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BÜCHER NEU IN DEUTSCHLAND Vehikel zur Unzeit

Jules Verne: »Robur der Eroberer«. Diogenes; 336 Seiten; 15 Mark.
aus DER SPIEGEL 52/1970

Endlich ein Mann: die Figur »wie ein regelmäßiges Trapez«, die Brust »wie ein Blasebalg«, der Kopf »sphäroidisch«, und sein »moralischer Wuchs steht seiner physischen Stärke in nichts nach«. Er selber rühmt seine »unverwüstliche Gesundheit« und »staunenerregende Muskelkraft«.

Dieser Held namens Robur Ist Ingenieur und hat, 50 Jahre vor der Zeit, den Helikopter erfunden: ein luxusjachtähnliches Ungetüm mit 74 horizontal rotierenden Schrauben und zwei Propellern. Und um den ungläubigen Ballonschiffern die Überlegenheit seiner Flugmaschine zu beweisen, entführt er deren prominenteste Wortführer auf eine Erdumsegelung.

Solange er sich auf dem sicheren Boden seiner geliebten Amerika-Satire befindet, ist der ehrwürdige Science-fiction-Ahn Jules Verne hinlänglich amüsant -- später, in der Luft, eher länglich: »Dann wurden die Stunden wieder lang ... Kein Zwischenfall trat ein, die Monotonie zu vertreiben.«

Am Ende mündet dieses belletristische Geographiebuch gar ins Metaphysische. Der Hubschrauber-Erfinder Robur, so stellt sich heraus, ist gar kein Mann, sondern lediglich eine Allegorie: »die künftige Wissenschaft, vielleicht schon die Wissenschaft von morgen«. Und die fliegt in ihrem avantgardistischen Vehikel schließlich, Anno 1886, wieder davon -- der Autor hat sie einsehen lassen, »daß nichts zur Unzeit kommen darf, nicht einmal der Fortschritt«.

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