Die US-Wahl im TV Die Empirie als Strategie

Politpromis, Experten – und die Erkenntnis, dass ein nüchterner Blick auf Einzelergebnisse das Beste ist gegen Trumps Geschichte vom großen Betrug: so lief der Wahltag im Fernsehen.
CNN-Wahlberichterstattung: Hoch interessantes Finale

CNN-Wahlberichterstattung: Hoch interessantes Finale

Früh an den Start geht die "Bild"-Zeitung mit ihrem nachgebauten Oval Office und, mangels Neuigkeiten, viel Freizeit, die im Stil des Hauses gefüllt werden. Zu Wort kommen B-Promis, es wird über die "schönsten Frisuren" des Präsidenten und das Alter des Herausforderers debattiert. Ein bedenklich motivierter Alexander Graf von Schönburg-Glauchau hält mit seinem Urteil über die Vizepräsidentschaftskandidatin Kamala Harris nicht hinter dem Berg. Das sei "die ehrgeizigste Bitch".

Das ist nun ein Ton, wie man ihn eher bei konservativen Radiomoderatoren in den USA erwartet. Dort hielten sich sowohl Fox als auch CNN mit Meinungen auffällig zurück. Wobei der liberale Sender aus Atlanta vor allem die Nerds beliefert. Da geht es detaillistisch um einzelne Bundesstaaten, darin die Bezirke und dort wiederum die Kandidaten - nicht ohne "erste Ergebnisse" sogleich von Experten einordnen zu lassen. Klassisches Fernsehen mit Wahlbeobachtungen wie unter dem Mikroskop, was in der frühen Phase einigermaßen erbsenzählerisch wirkte.

NBC unterbricht Trumps Rede

Fox wiederum läuft im Weißen Haus, wo Donald Trump am Morgen seine Rede halten sollte - aus der MSNBC kurzerhand aussteigt. Als der Präsident seine bereits eingefahrenen oder hochgerechneten Siege auszählt, unterbricht Anchor Brian Williams: "Wir grätschen hier ungern rein, aber redlicherweise müssen wir darauf hinweisen, dass es nicht auf Fakten beruht, wenn er sagt, er habe die Wahl schon gewonnen".

Ähnlich verfährt ABC ein wenig später, als Mike Pence bei der gleichen Pressekonferenz von einer Führung seines Präsidenten spricht. Dies sei, "as a matter of fact", einfach nicht korrekt. Dieses "Fact Checking" in Echtzeit ist ein erfreuliches Novum und zeigt die gewissenhafte Entschlossenheit, mit der hier Expertinnen der "failing media" (Trump) ihren Job machen. Wobei MSNBC in seinem Eifer Trumps Ankündigung verpasste, den Supreme Court anzurufen und die Wahl beenden zu wollen.

In Deutschland marschieren ab drei Uhr RTL und ntv gemeinsam durch die Nacht, aufgelockert um boulevardeske und alarmistische Elemente. Nebenan bei Phoenix geben sich mausgraue Analysten gegenseitig die Klinke in die Hand. Im ZDF fürchtet Bettina Schausten - Florida ging gerade an Trump - dass sich "2016" wiederholen könnte. Überhaupt verwundert die Verwunderung darüber, dass wieder einmal alle Umfragen daneben lagen.

Vielleicht dient das ausgestellte Staunen darüber auch nur der Herstellung einer Spannung, die sich nur schwer herstellen lässt - schon gar nicht mit Schalten vor Ort, wo eben auch wenig passiert. Ratlosigkeit auf höchstem Niveau.

In Texas gerät eine demokratische Wahlparty eher verhalten, in Washington wollen sich Ausschreitungen einfach nicht einstellen. In Arizona, das an Biden geht, wundert sich ein Republikaner. Am Times Square gerät die Reporterin an einen Spaßvogel und lässt ihn stehen. In Atlanta gab es einen Wasserrohrbruch, dort verzögert sich deshalb die Auszählung. Auf einem Parkplatz in Wisconsin ist der neueste Tweet von Trump noch nicht angekommen: "Halten sie durch! Ich hoffe, es ist Kaffee in der Nähe!".

Gysi und Meuthen in hygienischem Abstand

Für "das politische Berlin" schiebt Cem Özdemir die Nachtschicht, bezweifelt beim ZDF die Fairness des US-Wahlsystems und im Oval Office von "Bild" die Seriosität des boulevardesken Ansatzes - obwohl sich hier immer wieder ein Julian Reichelt mit ebenso präzisen wie richtigen Einschätzungen aus dem Newsroom zuschaltet.

Erst am frühen Morgen erwachen noch andere Politiker. Bei Tina Hassel stehen Jörg Meuthen und Gregor Gysi in mehr als nur hygienischem Abstand zueinander Rede und Antwort. Er kenne "die Hintergründe dessen nicht", schraubt Meuthen über Trumps "So, jetzt ist mal gut mit dem Wählen"-Rede. Beim ZDF findet Alice Weidel "das mediale Bild von Trump völlig überzeichnet".

Und während sich die Öffentlich-Rechtlichen langsam in die Gemütlichkeit des üblichen Programms verabschieden, wird es auf CNN tatsächlich spannend. Also genau dort, wo Balkendiagramme und Statistiken regieren. Den Dreh von Trump, das Auszählen von Briefwahlstimmen als Wahlbetrug zu bezeichnen, nennt der Moderator nimmermüde "simply not true".

Als klar wird, dass es am Ende auf die Ergebnisse in einigen wenigen Staaten ankommen wird, stellt CNN auf genau diese Staaten scharf. Das nerdige Mikroskop liefert plötzlich Bilder, die einen Sinn ergeben - weil dort wirklich jede einzelne Erbse zählt. Was in der Nacht noch irritierte, wird beim Finale tatsächlich hoch interessant.

Wenn der Boulevard auf den Leitartikler trifft

Wenn es eine Erzählstrategie gab, die sich bei diesen Wahlen durchgesetzt hat, dann die der nüchternen Empirie. Wobei es keine Rolle spielt, ob die von einem Sender, einer Zeitung die der "New York Times" oder einer Website geliefert wird. Jeder, wie er kann. Völlig versagt haben nur "soziale Medien" und andere Dienste, die sonst so zuverlässig den Takt vorgeben. Von Facebook über Twitter bis zu Reddit herrscht allenthalben nichts als babylonische Verwirrung. Die Stunde der Entscheidung ist nicht ihre Stärke.

Im Wettbewerb der journalistischen Systeme kam es auch zu einem der putzigsten Momente mindestens der vergangenen 24 Stunden, als Claus Strunz aus dem Oval Office der "Bild"-Zeitung eine Schalte zu Josef Joffe von der "Zeit" organisierte. Hier suchte also ein Boulevardblatt, das sich als TV-Sender etablieren möchte, das Gespräch mit dem Herausgeber einer Wochenzeitung. Der sitzt, wie zu erwarten war, in seinem Arbeitszimmer am Rechner.  

"Hallo, Herr Joffe!", freut sich Strunz: "Ich sehe, sie haben sich in ihre Bibliothek zurückgezogen und uns schon ein bißchen gelauscht. Die Frage, die uns zuletzt …"

"Nee", unterbricht Joffe abwesend und späht angestrengt weiter auf den Bildschirm: "Ich arbeite ja an meinem Leitartikel".

Dabei bleibt es. Mehrere Versuche, dem Transatlantiker eine Expertise oder auch nur Reaktion zu entlocken, laufen lustig ins Leere. Der Mann sitzt da und schreibt konzentriert an seinem Leitartikel.

Und den würde man dann doch gerne lesen.

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