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»Urplötzlich ins Gehirn«

Verendende Ziegen, notgeschlachtete Schafe: der BSE-Erreger ist auf deutsche Viehbestände übergesprungen. Virologen schließen eine Übertragung auf den Menschen nicht aus. Verbraucherverbände fordern Einfuhrstopp für britisches Fleisch - die bisherigen EG-Regelungen, meinen viele Experten, sind »purer Nonsens«.
aus DER SPIEGEL 32/1990

Bereits drei seiner Zwergziegen waren unter veitstanzartigen Zuckungen zugrunde gegangen, als der Hobbyzüchter aus dem Weserbergland endlich Alarm schlug. Im Eiltempo wurde die restliche Herde auf einen Transporter verladen und ins Veterinärsuntersuchungsamt Detmold gebracht. Das war Ende Mai.

Zwei der Ziegen, erinnert sich Tierpathologe Wolfgang Thiel, »waren stark abgemagert, sie schwankten und taumelten«. Eine Gehirnuntersuchung erbrachte dann den Grund für den bizarren Todeskampf. Die Nervenzellen der Ziegen waren zusammengeschrumpelt, ihre Gehirne von winzigen Löchern durchzogen - Symptome wie bei der britischen Rinderseuche BSE*.

Auch im Süden der Republik, in Villingen-Schwenningen, schlugen die mysteriösen Viren zu. Dort war vorletzte Woche ein aus Großbritannien stammendes Schaf an Scrapie (Traberkrankheit) verendet. Das Stuttgarter Landwirtschaftsministerium ließ die gesamte Herde (1126 Tiere) töten. Die Kadaver, _(* BSE: Bovine (das Rind betreffende) ) _(spongiforme (schwammartige) ) _(Enzephalopathie (nichtentzündliche ) _(Schädigung des Gehirns). ) bereits zu Tiermehl aufbereitet, werden als Sondermüll verbrannt.

Die Erreger der Traberkrankheit beim Schaf, der BSE-Seuche bei Rindern und des sogenannten Creutzfeld-Jakob-Syndroms, einer Gehirnerkrankung beim Menschen, bilden nach Meinung von Experten eine nahverwandte Gruppe. Nach bisherigen Erkenntnissen sind es sogenannte Virinos, denen gemeinsam ist, daß sie sich auf den Nervenbahnen fortbewegen und schließlich eine oft tödliche Zerstörung des Gehirns hervorrufen. Die Virinos tarnen sich mit körpereigenem Eiweiß - bisher hat noch kein Forscher sie isolieren können.

Nach Bekanntwerden der Tierseuchenfälle in der Bundesrepublik ist die Stimmung in deutschen Veterinärämtern gereizt. Kunden in Schlachterläden fragen besorgt nach der Herkunft der angebotenen Fleisch- und Wurstwaren. Verbraucherverbände forderten Einfuhrstopp für britisches Fleisch.

Jahrelang haben dem Seuchenvirus BSE, das in Großbritanniens Viehbestände immer größere Lücken reißt, alle Tore zum europäischen Festland offengestanden. Britisches Beef, Sülze und Blutwurst landeten in deutschen Häfen an. Blut-Seren und Impfpräparate wurden importiert, zudem verdächtiges Tiermehl und Tausende von Zuchtbullen.

Ganze sieben Tage hielt der Importstopp, den Deutsche, Franzosen und Italiener im Juni gegen das Empire verhängt hatten. Dann pochte die Thatcher-Regierung aufs EG-Recht und zwang die Handelspartner zum Einlenken. Seitdem kommt wieder britisches Beef ins Land. Erlaubt ist die Einfuhr *___von Kälbern bis zum Alter von sechs Monaten; *___von Rindfleisch aus verseuchten Viehbeständen, sofern ____es von Knochen, Lymphgewebe und Nervensträngen ____gesäubert ist; *___völlig frei ist die Einfuhr von Muskelfleisch aus ____Rinderherden, in denen seit zwei Jahren kein BSE-Fall ____diagnostiziert wurde.

Viele Experten halten die EG-Vorschrift für puren Nonsens. Das Entfernen verdächtigen Gewebes ist so gut wie unmöglich. Auch die zuständigen Beamten in Bonn sind unzufrieden mit der Verordnung. Ein Berater von Landwirtschaftsminister Kiechle: »Selbst schieres Fleisch wird von unzähligen Nervensträngen durchzogen. Wer soll die denn rauspopeln?«

Zusätzlich erschwert werden die Kontrollen, weil die englischen Lieferanten verstärkt tiefgekühlte Fleischklötze anliefern, die sich jeder Analyse entziehen. Allein von Januar bis Mai lag der Import von gefrorenem Rindfleisch aus Großbritannien bei 430 Tonnen, eine explosionsartige Steigerung im Vergleich zum Gesamtjahr 1989 (145 Tonnen).

Für die Neuropathologin Helen Grant aus London müssen strenge hygienische Vorschriften in jedem Schlachthaus unweigerlich versagen: »Wenn das Gehirn mit der Bandsäge zerschnitten wird, spritzt es nach allen Seiten.« Dieser »feine infektiöse Film«, so Kritikerin Grant, könne sich wie Mehltau auf anderen Fleischteilen ablagern.

Im Rinderbestand von Irland und dem Scheichtum Oman hat der »Rinderwahnsinn« ("mad cow disease") bereits Fuß gefaßt. 1989 verendeten 19 irische Kühe unter veitstanzartigen Zuckungen, in diesem Jahr waren es bisher 4.

In Großbritannien tobt die Seuche derweil unvermindert weiter. Über 16 000 Rinder, vornehmlich Milchkühe, sind seit 1985 an dem Gehirnzerstörer verendet, pro Monat kommen gut 1000 hinzu. Während Agrarminister John Gummer bizarren Optimismus verbreitet ("Meine Frau ißt Rindfleisch, auch meine Tochter"), ist den englischen Verbrauchern längst der Appetit vergangen. In Kühlhäusern stapeln sich Beef und Buletten, Schulkantinen boykottieren heimischen Hackepeter. Die Klopshersteller von McDonald''s bieten Alternativkost und Gemüseburger an.

Bisher kannte man die Traberkrankheit nur bei Schafen, Ziegen und Wapitihirschen. In britischen Schafherden ist Scrapie seit Jahrhunderten verbreitet. Das beim Menschen analoge Leiden, die Creutzfeldt-Jakob-Krankheit, wurde 1921 erstmals beschrieben. Nie aber waren die mysteriösen Erreger von einer auf die andere Art übergesprungen.

Seit dem Ausbruch des Rinderwahnsinns hat sich das Bild geändert. Drei Katzen starben mittlerweile an dem Nervenfieber, auch Zoo-Antilopen verendeten an der Hirnschrumpfung, 1985 erlagen _(* Am Freitag vorletzter Woche in ) _(Villingen-Schwenningen. ) Tausende von Zuchtnerzen in den USA einem BSE-ähnlichen Erreger.

Bei den Forschern verstärkt sich nun der Verdacht, daß es sich um nahverwandte Todeskeime handelt. Zu ähnlich sind die Symptome; jedesmal braucht der Erreger enorm lange Zeit, ehe er zum Ausbruch kommt. Auch Hühner und Schweine könnten von der Seuche betroffen sein: Medizinprofessor Ivor Mills aus Cambridge vermutet, daß bei diesen Tierarten das Latenzstadium länger ist als die Lebenserwartung. Würde sich die These bestätigen, so Mills, wäre der Mikrozerstörer »über das ganze Land verstreut«.

Für eine experimentelle Ansteckung (direkte Injektion von BSE-Gewebe ins Gehirn) zeigten sich viele Labortiere empfänglich. Mäuse, Ratten und Hamster wurden mit BSE und Scrapie-Viren angesteckt. Auf Schimpansen und Katzen ließ sich auch der Creutzfeldt-Jakob-Erreger übertragen.

Entmutigt sind die Forscher durch die Tücke des Erregers. Über Jahre vermehrt sich der Keim, ein sogenanntes Slow-Virus, in Milz, Blut und den Lymphknoten. Hat er die richtige Kampfstärke erreicht, dringt er »urplötzlich ins Gehirn vor«, wie Heino Diringer vom Bundesgesundheitsamt (BGA) formuliert. Streichholzartige Verdickungen, »Fibrillen«, bilden sich, die Nervenzellen verklumpen, schrumpfen zusammen und sterben ab.

Den Grund für die plötzliche Entfesselung der Seuche kennen die Forscher jetzt. Seit Ende der siebziger Jahre waren Scrapie-verseuchte Schafskadaver zu Kraftfutter aufbereitet worden. Schon vor elf Jahren hatte der Zoologe Richard Southwood vor einem »Risiko pathogener Übertragung« durch »unnatürliche Fütterung« gewarnt. Dennoch wurden die erkrankten Tiere tonnenweise zu braunen Klumpen zermahlen und als Proteinbomben britischen Turbokühen ins Futter gemischt.

Wegen zu niedriger Betriebstemperaturen in den englischen Fleischmehlfabriken, so die Annahme, sei der Erreger nicht totgekocht worden. Doch auch die 42 bundesdeutschen Tierkörperverwertungsanstalten hätten womöglich Probleme, den Schädling auszuschalten. Kadaver ab vier Kilo Gewicht, von der überfahrenen Katze bis zum altersschwachen Pferd, werden in den Betrieben enthäutet, durch gewaltige Reißwölfe gejagt und zu Schuhcreme, Kosmetikartikeln oder Fleischmehl verarbeitet.

20 Minuten lang, so die bundesdeutsche Vorschrift, muß das Kraftfutter bei 133 Grad Celsius und drei bar Druck durchgerührt werden. Ob das ausreicht, den tückischen Keim zu töten, ist nicht völlig gesichert. Eine Virologen-Gruppe in den USA will bewiesen haben, daß der Erreger 360 Grad Hitze über einen Zeitraum von 24 Stunden überstehen kann. Sie hält das Rätselvirus für ein »anorganisches Kristall«.

Um die Berge verendeter Kühe aus der Nahrungskette auszusperren, arbeiten die Briten mit archaischen Entsorgungstechniken. Eine Einäscherungsanlage in Cambridge beispielsweise verbrennt täglich 60 bis 80 BSE-Rinder in großen Öfen. Weil die Kapazität nicht reicht, wurden militärische Verbrennungskommandos rekrutiert, die das Seuchenvieh an streng geheimen Orten unter freiem Himmel in öligschwarzen Rauch auflösen. Auch das Ausheben von Massengräbern ist in England erlaubt, aber das ist ein gefährliches Verfahren, weil Wildtiere die Fleischgräber freibuddeln und sich so den gefährlichen Erreger einverleiben können.

Im Eilverfahren haben die britischen Gesundheitsämter große Experimentierprogramme aufgelegt und zwölf Millionen Pfund in die Forschung gepumpt. Die bisherigen Ergebnisse sind niederschmetternd; es scheint, als würden die Wissenschaftler gegen ein Phantom ankämpfen: *___Der Erreger läßt sich weder immunologisch noch ____gentechnisch identifizieren. *___Unklar ist, ob der Rätselkeim überhaupt ein Virus ist. ____Einige Forscher halten den Erreger für einen Rumpf-Keim ____ohne Zellwand (Viroid). Der Amerikaner Stanley B. ____Prusiner glaubt dagegen an ein »infektiöses Protein« ____ohne eigene Erbmasse und nennt das medizinische Unikum ____Prion. *___Ungewiß ist, ob BSE sich nur durch verseuchtes Futter ____übertragen läßt, der Scrapie-Keim zumindest wandert ____auch direkt vom Schaf aufs Lamm. *___Niemand kann ausschließen, daß BSE-verdächtiges Fleisch ____auch für Menschen gefährlich ist.

»Welche Maßnahmen könnten wir bei unserem heutigen Wissensstand ergreifen, sollte in Zukunft ein unkonventionelles Virus eine Verbreitung innerhalb der Menschheit erfahren?« so fragt BGA-Mitarbeiter Diringer. Seine lapidare Antwort lautet: »Gar nichts.«

»Strengstmögliche Maßregeln«, wie der Münchner Tierpathologe Erwin Georg Dahme sie fordert, sind jedoch nicht in Sicht. Im Gegenteil: Als das britische Tiermehl in Verruf kam, purzelten die Preise; daraufhin wurde mehr exportiert als bisher. Allein im Jahr 1988 passierten 594 Tonnen BSE-verdächtiges Griebenfett die bundesdeutschen Zollschranken, das war eine rapide Steigerung zum Vorjahr (20 Tonnen). Bis Mai 1989 folgten weitere 519 Tonnen der gefährlichen Grieben, die an Schweine und Hühner verfüttert wurden. Erst dann verbot die Bundesregierung die Einfuhr.

Auch der Fleischhandel mit Großbritannien läuft schwunghaft. Im letzten Jahr passierten 1685 Tonnen frisches Rindfleisch, samt Gehirn und Lymphgefäßen, im Wert von gut zehn Millionen Mark die Grenze. Im selben Zeitraum kauften deutsche Bauern 1719 Zuchtbullen aus Großbritannien.

Mit Skepsis betrachten die Seuchenexperten auch Frischzellenpräparate, die aus Stierhoden oder Lämmern hergestellt und Patienten in den Hintern gespritzt werden. »Die Jungbrunnen machen uns echt Sorge«, erklärt ein Serologe. Vor allem das Hirngewebe hat nach Berechnungen des BSE-Experten Diringer eine »enorme Potenz der Übertragung": »Mit einem Gramm Scrapie-infiziertem Hamsterhirn kann eine weitere Milliarde Hamster getötet werden.«

Für Diringers BGA-Kollegen Wolfgang Mields lauert das »größte potentielle Risiko für den Menschen« in den Krankenhäusern. Durch Blutwäschen, Hirnoperationen oder Injektionen könnte Virus-Material übertragen werden.

In den siebziger Jahren waren an Zwergwuchs leidende US-Jugendliche mit einem Hormonpräparat behandelt worden. Die Arznei, hergestellt aus den Hypophysen menschlicher Leichen, wurde den Patienten direkt in die Blutbahn gespritzt. Jahre später starben elf der Behandelten an Creutzfeldt-Jakob. Der Grund: Eine der zerstampften Hypophysen stammte von einem Toten, der an dem Leiden verstorben war.

Auch im Zuge von Hirnoperationen ist die Krankheit schon verbreitet worden. Insgesamt drei Fälle sind in der Fachwelt bekannt. Jedesmal waren die chirurgischen Instrumente und Elektroden, mit denen im Schädel von Creutzfeldt-Jakob-Patienten hantiert wurde, anschließend mit Formalindämpfen und 70prozentigem Alkohol desinfiziert worden.

Der Erreger überlebte die Tortur und wurde auf nachfolgende Operierte übertragen. o

* BSE: Bovine (das Rind betreffende) spongiforme (schwammartige)Enzephalopathie (nichtentzündliche Schädigung des Gehirns).* Am Freitag vorletzter Woche in Villingen-Schwenningen.

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