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Kultur »Utopien sind nicht genug«

Philipp Oswalt, künftiger Bauhaus-Chef, über das Vermächtnis der Moderne und die Zukunft der Stiftung
Von Ulrike Knöfel und Joachim Kronsbein
aus DER SPIEGEL 8/2009

SPIEGEL: Herr Oswalt, bald regieren Sie über das legendäre Bauhaus. Sie sind ein ähnlicher Querkopf wie 1919 der Gründervater Gropius. Haben Sie deshalb den Job bekommen?

Oswalt: Streit gehört zum Bauhaus. Diese Institution mit ihren kampfeslustigen Lehrern und Schülern war für mich immer eine wichtige Orientierungsmarke. Es ging um neue Inhalte, um eine gute Ausbildung, nicht um Anpassung. Aber es wäre vermessen von mir, mich einfach in die heroische Geschichte einreihen zu wollen.

SPIEGEL: Wie lässt sich der Geist von damals in die heutige Zeit übertragen?

Oswalt: Man muss das Bauhaus heute anders denken, als es der etablierte Mythos nahelegt. Schon das frühe Bauhaus war ja eine dynamische Angelegenheit, mehr Projekt als Institution. Die Gegend um die Stadt Dessau, wo die Schule zwischen 1925 und 1932 angesiedelt war, ließe sich als frühes Silicon Valley bezeichnen. Das war ein Hightech-Standort, hier saßen die weltweit wichtigsten Chemiebetriebe und der Flugzeugbauer Junkers. Es war zugleich eine Region mit reformerischem Geist, mit einer starken Arbeiterbewegung. Alles war im Aufbruch, und man konnte leicht die wichtigsten Köpfe der Zeit gewinnen. Heute haben wir die umgekehrte Situation: eine entindustrialisierte Region, hohe Arbeitslosigkeit, starke Abwanderung.

SPIEGEL: Ein Wassily Kandinsky würde sich hier nicht mehr niederlassen?

Oswalt: Wohl nicht. Im Grunde war das damals eine echte Migrationsgeschichte; viele Lehrer, bald auch Schüler kamen aus dem Ausland. Wir brauchen heute eine noch offenere Institution für junge Wissenschaftler aus aller Welt, die einige Wochen oder Monate an unserem Kolleg, an unseren Forschungsschwerpunkten teilnehmen. Wir müssen verstärkt Kooperationen mit ausländischen Hochschulen eingehen. Für mich wird Dessau ein Ort der Bildung sein.

SPIEGEL: Am alten Bauhaus verstanden sich viele Professoren als Weltverbesserer. Sind Sie auch einer?

Oswalt: Nein. Es gab früher diese Utopie, eine neue Welt zu schaffen, in der alle Konflikte und Widersprüche aufgelöst sein würden. Heute haben wir diese naive Hoffnung verloren und gelernt, dass Utopien nicht genug sind.

SPIEGEL: Was also fordern Sie?

Oswalt: Es nutzen hundert schöne Entwürfe zu den schrumpfenden Städten in Ostdeutschland nichts, wenn wir nicht verstehen, welche Auswirkungen solche Aspekte auf die Stadtentwicklung haben. Also brauchen wir zuerst Analyse, Reflexion. Das ist es, was das Bauhaus heute leisten kann - ich nenne es eine reflexive Moderne. Da haben wir die Pflicht, uns engagiert einzumischen.

SPIEGEL: Die Stiftung Bauhaus beschäftigt sich fast nur noch mit Städtebau. Ist das nicht Verrat an den Gründern, denen neues Design ebenso wichtig war?

Oswalt: Nein, auf keinen Fall. In der Gestaltung haben die Bauhäusler doch alles erreicht. Selbst ein Massendesign wie das von Ikea wäre ohne das Bauhaus, ohne Gropius oder Mies van der Rohe, heute gar nicht denkbar.

INTERVIEW: ULRIKE KNÖFEL,

JOACHIM KRONSBEIN

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