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AUTOREN Unvergänglich wie der Tango

Er war der blinde Magier, der das Universum in einer Streichholzschachtel unterbringen konnte: Jorge Luis Borges, Weltliterat aus Argentinien, wird als Jahrhundertfigur gefeiert, obwohl ihm der Nobelpreis aus politischen Gründen versagt blieb. Seinen Ruhm verwaltet die Witwe und Gralshüterin María Kodama, genannt »La Japonesa«. Von Carlos Widmann
Von Carlos Widmann
aus DER SPIEGEL 7/1999

Genf, ein Winterrätsel. Keine Seele regt sich im Umkreis der Kathedrale und der festlich beflaggten Mairie, nicht ein Passant huscht durch die eisigen Gassen der Altstadt. Wie kommt es, daß die Lokale sich gleichwohl mit Zechern füllen?

»Hierfür gibt es nur eine logische Erklärung«, proklamiert die verfrorene Exotin im Pelzmantel: »Die Genfer lösen sich, sobald sie in die Kälte hinaustreten, in ihre kleinsten Bestandteile auf. Erst beim nächsten Wirtshaus finden ihre Partikel wieder zueinander.«

Jorge Luis Borges hätte diese These seiner soviel jüngeren Frau wohl mit einem Greisenkichern erwidert. Genf lag ihm nahe: Während des Ersten Weltkriegs besuchte der 1899 in Buenos Aires geborene Borges das hiesige Collège Calvin, und seit Juni 1986 kann er selber hier besucht werden, auf dem Edelfriedhof Plainpalais. Noch heute muß die Dichterwitwe María Kodama sich in Argentinien dafür rechtfertigen, daß der bedeutendste Sohn des Landes in fremder Erde ruht.

Ihr Gesicht wirkt alterslos und vage asiatisch, ihre Gestalt mädchenhaft, ihr Redefluß südamerikanisch. María Kodama ist die Tochter einer Uruguayerin deutscher Herkunft und eines Japaners, den es vor dem Krieg nach Buenos Aires verschlug.

Das Geburtsdatum von »La Japonesa« ist so umstritten wie ihre Rolle als Borges' späte Lebensgefährtin und Gattin der letzten Stunde. Verleger, die dem indischen Brauch der Witwenverbrennung nachtrauern, sehen in ihr eine ungute Verquickung aus Cosima Wagner und Yoko Ono.

»Wenn du der Seriosität von Verlagen traust, behandeln sie dich als Dorftrottel«, resümiert andererseits die Kodama ihre Erfahrungen. Nichts als »Betrug und Schlamperei« seien ihr begegnet, und sie zitiert (in der Tat groteske) Übersetzungsfehler, die das Werk des Verstorbenen verunstalten. Obwohl María den Genfer Glühwein asketisch verschmäht, geht das Temperament mit ihr durch: »Borges ist ein Klassiker wie die alten Griechen. Wenn ich bei Stichproben Fehler entdecke, landen Gesamtausgaben auf der Müllhalde!«

María war seine Augen, seine Hand, seine Schrift, und alle Bücher sprachen zu ihm mit ihrer Stimme. »Ich habe zwar nicht Deutsch, aber wenigstens die Aussprache des Deutschen gelernt«, um ihrem vielsprachigen Meister bestimmte Textstellen vermitteln zu können, erzählt die Kodama. Sie hat Jorge Luis Borges während seines letzten Lebensjahrzehnts, als ihn längst der Weltruhm umgab, auf 50 Auslandsreisen begleitet - immer wieder auch nach Genf, in die Stadt seiner Gymnasiastenzeit. Hier hat María Kodama den Moribunden im April 1986 auch geheiratet. Zwischen der Ziviltrauung und der Letzten Ölung vergingen keine acht Wochen.

Wie Prospero und Ariel in Shakespeares »Sturm« hätten die beiden in jenen Jahren gewirkt, sagen Freunde: der blinde alte Zauberer mit dem Spazierstock und das feenhaft schwebende Wesen an seiner Seite, das ihn stets bei der Hand führte. Aber warum immer wieder Genf?

Alberto Manguel, der englisch schreibende gebürtige Argentinier, hat den leidenschaftlichen Spaziergänger Borges oft durch Buenos Aires begleitet - und gemerkt, daß der alte Mann mit dem totalen Gedächtnis sich durch eine Gespensterwelt bewegte; nichts von dem, was in seinem Kopf ein halbes Jahrhundert überdauert hatte, existierte mehr in der Realität, alles war überwuchert mit Beton. »In der Genfer Altstadt aber hat sich nichts verändert, seitdem Borges vor 80 Jahren aufs Gymnasium ging«, sagt María. »Was ich vor Augen hatte, das sah er mit dem Gedächtnis. Die Übereinstimmung beglückte ihn.«

Doch die heitere Fee an Prosperos Seite hat sich seither in seine grimmige Gralshüterin verwandelt. Beraten vom beinharten New Yorker Literaturagenten Andrew Wylie, verwaltet die Kodama den Ruhm und die Rechte des bildungsschweren Argentiniers, dessen sperrige und hypnotische Prosa in 33 Sprachen übersetzt ist.

Besonders im Borges-Jahr 1999 hat »La Japonesa« in vielem ein Machtwort mitzureden. Sie führt eine Wanderausstellung von Buenos Aires bis Tokio, die auf drei Kontinenten die Borges-Liebhaber begeistern soll, sie veranlaßt Symposien, beglückt Kolloquien, hält Vorträge. Textausgrabungen, Neu-Übersetzungen, Werkrevisionen sind im Gange. Die Zahl der Borges-Biographien übertrifft das Dutzend. In Deutschland erscheinen ab März die »Gesammelten Werke« neu (und nun annähernd vollständig): stolze zwölf Bände.

Und all das für einen »writers' writer«? Nicht breite Leserschaft, sondern die Verehrung seiner großen Kollegen erschien bisher als das zuverlässigste Zeichen dafür, daß die Weltgeltung von Jorge Luis Borges auch im kommenden Jahrhundert anhalten werde. Unvergänglich wie der Tango, heißt es in Buenos Aires: Noch zu seinen Lebzeiten hat ihm Umberto Eco im historischen Thriller »Der Name der Rose« ein Denkmal errichtet - der blinde Bibliothekar mit dem unerbittlichen Gedächtnis heißt »Jorge de Burgos«.

Warum drei Viertel seines Lebens vergehen mußten, ehe über Borges (ganz ohne Nobelpreis) der Weltruhm hereinbrach, ist zu begreifen. Auch in Lateinamerika dulden Leute, die Geschriebenes lesen, meist nur den Roman. Mit Fug erwartete der Westen aus dieser Weltgegend vornehmlich Saft-und-Kraft-Exoten, die der totgesagten Form neues Leben einhauchen sollten. Autoren wie Jorge Amado, Miguel Angel Asturias, Mario Vargas Llosa, Gabriel García Márquez erfüllten diesen Auftrag.

Borges fehlte nicht nur der »große Atem« des Romanciers, er ließ auch das soziale Bekenntnis vermissen. Der Argentinier schrieb karg dosierte Erzählungen, die sich gern als Essays oder Buchbesprechungen tarnten. Sie hatten so reißerische Titel wie »Tlön, Uqbar, Orbis Tertius« oder »Emma Zunz«. Irritierend auch der Gebrauch von Fußnoten: In ihnen berief der Autor sich auf angebliche Standardwerke, die er offenbar selbst erfunden hatte. Was, überhaupt, war von einem Südamerikaner zu halten, der sich lieber mit Schopenhauer als mit dem Schicksal der Ausgebeuteten abgab?

Auch Freunde sahen in Borges lange den tüfteligen Kleinmeister und Privatgelehrten, den Geheimtip für Liebhaber des Ausgefallenen, Obskuren. In seiner produktivsten Zeit (1923 bis 1949) schätzte Borges die Zahl seiner Leser im Millionendorf Buenos Aires auf einige Dutzend. Da er unangestrengt englisch und französisch sprach, fanden intellektuelle Globetrotter aus Europa manchmal zu ihm. Pierre Drieu la Rochelle notierte 1933: »Borges ist die Reise wert«, und Italiens späterer Nobelpreisträger Eugenio Montale staunte, der Argentinier könne »das Universum in einer Streichholzschachtel unterbringen«.

Mehr oder weniger Unsterbliche von heute verehren Borges dagegen vor allem als Meisterstilisten: Hector Bianciotti, ein französisch schreibender Argentinier, der als Mitglied der Académie Française zu Frankreichs 40 »Immortels« gehört, hat sich wie alle begabten Lateinamerikaner seiner Generation dem Einfluß von Borges überhaupt nicht entziehen können. »In diesen abgelegenen Breiten, wo die Erde nicht müde wird, Entfernungen zu liefern« - so kennzeichnet Bianciotti die Pampas, aus denen er stammt: eine Formulierung, bei der ihm der ältere Borges die Hand geführt haben könnte.

»Ich habe ihn fast so tief verehrt wie mein eigenes Idol Paul Valéry«, erzählt Bianciotti - und fügt selbstironisch hinzu: »Und das, obwohl der alte Borges in langer Freundschaft nie zu erkennen gab, ob ich ihm jemals als Autor aufgefallen bin.«

Mit Schulterklopfen auf Gegenseitigkeit hatte die Anerkennung der Kollegen nichts zu tun. Bianciotti erinnert an einen Auftritt in Paris, als Borges auf die Nobelierung des Kolumbianers Gabriel García Márquez angesprochen wurde: »Früher gab es den Nobelpreis noch für ein Lebenswerk«, giftelte sanft der Argentinier, »jetzt wird er zur Talentförderung eingesetzt.« Bis hin zu Carlos Fuentes erkannten zwar alle in Borges den Meister an, der ihr Verhältnis zur Sprache verändert hatte. Daß die Vaterfigur ihre literarische Wertschätzung kaum erwidern konnte, schmerzte freilich. Dafür durfte »Georgie« politisch mit gutem Gewissen als Reaktionär geschmäht werden.

Seine Großmutter kam aus England, wie die meisten Bücher in der Bibliothek des Vaters. Manche argentinischen Vorfahren hatten sich im Unabhängigkeitskrieg, im Kampf gegen revoltierende Gauchos oder in der Abwehr der Indios ausgezeichnet; Borges beneidete diese Männer um ihre heftigen Erfahrungen. Wie der Schriftsteller und Präsident Domingo Faustino Sarmiento im 19. Jahrhundert sah er die Geschichte nicht nur Argentiniens als Wechselspiel zwischen »Zivilisation und Barbarei«. Ob die jeweiligen Caudillos nun Juan Manuel de Rosas, Stalin, Hitler oder Perón hießen - die Mobilisierung des Pöbels, egal zu welchem Zweck, war für Borges Barbarei.

Die Familie hatte kein Geld, aber der argentinische Peso war stark, und die Bezüge des Vaters, eines langsam erblindenden Frührentners, genügten, um die Jahre des Ersten Weltkriegs komfortabel in Europa zu verbringen. Daß aus Georgie ein Schriftsteller werden würde, galt von Anfang an als ausgemacht. Weder Studium noch Arbeit wurden von ihm erwartet, nur Lesen und Schreiben. Den Druck seines ersten Gedichtbands »Buenos Aires mit Inbrunst« (300 Exemplare, Herstellungspreis 300 Pesos) finanzierte liebevoll der Vater.

Alle anderen persönlichen Bedürfnisse mit Ausnahme der sexuellen wurden gute 70 Jahre lang von Georgies energischer und gutaussehender Mutter erfüllt. Sie überwachte seinen Haarschnitt, kaufte seine Anzüge, Hemden, Krawatten, und wenn er mit müden Augen spät nach Hause kam, stand Doña Leonor noch einmal auf, um ihm vorzulesen.

Vom eigenen Erblinden wurde Borges nicht überrascht: »In meinem Fall hat die langsame Dämmerung eingesetzt, als ich zu sehen begann. Das hat sich seit 1899 ohne dramatische Höhepunkte hingezogen.« Doch Borges wäre nie Borges geworden, hätte er in seiner ersten Lebenshälfte nicht über genug Augenlicht verfügt, um ganze Bibliotheken mit dem Gedächtnis aufzusaugen. Die phänomenale Belesenheit wurde seine Schatzkammer. Lebenslang hat Borges' Phantasie ihre Gestalten und Ideen und den Rohstoff für Spekulationen aus der eigenen Gelehrsamkeit bezogen - die den Vorzug hatte, ganz unakademisch zu sein, von wechselnden Neigungen und vom Zufall bestimmt.

Nach seiner Heimkehr aus Europa ersann der 23jährige einen bescheidenen Trick, um in literarischen Kreisen von Buenos Aires bekannt zu werden. Er bat einen Freund seines Vaters, den Herausgeber der Zeitschrift »Nosotros«, 50 Gratis-Exemplare seines ersten Gedichtbandes zu vertreiben; die sollten von der Sekretärin in die Manteltaschen von 50 Literaten oder Kritikern geschoben werden, die im Winter 1923 in der Redaktion auftauchen mochten. Wenige Monate später war der krankhaft scheue Poet eine Lokalgröße.

Eine solche war Borges freilich noch zwei Jahrzehnte (und zwölf Buchveröffentlichungen) später, mit 45, als er die frische, sportlich-emanzipierte Estela Canto, damals 28, kennenlernte. Die sah ihn so: »Borges war dicklich, eher groß und aufrecht, hatte ein bleiches, fleischiges Gesicht und auffallend kleine Füße; der Druck seiner Hand war schlaff, als wenn sie keine Knochen hätte, und schien die unvermeidliche Berührung nur widerwillig zu ertragen. In seiner Stimme lag ein ständiges Zittern, etwas Tastendes, um Erlaubnis Bittendes.«

Damals lebte Borges in einer winzigen Wohnung mit der Mutter und mußte erstmals einen Brotberuf ausüben. Täglich fuhr er mit der Trambahn in eine Bücherei im ärmlichen Viertel Boedo, wo er mit Dutzenden von Staatsparasiten als Hilfsbibliothekar beschäftigt war.

Für Borges stellten die Kollegen, die von Pferdewetten oder Fußball redeten, wenn sie nicht obszöne Witze rissen, die Hölle dar. Doch literarisch war seine obskure Existenz ein Glücksfall: Die meiste Zeit konnte er lesend und schreibend im Bibliothekskeller verbringen. In jenen trüben neun Jahren und kurz danach verfaßte Borges die meisten der Erzählungen, die nach weiteren 15 Jahren seinen Weltruhm begründeten, darunter das Meisterwerk »Das Aleph«, Estela Canto zugeeignet.

Die junge Estela zog aus den »abrupten, linkischen Küssen« des Dichters, aus seinen nicht weiterführenden Liebesschwüren, Briefen und Heiratsanträgen den Schluß, daß der Mittvierziger Borges in seinem Leben noch nie mit einer Frau geschlafen hatte. Der Psychiater Miguel Kohan-Miller bestätigte ihren Verdacht und verriet ihr, was Borges ihm gestanden hatte. Noch in Genf war der 18jährige vom Vater zu einer bestimmten Weibsperson beordert worden - ein Ermannungsausflug, der traurig scheiterte: Georgie konnte den Verdacht nicht überwinden, auch sein Vater habe von der gebotenen Gelegenheit schon Gebrauch gemacht.

»Borges und die Frauen« bleibt ein tragikomisches Kapitel: viele große Lieben, viel zu starke Hemmungen. Dafür hatte die Behandlung durch Kohan-Miller auf einem Nebenschauplatz ein unverhofftes Ergebnis - Borges konnte seine panische Scheu vor öffentlichen Auftritten überwinden und erlangte im September 1945 die Fähigkeit, Vorträge zu halten. Diese Chance eröffnete sich genau zum richtigen Zeitpunkt, denn jetzt kam Perón. Der Wahlsieg des populistischen Generals und Mussolini-Bewunderers hatte 1946 in der argentinischen Bürokratie ein Erdbeben zur Folge, und der Hilfsbibliothekar Jorge Luis Borges erfuhr entgeistert, daß er zum Geflügelinspektor befördert worden sei. Eine politisch motivierte Verhöhnung durch General Perón persönlich vermutend (der gewiß noch nie von ihm gehört hatte), quittierte der Dichter den Dienst.

Diesem glücklichen Umstand hatte das Land nun eine Ein-Mann-Volkshochschule mit Oxford-Niveau zu danken. Der leicht stotternde Vortragskünstler Borges mußte nur die Schatzkammer seines Gedächtnisses öffnen und die Juwelen ins Publikum werfen. Von »Martín Fierro«, dem Helden eines Gaucho-Epos, bis Martin Buber, von der »Edda« bis Edgar Allan Poe, von persischer Mystik bis Swedenborg, vom Minnesang bis Heinrich Heine, von den Wikingern bis Johannes R. Becher, von Blake bis Kafka - in Georgies Füllhorn lag alles parat.

Unvergeßlich ein Auftritt 1957 in einer trostlosen Vorstadt von Buenos Aires, vor einem halben Dutzend Honoratioren und einer Hundertschaft lärmender, sich balgender Schulkinder in weißen Staubmänteln. Ein teuflisches Mißverständnis muß Borges dorthin verschlagen haben, aber er ließ sich nichts anmerken: Die schwachen Augen in die Ferne gerichtet, mit eindringlich leiser Stimme und tastenden Handbewegungen referierte er eine Stunde über die Lyrik der Gauchos. Niemand konnte ein Wort verstehen, und Borges wußte das. Unbeirrbar ließ er dennoch sein Gedächtnis zu Ende sprechen.

Zu der Zeit sah er schon fast nichts mehr, und der Weltruhm schien unendlich fern. Sein offener Haß auf den Diktator Perón hatte ihm nach dessen Sturz eine verdiente Sinekure beschert: Borges war nun Direktor der Nationalbibliothek; »Gottes glänzender Ironie« hatte es gefallen, »mir gleichzeitig achthunderttausend Bücher und Dunkelheit zu schenken«. In Frankreich immerhin war ein Erzählungsband von ihm erschienen, und fast demütig bedankte Borges sich bei zwei deutschen Studenten, die einiges von ihm übertragen und in München veröffentlicht hatten.

Dann geschah 1961 ein Wunder. Sechs große Verleger aus Europa und den USA stifteten den Prix Formentor, statteten ihn mit 10 000 Dollar aus und vergaben ihn zu gleichen Teilen an Samuel Beckett und Jorge Luis Borges. Der Glücksfall für den Argentinier war die Koppelung mit Beckett, dem weltberühmten Autor von »Warten auf Godot«; hätte Borges allein den Preis erhalten, wäre er nach aller Wahrscheinlichkeit unbemerkt geblieben.

Der Rest seines Lebens ist ein Vierteljahrhundert der Ehrungen, der Reisen, der Ordensverleihungen, der Gastprofessuren, der Doktorhüte. Alle von ihm geschriebenen oder diktierten Zeilen, selbst journalistische Stenogramm-Biographien oder Filmkritiken, finden Platz in Borges-Bänden, werden in fremde Sprachen übersetzt. Die Sekundärliteratur tritt über die Ufer: Ein Werk, das aus Bibliotheken gewachsen ist, zeugt neue Bibliotheken.

Am 28. Mai 1937 berichtete Borges, wie fast jede Woche, in der Publikumszeitschrift »El Hogar« über ausländische Literatur. Er lieferte eine Kurzbiographie von E. M. Forster, eine Rezension der Anthologie »The Oxford Book of Modern Verse« - sowie die Besprechung einer Neuerscheinung aus Deutschland: »Trau keinem Jud bei seinem Eid« von Elvira Bauer.

»Von diesem didaktischen Werk sind bereits 51 000 Exemplare verkauft worden«, begann Borges. »Sein Ziel ist es, Schulbuben und -mädchen in die Pflichten und unerschöpflichen Wonnen des Antisemitismus einzuweihen. Wie ich höre, ist den Kritikern in Deutschland das Kritisieren verboten; nur noch die Beschreibung der Werke wird geduldet. Also werde ich mich auf die Beschreibung der Abbildungen beschränken, die dieser üppige Band enthält. Das Staunen (und den Applaus) überlasse ich dem Leser.« Es folgte eine Beschreibung der antisemitischen Hetzbildchen in ihrer vollen Widerlichkeit.

Antifaschist war Borges wohl schon vor der Erfindung des Begriffes. Obwohl politischer Aktivität nicht zugetan, gehörte der schüchterne Poet zu den weithin sichtbaren treibenden Kräften, die in Buenos Aires den »Ersten Kongreß gegen Nazismus und Antisemitismus« (August 1938) organisierten. Trotzdem blieb es ihm in späteren Jahren nicht erspart, von selbsternannten Antifaschisten beleidigt zu werden. Als ihm 1970 in Oxford die Doktorwürde verliehen wurde, attackierte ihn der »Guardian« als »Kollaborateur der Ultrareaktion«. Während eines Vortrags in der Columbia University in New York wurde er von einer Claque unter Führung des chilenischen Volksfront-Barden Nicanor Parra angepöbelt. Ein puertoricanischer Student nannte Borges bei der Gelegenheit einen »Hurensohn« - worauf der blinde Dichter ihn wutbebend zum Duell forderte.

Borges gefiel sich damals tatsächlich in politischer Unkorrektheit. Die wachsende Popularität Peróns in Argentinien und der Volksfront-Sieg in Chile bestärkten ihn in seiner Skepsis gegenüber der Demokratie. In US-Universitäten lehnte er es ab, vorschriftsmäßig den Vietnamkrieg zu verurteilen. Nach dem Sturz der Perón-Witwe Isabelita beglückwünschte Borges den Putschgeneral Videla. Und in Santiago de Chile bedankte er sich 1976 bei Augusto Pinochet für das Großkreuz zum Orden des Befreiers Bernardo O'Higgins.

Das hat ihn den belächelten und doch ersehnten Nobelpreis gekostet. Der Autor, der in der zweiten Jahrhunderthälfte wie kein anderer Welt-Literatur verkörperte, hatte in Stockholm keine Chance. Jorge Luis Borges hätte wohl auch etwas fremd gewirkt irgendwo zwischen Heinrich Böll und Dario Fo.

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