Sibylle Berg

Urlaub trotz Krise? Verreist doch!

Sibylle Berg
Eine Kolumne von Sibylle Berg
Die Welt gerät aus den Fugen, und jetzt soll man nicht mal mehr per Ferienflieger in die Leichtigkeit des Urlaubs fliehen. Weil das angeblich unvernünftig ist. Dabei ist der Verzicht sehr ungleich verteilt.
Reisende am Check-in-Schalter im Flughafen Berlin-Tegel (Archivbild von 2012)

Reisende am Check-in-Schalter im Flughafen Berlin-Tegel (Archivbild von 2012)

Foto: Sebastian Kahnert/ picture alliance/dpa

Sommer. Meer. An nichts denken. Nichts tun, außer in der trägen Hitze zu einem Kiosk latschen, Pinien riechen und Sonnenöl. Kein Netz, keine Selfies, keine Aufregung, vor allem keine Aufregung.

Das ist der Traum, den viele gerade haben.

Man kann es Luxusproblem nennen oder einfach sagen: Dem Einzelnen wird vom Zustand der Erde gerade viel zugemutet.

Die Ferien, die vielen der Höhepunkt des Jahres waren, nach fremdbestimmter Arbeit und Angst um die Arbeit, nach einem Alltag, der nur aus Morgen und Abenden besteht, aus Wochenenden, die zu schnell zu Ende sind. Familien, die aus Menschen bestehen, und Kolleginnen, die alle etwas anderes wollen. Nach einer Müdigkeit, die Leben ist und der unbestimmten Trauer, das Vieles so flüchtig ist, auch der Urlaub, der oft nur von der Vorfreude lebt, kommt nun die Schwierigkeit des Urlaubbuchens. Die meisten Airlines haben ihre Preise verdreifacht wie auch Hotels, Pensionen wie auch Mietautos und Spritkosten. Und mach das mal mit zwei Kindern. Bezahl das mal. Wo soll man also nur hin?

Nach Albanien? Zu teuer, Italien, fast unbezahlbar. Also wieder zu Hause bleiben, auf dem eignen Balkon, falls man einen hat, mit dem billigen Zugticket an die Ostsee fahren, schwarz zelten und am Morgen zurück. Was tun mit den Kindern sechs Wochen lang und der Schwere der Zeit, die an einem klebt wie Teer.

Zu Hause bleiben, falls man noch eines hat, in dem man bleiben kann, falls man noch eines hat, das nicht Lockdown-Erinnerungen triggert. In Gelsenkirchen bleiben oder Unna oder an der Einbahnstraße. Und warum denken die Menschen, die gegen das Fliegen sind, immer an handlungsreisende Kader der unteren Klassen oder an Sextouristen?

Warum nicht an Leute, die die Mehrheit sind, die aus ihren Mistjobs eine kurze Haftentlassung wollen oder ihre Familien besuchen. Warum ist so wenig die Rede von den wirklichen Verursachern des ökologischen Desasters, dem Flugverkehr der Zulieferer in der globalisierten Produktionskette?

Täglich düsen auf der Suche nach den hungrigen Märkten und mehr Profit Tausende Transportflugzeuge durch die Luft, um Schrauben aus China und Dichtungen aus Rumänien zu transportieren. Überraschenderweise fliegen die Massen selten am Wochenende nach London zur Thronfeier oder nach Nizza zum Yachthopping. Sie fliegen in den Urlaub. Vielleicht all-inclusive. Irgendwohin, wohin sie jetzt also nicht mehr fliegen können, dann halt Schwarzwald.

Dann eben hoffen, dass alles irgendwann wieder so wird wie es war. Vielleicht einmal war. Und sich zugleich schlecht fühlen wegen dem, was man Jammern auf hohem Niveau nennt. Denn was ist schon ein ausgefallener Urlaub in Anbetracht von Krieg und Elend, was bedeutet ein verschwundener Höhepunkt mehr in einem Leben, in dem alles verschwindet, was es einmal erträglich machte. Der öde aber sichere Job, die bezahlbare Wohnung, das Grillen im Garten des Mehrfamilienhauses. Und nun wollen viele einfach weg. Es ist nicht, wie ein Autor der »Süddeutschen« raunt: Leichtsinn und Unvernunft .

Sondern eventuell Verzweiflung und Aufgabe.

Es scheint, als sollten Teile der Bevölkerung einfach aufgeben.

Die Mieten werden noch teurer , die Entscheidungen der PolitikerInnen noch absurder (grüne Atomkraft?).

Manche schon immer im Homeoffice Arbeitenden haben vergessen, was die letzten bald 3 Jahre für viele Menschen bedeutet haben. Für Menschen mit Kindern, für in Armut Lebende, für – wie heißt es so eklig deutsch: Geringverdiener, die gering verdienen, damit es der verdammten Wirtschaft gut geht. Vielleicht agieren viele Menschen jetzt genauso unvernünftig, wie es die Politik seit Jahrzehnten tut, mit der Rettung und Pamperung der Unternehmen, der Steuerschlupflöcher für Milliardäre. Warum also soll der bald verarmende Mittelstand sich zusammenreißen, vernünftig sein, verzichten? Verzichtet Minister Lindner? Verzichten die Erben der deutschen Naziindustrieellen? Die CEOs, die Tönnies’ der Welt?

Vielleicht wird es morgen noch schlimmer, mögen sie sich denken, die Menschen am Flughafen, am Ballermann.

Es ist alles egal.

Macht doch.

Eine kleine Pause vom Gefühl des Ausgeliefertseins, gegen das Einzelne kaum vorgehen können, wann auch, wie auch. Bald ist der Sommer vorbei. Und jene, die sich den Höhepunkt des Jahres nicht leisten können, fühlen sie sich nicht schlecht, wenn sie wütend sind oder traurig. Wenn sie schimpfen wollen oder sich beschweren. Es wird sie keiner hören, denn alle sind gerade mit sich beschäftigt. Jeder ist sich selber die Welt, hat immer Recht, ist der oder die Einzige mit seinen Bedürfnissen, Ängsten, Leiden, mit seiner oder ihrer unendlichen Traurigkeit ob der Ohnmacht, die unser aller Leben bedeutet.

Das Einzige, was man tun kann, ist – andere Menschen nicht bewerten, nicht anbrüllen, nicht pöbeln und sich freuen, dass man nicht alleine ist mit seinem Elend.

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