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RAUCHEN Verborgene Kanäle

Eine superleichte Zigarette, die dennoch kräftig im Geschmack ist, will die amerikanische BAT-Tochter entwickelt haben. Die Konkurrenz vermutet dahinter einen faulen Trick.
aus DER SPIEGEL 33/1981

Der Krieg begann vor sechs Jahren. Jeden Tag tobt er seitdem über die TV-Schirme Amerikas, jeden Monat kostet er Millionen Dollar. Er sei, so einer der Kämpen, »voller Schmutz und Hinterlist«.

»Tar Wars« taufte die US-Presse den erbitterten Kampf, den die amerikanischen Tabakkonzerne um Marktanteile für ihre Zigaretten vom Typ »ultralow-tar« (ULT) führen -- superleichte Zigaretten, deren Rauch nicht mehr als fünf Milligramm Teer (Kondensat) enthalten soll.

Nun ging die bislang teuerste Werbeschlacht dieses Teerkrieges zu Ende: Umgerechnet mehr als 350 Millionen Mark -- das entspräche zwei Dritteln des gesamten 81er Werbeetats aller Automobilhersteller auf dem westdeutschen Markt -- verpulverte die amerikanische Brown & Williamson Tobacco Company, Tochter der britischen BAT, für die Einführung einer neuen Zigarettenmarke, ihrer ULT-Zigarette »Barclay«. »Irre«, kommentierte das britische Wirtschaftsmagazin »Economist«. 50 Millionen Dollar wendeten die »Barclay«-Werber für Anzeigen und Plakate auf, für rund 100 Millionen Dollar verschenkten sie die Zigaretten stangenweise.

Der »Blitzkrieg« (so die »New York Times") hat sich offenbar gelohnt: Innerhalb von nur sieben Monaten erkämpfte sich Barclay in den USA einen Marktanteil von 1,2 Prozent -vergleichsweise wenig, gemessen an Super-Sellern wie etwa Marlboro (US-Marktanteil: 17,8 Prozent), geradezu sensationell jedoch für eine neue Zigarettenmarke.

Für die im Rauch bislang eher faden Superleicht-Zigaretten schmecke die Barclay, so urteilten zumindest Experten, erstaunlich kräftig -- Folge eines neuartigen Filters mit »einem ungewöhnlichen Tunnelsystem« ("Economist").

Alles Lug und Trug, behauptet die Konkurrenz unter der Führung des Tabakriesen Reynolds ("Winston") und startete gegen die Barclay-Produzenten die bislang letzte Attacke der »Tar Wars": Der wundersame Barclay-Filter sei so konstruiert, daß er die Abrauchautomaten der amerikanischen Aufsichtsbehörde Federal Trade Commission (FTC) irreführe.

Die Robot-Tester der FTC hatten für den Rauch aus der Barclay einen Kondensatgehalt von einem Milligramm ermittelt -- erstaunlich wenig für eine derart kräftig schmeckende Zigarette. Werde sie jedoch von Menschen geraucht, so glaubt Konkurrent Reynolds, verströme die Barclay bis zu elf Milligramm Teer. »Damit wollen die uns vom Markt katapultieren«, ärgerte sich Lance Reynolds, Entwicklungs-Chef von Brown & Williamson, der den Barclay-Filter erfunden hat.

Normalerweise kastrieren die Hersteller ihre Leicht-Zigaretten, indem sie die Filter mit bis zu 200 mikroskopisch kleinen Löchern perforieren und so dem inhalierten Rauch zusätzliche Luft zuführen: Der teergeschwängerte Rauch wird gleichsam verdünnt, dünne wird aber auch der Tabakgeschmack.

Schon vor Jahren hatte Experte Reynolds herausgefunden, daß -- bei allen Zigarettenarten -- ein Großteil des Aromas aufgrund der Strömungsverhältnisse im Mund verlorengeht. Denn beim Inhalieren schießt der Rauch in einem bleistiftdicken Strahl in den hinteren Teil der Mundhöhle und zischt dabei weitgehend wirkungslos an den knospenförmigen Geschmacksorganen auf der Zunge vorbei. Dadurch verringert sich auch die Geschmackswirkung der ohnehin aromaärmeren Leicht-Zigaretten gegen Null.

Diesen Effekt verhinderte Reynolds durch ein geschickt ausgedachtes System von vier Luftkanälen, die er (unter der Papierhülse verborgen) an der Außenseite seines Mundstücks anbrachte. Durch die haarfeinen Röhrchen gelangt beim Zug an der Zigarette Luft direkt in den Mund und vermischt sich erst dort mit dem Tabakrauch, der durch einen Kanal in der Filtermitte eingesogen wird. »Dadurch rollt der Tabakrauch gemächlich über die Zunge«, so Erfinder Reynolds, wo er die Geschmacksnerven errege.

Das jedoch will die Konkurrenz nicht schlucken; sie glaubt herausgefunden zu haben, warum die Barclay so erstaunlich herzhaft schmeckt: Listig S.148 hätten die Barclay-Produzenten ihren Filter so gebaut, daß Raucher die kleinen Luftröhrchen mit Lippen oder Zähnen zusammendrückten und so allein (durch den Mittelkanal) kräftigen Tabakrauch inhalierten -- und der enthalte dann ganze elf Milligramm aromatischen Teers.

Weil aber die FTC-Rauchautomaten keinen Druck auf den Filter ausübten, seien sie zu völlig falschen Ergebnissen gekommen -- und Brown & Williamson völlig unverdient und mit amtlichem FTC-Segen versehen zu ihrer aromatischen ULT-Zigarette.

Das erbitterte Störfeuer der Barclay-Konkurrenz -- ob berechtigt oder nicht -- macht deutlich, wie umkämpft in den USA der Markt der Superleichten ist. Denn mit ihnen, so glauben Experten, würden die Tabakkonzerne in diesem Jahrzehnt ein Großteil ihres Geschäftes machen. »Der Trend geht zur ganz leichten Zigarette«, weiß Nicholas Glover, Manager der Reynolds Tobacco Company.

Noch vor fünf Jahren hatten (in den Vereinigten Staaten) die ULT-Zigaretten nur einen Marktanteil von 1,6 Prozent; inzwischen kletterten sie schon, mit Hilfe von millionenschweren Werbekampagnen, auf über acht Prozent; und 1985 dürften, so schätzt die Branche, über 22 Prozent aller verkauften Zigaretten (derzeit 622 Milliarden jährlich) von der superleichten Sorte sein.

In diesem Teerkrieg versuche natürlich jeder, sich »eine gute Ausgangsposition zu verschaffen«, kommentierte ein New Yorker Tabak-Manager das Hickhack zwischen Reynolds und Brown & Williamson, »und wenn es sein muß, mit kräftigen Schlägen unter die Gürtellinie«.

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