Zur Ausgabe
Artikel 69 / 83

BÜCHER / NEU IN DEUTSCHLAND Verdächtiger Mime

Hans Erich Nossack: »Der Fall d'Arthez«. Suhrkamp; 324 Selten; 20 Mark.
aus DER SPIEGEL 45/1968

Mutmaßungen stellt nun auch Hans Erich Nossack, 67, an -- über Nasemann. Dieser Nasemann, soviel wird sicher, ist der verlorene Sohn einer beizeiten nach Westen verzogenen Dresdner Strumpfindustriellen-Familie. Unter dem Pseudonym d'Arthez, dem beziehungsvoll gewählten Namen einer Neben- und Außenseiterfigur aus Balzacs »Verlorenen Illusionen«, wurde er, was schon Bölls »Clown« Hans Schnier war: ein berühmter Pantomime. d'Arthez war Antinazi und KZ-Häftling, ist geschieden, schlägt sein Erbe aus, hat eine Tochter Edith und einen Freund Lambert, der mit einer Schneiderpuppe in Frankfurt lebt.

Ein Zufall (Zufall?) konfrontiert ihn einem Bundessicherheitsdienst, der ihn sogleich suspekt findet, denn d'Arthez hat das für Geheimdienstier ungenießbare Air des »Exterritorialen. Einmal Outcast, ist er nie zurückgekehrt, sondern weiter abgekommen in Zonen jenseits geltenden Rechts und gängiger Moral. Behörden werden an ihm lächerlich.

Das merkt auch der geheimdienstliche »Berichterstatter«, dessen -- allzu ressortblinder, allzu berufsbornierter -- Chef den Fall d'Arthez überhaupt erst erfindet und dabei doch mit sicherem bundesdeutschen Empfinden die Gefährlichkeit solcher unabhängigen Geister für den bürgerlichen Staat erspürt. So Nossacks Ironie (und so seine zu hohe Meinung von der Gefährlichkeit solcher Geister).

Dem »Berichterstatter« jedenfalls, diesem gutartigen jungen Mann, verleidet der Fall d'Arthez den Sicherheitsdienst -- er verdingt sich, auf dem Wege zu seinem »Ich«, als Entwicklungshelfer.

Den Schauplatz der tiefernsten Story hat zumeist des Autors Wohnort Frankfurt gestellt. Hier, merkt man, hat, wie der spröde, hintersinnige Lambert, auch Nossack manche Nacht am Fenster gestanden und seinen Gestalten die Seelenachse ins Symbolische gerichtet.

Doch viele Ansätze zu Deutungen bleiben Andeutungen, die trockenkühle Diktion verbirgt nicht die Anstrengung des Sprechens, und werden auch d'Arthez' Pantomimen eingehend beschrieben, sie bezeugen nur den Zweifel an der Mitteilbarkeit von Wichtigem durchs Wort.

Zur Ausgabe
Artikel 69 / 83
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.