein Bestseller, nun hat Regisseur Matti Geschonneck die Geschichte über die Unheimlichkeiten des deutschen Landlebens als wilden Dorfkrimi verfilmt.
aus DER SPIEGEL 11/2020
Die Dorfgemeinschaft zerstreitet sich in "Unterleuten" im Nu

Die Dorfgemeinschaft zerstreitet sich in "Unterleuten" im Nu

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Stefan Erhard/ dpa

Die Weizenfelder wogen gelb wie in einer Herzschmerzschnulze nach Rosamunde-Pilcher-Manier, die Pferderücken glänzen auf sattgrünen Weiden, aber schon die Behausungen der Menschen sehen oft geduckt, angegammelt und ein bisschen gruselig aus. Der dreiteilige Fernsehfilm "Unterleuten" spielt in einer idyllischen Gegend voller schwieriger Leute. In dreimal 90 Minuten darf der Zuschauer die Felder, Wiesen und Wälder, die meist renovierungsbedürftigen Häuser, vor allem aber die merkwürdigen Bewohnerinnen und Bewohner eines brandenburgischen Dorfes kennenlernen. Wer genau hinsieht, erkennt im Dorf Unterleuten bald eine Ansiedlung der Schmutzigen, Hässlichen und Gemeinen.

Der Regisseur Matti Geschonneck ist ein mit vielen Preisen ausgezeichneter Routinier des deutschen Fernsehfilms, der für das ZDF nun souverän einen Bestsellerroman der Schriftstellerin Juli Zeh aufbereitet hat. "Unterleuten" ist eine Typenkomödie, in der keiner wirklich zu den Guten gerechnet werden kann. Die oft wunderbar durchtrieben lächelnde Schauspielerin Dagmar Manzel gibt eine allein in ihrem Haus lebende Witwe, die außer ihren Katzen auch den Ehegatten ihrer Nachbarin streichelt. Diesen Kerl zwischen zwei Frauen verkörpert der bullige, immer diabolische Thomas Thieme als Dorftyrann, der wie zu DDR-Zeiten den größten Landwirtschaftsbetrieb am Ort leitet.

Rosalie Thomass spielt eine aus Berlin zugezogene junge Mutter mit Esoterikspleen und einem ökologievernarrten ehemaligen Soziologieprofessor (Ulrich Noethen) an ihrer Seite. Und Bjarne Mädel tritt als Dramatiker mit Schreibhemmung auf, den es gleichfalls aus der Großstadt ins Dorf verschlagen hat, wo er jeden Sommertag auf dem Sitzrasenmäher herumkurvt und über den Titel seines neuen Theaterstücks nachgrübelt, von dem leider noch keine Zeile existiert.

Brennende Gummireifen und Müllcontainer

Die Grundgeschichte der Romanvorlage wie des Films ist schlicht: Die bis dahin friedlichen Bewohner des Dorfes Unterleuten werden von einer Teufelsmacht in Versuchung geführt. Die Abgesandte eines Windkraftunternehmens (betont hochhackig und zähnefletschend dargestellt von Mina Tander) stellt ihnen bei einer Dorfversammlung nicht sagenhaften Reichtum, aber doch eine zuverlässige alljährliche Platzmiete von 150.000 Euro in Aussicht, wenn sie auf einem von zwei dafür besonders geeigneten Grundstücken zehn Windräder aufstellen darf. Die Dorfgemeinschaft aus alten und neuen, DDR-erfahrenen und weststämmigen, armen und wohlhabenden Unterleutnern zerstreitet sich im Nu. Im Film brennen Gummireifen und Müllcontainer. Unbekannte schmieren Hassparolen in Farbbuchstaben auf Garagentore. Im Dunkel der Nacht rotten sich Dörfler zusammen, die Mauersteine in Hausfenster schleudern. Und natürlich fließt irgendwann auch Blut. Heimat klingt in "Unterleuten" nach Heimtücke.

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Dreiteiler "Unterleuten"

Foto: Stefan Erhard/ ZDF

Juli Zehs Roman aus dem Jahr 2016, der kapitelweise die Perspektive wechselt, ist ein manchmal etwas überdeutlich konstruiertes Lehrstück über Einsamkeit und bedrohliche dörfliche Enge, Gefühlsnotstand und rustikales Wutbürgertum. Die Kunst des Regisseurs Geschonneck erweist sich in "Unterleuten" vor allem in der sorgsamen, bei allem Willen zur Komik stets geduldigen Erforschung der Charaktere.

"Es ist nicht so einfach mit dem einfachen Leben"

Zwar wird im Film viereinhalb Stunden lang ausschließlich von Menschen erzählt, die rücksichtslos und gierig stets ihren eigenen Vorteil suchen. Und doch darf jede der Figuren dieses deutschen Sittenbilds wenigstens ein paar kurze Momente einen Rest von Menschlichkeit und Trostbedürftigkeit offenbaren. Der eigentlich unerträglich rechthaberische Altkommunist, den der Schauspieler Hermann Beyer am Stock durchs Dorf tapern lässt, trauert einer unerfüllten Jugendliebe hinterher. Der Dorfschlägertyp, den Charly Hübner in die Ruine einer Autowerkstatt hineinmuffelt, ist ein romantischer Outsider und verwahrloster Vater, dessen Tochter sich vergebens um Nähe bemüht. Und selbst die gnadenlos ehrgeizige und sogar ihren Freund belügende Reitstallunternehmerin, die Miriam Stein spielt, ist nicht bloß eine Spekulantin, die sich tagaus, tagein bescheuerte Motivationstrainertipps anhört, sondern wenigstens ein paar Augenblicke lang auch eine tragisch um ihren Lebenstraum Betrogene.

"Es ist nicht so einfach mit dem einfachen Leben", darf Jörg Schüttauf in der Rolle des Dorfbürgermeisters einmal einen Gesprächspartner belehren, der glaubte, auf dem Land sei das Glück zu Hause. Die Spannung und das Vergnügen entstehen in Matti Geschonnecks Film aus dem genauen Blick auf die vielen Spielarten des Unglücks, die unter den Bewohnern von Unterleuten zu entdecken sind.

"Unterleuten" läuft am 9., 11. und 12. März jeweils um 20.15 Uhr im ZDF

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