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Unzucht mit Gottes Sohn

SPIEGEL-Redakteur Klaus Umbach über Gottfried von Einems Oper »Jesu Hochzeit«
Von Klaus Umbach
aus DER SPIEGEL 21/1980

Komm, laß dich berühren, ich will dich verführen«, reimt zu wohlgesetzter Kantilene ein baumlanger Jüngling namens Jesus. Daraufhin nimmt die »Tödin«, eine Art Sensenfrau, die Arme des Buhlenden, kreuzt sie vor ihren spitzen Brüsten und deckt das Handgemenge mit einem Schleier zu: »Laß uns die Hochzeit machen]«

»Treibt er sich schon wieder herum, dein Herr Sohn«, entfährt es alsbald beim Anblick des ruhenden Paares dem Bassisten Josef. »Das wär' keine Schwiegertochter für mich, lauter Knochen, keine Reize.« »Er ist halt noch jung«, tröstet sich Mutter Maria über die »schlimme Liebesgeschichte« hinweg, aber »er soll net in die Blumen liegen mit der Person«.

Nur wenig später künden Urlaute orffisch eines wichtigtuerisch klappernden Schlagwerks von neuem Frevel: In wollüstigem Geräkel versucht eine flotte Biene namens Magdalena, die schlanken Beine in paillettenverzierte Jeans gezwängt, den baritonalen Heiland anzumachen: »Ich will Unzucht treiben mit dir.« Aber in sanftem Belcanto wehrt der Verführte ab: »Wenn Licht ist unser Fleisch, wie kann es Unzucht geben?«

Ja, wie, in einer melodisch verzuckerten »Mysterien-Oper«, mit der Mutter Gottes und ihrem Zimmermann, mit dem Sohn und dem Engel des Herrn, mit Jüngern, Aposteln und Evangelisten, uraufgeführt, zum Teufel noch, im Wien des Stephansdomes und Seiner Eminenz des Kardinals König?

Lange bevor für vergangenen Sonntag die Premiere von »Jesu Hochzeit« im »Theater an der Wien« und zeitgleich auch im ZDF angesetzt worden war, hatte ein Glaubenskrieg die katholische Alpenrepublik erschüttert, schien doch der nationalheilige Tonsetzer Gottfried von Einem, für österreichische Ohren immer noch Neutöner, ein ketzerisches Libretto seiner Ehefrau Lotte Ingrisch veropert zu haben.

Nun läßt sich eher Heino als Protestsänger oder Herbert von Karajan im Bruderkuß mit Lennie Bernstein vorstellen als Lotte Ingrisch mit blasphemischer Lästerzunge.

Zwar hat die Wiener Dramatikerin mit dem lammfrommen Madonnengesicht und einer Stimme wie von Käthe Kruse gelegentlich schon dichterisches Rattengift unter »Vanillikipferln« und andere ihrer schwarzen Possen gemischt. Aber selbst nach ihrem jüngst erschienenen »Reiseführer ins Jenseits«, einem Baedeker der Sterbehilfe, konnte ihre perfide Gemütlichkeit doch kaum zu gotteslästerlichem Vorwitz entartet sein.

Nur »in großer Liebe zu Jesu«, verbreitete die Librettistin denn auch in einem hektographierten Glaubensbekenntnis, habe sie die zwei Akte gedichtet und dabei bloß »eine Vereinigung der Liebe mit dem Tod«, also durchaus kirchliches Gedankengut, im reinen Sinn gehabt. Dies »sexuell« als »Blasphemie« »mißzuverstehen«, sei »absurd«.

Denkste. »Wir sind ein Volk, das sich immer noch christlich nennt«, entrüsteten sich Leser der »Wiener Kirchenzeitung« über Frau Ingrischs »ungeheuerliches Machwerk«. »Wir dürfen nicht dulden, daß eine solche Schande noch festlich aufgeführt wird.«

In höchster Seelsorge legte letzte Woche eine »Liga für Sozialhilfe« 28 000 Protestunterschriften vor, der »Katastrophenschutz Österreichischer Frauen« verlangte die Absetzung des Werkes unisono mit 700 Religionslehrern.

So hatte Wien also wieder mal einen seiner geliebten Skandale und Gottfried von Einems Opus 52, seine sechste Oper, ebenso schrille wie unverdiente Reklame.

Ursprünglich wollte der Komponist, bislang auf die Vertonung literarischer Schwergewichte (Büchner, Kafka, Schiller) eingestimmt, »Jesu Hochzeit« in der Stiftskirche der Kärntener Sommerfrische Ossiach feiern lassen. Doch den Veranstaltern des »Carinthischen Sommers« und etlichen geistlichen Herren schien der scheinbar sinnenfroh-respektlose Text ungeeignet, die Premiere in einem Gotteshaus als Tempelschändung. Man schied in durchaus irdischem Gezänk.

Gleichwohl war der Schaffensdrang von Einems, der dem frommen Zauber seiner Frau Gemahlin restlos erlegen schien, nicht mehr zu bremsen. Und so erbarmten sich schließlich die »Wiener Festwochen«, ein jährlich stattfindendes philharmonisches Jubilate, des schnöde abgekanzelten Projekts.

Da trat aus heiterem Himmel Frau Waltraut Neubert, Sekretärin an der Wiener Pfarre St. Peter, auf den weltlichen Plan und erstattete »gegen unbekannte Täter« Strafanzeige wegen »Herabsetzung religiöser Lehren«.

Während die verdächtigte Librettistin noch rätselte, ob Frau Neubert vielleicht »von der Kirche vorgeschoben« sei, und der Staatsanwalt die »schwierige Abgrenzung zwischen Verspottung und Glaubensfreiheit« beklagte, inszenierten die Österreichische Gesellschaft für Literatur und der Pen-Club eine Operette nach Landessitte, deren Komik zum Himmel schrie.

Im Palais Palffy psalmodierte der Ex-Unterrichtsminister Piffl-Percevic über das »jungfräuliche Mutterleben« S.271 Marias, dieser »Humanissima«, die Frau Ingrisch »ästhetisch verunstaltet« habe. Der Benediktinerpater Beda fühlte »das gläubige Volk provoziert« und sich selbst schmachvoll an die »Marquise von O ...« erinnert. Dies, konterte der Psychologie-Professor Ringel, sei der Falschblick von »Porno-Jägern« und »Leuten mit einem Sexualschock": Christus sei schließlich »auch ein Mann« und als solcher »verführbar« gewesen.

Im Vergleich zu dem werbewirksamen Crescendo dieser theologischen Präludien verblaßte Ingrischs/von Einems erste Co-Produktion vor einem abstrusen Gemisch aus laienhafter Bibelstunde und nostalgischem Wunschkonzert. Zwar darf sich der klassisch besetzte Klangkörper ein paarmal mit harschen Akkorden und grellen Dissonanzen so aufplustern, wie es vor dreißig Jahren als avantgardistisch galt; aber durchweg hat von Einem den ohnehin anämischen Tonfall seiner »Kabale und Liebe« (1976) noch weiter ausgeblutet.

Wo Frau Ingrisch Gotteswort und Volksmund, Augustinus, Nestroy und Selbsterdachtes peinvoll zusammenreimt, läßt der Gatte seinem Born abgestandener Melodien freien Lauf. Zur Eingangsfrage »Gibt es Gott?« klimpert die Jeans-Magdalena schlichtes h-Moll auf ihrer elektrisch verstärkten Gitarre. Als Maria ihrem verdutzten Josef unterstellt, er habe ihr »im Schlaf, als ich's nicht wußte, das Diadem meiner Unschuld in den Blumen« genommen, dudelt ein Bläserquintett munter D-Dur.

Lazarus stirbt in f-Moll, Apostel und Jünger ziehen, trotz »brausendem Sturm«, in mannhaftem c-Moll nach S.272 Jerusalem ein. Und die Partie des Jesus, der sein Vierton-Motiv bis nach Golgatha mit sich herumschleppt, daß es ein Kreuz ist, hat von Einem besonders liebevoll auf dem Wiener Schmalztiegel gesalbt. So fest schritt schon vor über 80 Jahren Kienzls »Evangelimann« auf dem wackligen Boden banaler Harmonien fürbaß -- geradewegs nach Oberammergau.

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