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KUNST Vater im Bordell

In Münster ist die erste Ausstellung des alten Holländers Ter Borch zu sehen -- auch unter einem neuen Aspekt: In den gemütvollen Genrebildern sind viele frivole Anspielungen verborgen.
aus DER SPIEGEL 22/1974

Ein erbauliches Familienidyll: Die Matrone nippt diskret am Weinglas, das Mädchen aber nimmt gesenkten Hauptes eine »väterliche Ermahnung« entgegen.

Unter diesem Titel war die Genreszene des niederländischen Malers Gerard Ter Borch auf Kupferstichen weit verbreitet und den Betrachtern ans Herz gewachsen. Feinsinnige Zirkel rekonstruierten sie (wie von Goethe in den »Wahlverwandtschaften« beschrieben) als lebendes Bild.

Doch eine pikante Entdeckung stand noch aus: Neuerdings sind sich die Kunsthistoriker einig, daß dem »edlen ritterlichen Vater« (Goethe) nachträglich ein Goldstück aus der erhobenen Hand retuschiert worden ist. Die vermeintliche »Ermahnung«, auch schon zur »Weinprobe« erklärt, verbirgt nichts anderes als einen Handel im Bordell. Zweckdienlich steht ja ein Bett bereit, Requisiten wie Kerze, Spiegel, Perlenschnur deuten »leicht entflammbare Liebe« und »Leichtsinn« an.

In solche bislang nur teilweise gelöste Bilder-Rätsel wird nun zum erstenmal ein breites Publikum eingeführt. Die erste je gezeigte Ter-Borch-Ausstellung (zunächst in Den Haag, jetzt im Münsterschen Landesmuseum)* korrigiert die Vorstellung vom unverfänglichen Realismus dieses Malers. Denn im Katalog sind zahlreiche, oft frivole Anspielungen entschlüsselt, die Ter Borch (1617 bis 1681) der allegorischen Literatur seiner Zeit entnehmen konnte.

»Hinweg, lüsterne Liebe. Ich vertreibe dich aus meinem Sinn und halte es mit dem Wein«, schrieb sich Gesina Ter Borch, unverheiratete Halbschwester des Künstlers, ins Poesiealbum. Sie saß dann auch trinkend Modell für eine Szene mit einem am Tisch eingeschlafenen Soldaten. Ter-Borch-Forscher dechiffrieren den offenen Krug, den die Dame im Schoß hält, als (vergebliches) »eindeutiges Angebot«.

Und so weiter: Mal stellt eine Herz-As-Karte arnouröse Bezüge her, mal scheint das beiseite gehängte Schießeisen eines Kriegers ("das Feuerrohr« das kalt blieb") dessen Impotenz anzuzeigen, mal eine Uhr die abgelaufene Zeit eines postum Porträtierten.

Als Bildnismaler hatte Ter Borch sein Glück gemacht. Er reüssierte bei holländischen Patriziern ebenso wie beim spanischen König Philipp IV. Gegen Ende des Dreißigjährigen Krieges zog er, in Erwartung lukrativer Aufträge, zu den Friedensverhandlungen nach Münster. Zahlreiche Unterhändler, die ihm zunächst einzeln saßen, verewigte er 1648 auch auf einem Gruppenbild vom Separat-Friedensschluß zwischen Spanien und den Niederlanden.

Schon 1646 hatte Ter Borch, im Team mit einem unbekannten zweiten Künstler, den holländischen Gesandten Adrian Pauw beim Einzug in Münster

* Bis 23. Juni. Katalog 252 Seiten; 15 Mark.

dargestellt -- scheinbar eine heitere Landschaft mit nebensächlicher Figuren-Staffage. Daß aber der damals noch um protokollarische Anerkennung als »Ambassadeur« bemühte Pauw sechsspännig fährt, machte die Komposition zum politischen Tendenzbild.

So gut versteckt sind die Bedeutungselemente auch auf jenen Bildern Ter Borchs, die seinen größten Nachruhm begründet haben: Als Repräsentant einer Epoche, in der sich »die Wege öffentlicher und privater Kunst trennten« (Ter-Borch-Monograph Sturla J. Gudlaugsson), zog sich der Maler auf intime Genreszenen zurück, die anzüglich sein mochten, aber niemals indezent.

Ter Borch, in späteren Jahren als Gemeindevertreter eine Respektsperson in Deventer, konnte getrost seine eigene Verwandtschaft in heiklen Rollen posieren lassen, ohne sie bloßzustellen. Denn auch zweideutige Situationen überspielte er durch kompositorisches und psychologisches Raffinement; durch erlesene Gewänder scheinen sie ins großbürgerliche, ja höfische Milieu entrückt. Atlasseide hat keiner so brillant gemalt wie Ter Borch.

Der malerische Glanz, ein Ergebnis feinster Lasuren, hat allerdings auch seine Tücken: Beim Restaurieren von Ter-Borch-Gemälden wird allzu leicht eine ganze Farbschicht abgetragen. So fragen sich die Kunstforscher neuerdings, ob eine »Mutter, die ihr Kind kämmt«, nicht ursprünglich eine blaue statt der jetzt braunen Jacke getragen haben müsse. Bei einem von »Vier Franziskanermönchen« kam infolge gründlicher Reinigung eine zweite Version des Kopfes so kraß zutage, daß der geistliche Herr nun mit einer Doppelfratze in die Welt blickt.

Und das vielleicht populärste Ter-Borch-Gemälde, das Berliner »Konzert«, ist aus guten Gründen gar nicht erst zur Ausstellung erbeten worden. Die Dame am Spinett gilt vollständig als Restauratoren-Schöpfung.

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