Sprachkritik »Corona-Diktatur« und »Rückführungspatenschaften« sind die Unwörter des Jahres 2020

Die Corona-Pandemie war auch bei den Vorschlägen zum »Unwort des Jahres« bestimmendes Thema. Aber auch zur Migration gab es Einsendungen. Zum Jubiläum hat die Jury ein Paar gekürt.

»Rückführungspatenschaften« und »Corona-Diktatur« sind die Unwörter des Jahres 2020. Das hat die Jury der sprachkritischen Aktion bekannt gegeben. Die Corona-Pandemie sei dominierendes Thema der 1826 bis zum 31. Dezember eingegangenen Einsendungen mit 625 unterschiedlichen Vorschlägen gewesen, sagte eine Sprecherin. Zuvor war bereits »Corona-Pandemie« von der Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) zum Wort des Jahres gewählt worden.

Mit der erstmaligen Wahl eines Unwort-Paares nehme die Jury aus Sprachwissenschaftlern und Publizisten Rücksicht darauf, dass dieses Thema in der Öffentlichkeit wie in den Unwort-Einsendungen dominierte, erklärte die Technische Universität Darmstadt im Namen des Gremiums . Die Jury wolle aber zugleich darauf aufmerksam, »dass auch in anderen Themenbereichen weiterhin inhumane und unangemessene Wörter geprägt und verwendet werden«.

So seien »Absonderung«, »Systemling«, »Wirrologen« und »Grippchen« ebenfalls zum Thema Corona-Pandemie eingegangen. Am häufigsten seien dazu aber »systemrelevant« (180) und »Querdenker« (116) vorgeschlagen worden. Im Zusammenhang mit Migration wiederum seien »Abschiebepatenschaft«, »Ankerkinder« oder »Migrationsabwehr« vorgeschlagen worden.

  • Der von sogenannten Querdenkern und rechtsextremen Propagandisten gebrauchte Begriff der »Corona-Diktatur« solle die Maßnahmen zur Eindämmung der Coronakrise diskreditieren, erklärte die Jury. »Zudem verharmlost der Ausdruck Diktaturen und verhöhnt die Menschen, die sich dort gegen die Diktatoren wenden und dafür Haft und Folter bis hin zum Tod in Kauf nehmen oder fliehen müssen.«

  • Das Wort »Rückführungspatenschaften« bezeichne einen von der EU-Kommission vorgeschlagenen Mechanismus der Migrationspolitik, bei dem EU-Mitgliedstaaten anderen die Verantwortung für Abschiebungen von abgelehnten Asylbewerbern abnähmen. Der Begriff sei »zynisch und beschönigend«.

Die sprachkritische Aktion »Unwort des Jahres« möchte mit ihrer alljährlichen Aktion auf unangemessenen Sprachgebrauch aufmerksam machen und so sensibilisieren. Dabei werden Wörter gerügt, die gegen die Prinzipien der Menschenwürde oder Demokratie verstoßen, die gesellschaftliche Gruppen diskriminieren oder die euphemistische, verschleiernde oder irreführende Formulierungen sind. Reine Schimpfwörter zählen nicht. Vorschläge müssen eines der Kriterien erfüllen. Die Jury richtet sich nicht nach der Menge der Vorschläge für ein einzelnes Wort.

Mit der Doppelwahl wolle die Jury verdeutlichen, dass die Unwort-Wahl »keineswegs als Zensurversuch zu verstehen ist, sondern als Anlass zur Diskussion über den öffentlichen Sprachgebrauch und seine Folgen für das gesellschaftliche Zusammenleben«.

Das »Unwort des Jahres« wird seit 1991 gekürt. Im vergangenen Jahr war es »Klimahysterie«. Zum 30. Jubiläum der Unwort-Kür verabschiedete sich nun die Jury um die Darmstädter Linguistin Nina Janich, die seit zehn Jahren im Amt war. Nach dem Unwort des Jahres 2021 wird eine verjüngte Jury suchen, als deren Sprecherin Constanze Spieß bestimmt wurde, Professorin für Pragmalinguistik am Institut für Germanistische Sprachwissenschaft der Philipps-Universität Marburg.

sak/dpa
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