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Pop Verdammt gute Phase

Die Rolling Stones sind wieder auf Tour. Einer fehlt: Bassist Bill Wyman hat sich in den Rock'n'Roll-Ruhestand verabschiedet.
aus DER SPIEGEL 31/1994

Soll noch einer sagen, die ruhigeren Jahre des Lebens hielten keine Herausforderungen parat. »Jeder denkt, ich sitze irgendwo am Pool, esse Kaviar und trinke Champagner«, sagt der Mann, nachdem er seinen drahtigen Körper in eine der engen Sitzkojen an der Fensterfront des Restaurants gepreßt hat. »Die Wahrheit ist: Ich schlafe nie mehr als fünf Stunden. Ich arbeite an drei Büchern. Und ich mache weiterhin Musik.«

Kurz die Designerbrille zurechtgerückt, und schon kommt die Rede aufs Gefühl, Besitzer eines stolzen Landsitzes in der englischen Provinz zu sein. Zudem gibt es da noch sein Haus in Südfrankreich, drei Autos, »alle Mercedes«, und, natürlich, seine junge, wunderschöne Frau. »Es ist großartig, so viel erreicht zu haben«, sagt der Prahlhans im Glück.

Der Mann spielt falsch - und eben dies hat Bill Wyman, 57, der hier den gelassenen Siegertypen markiert, zu einem Großen der Rockgeschichte gemacht. »Tausende Bassisten spielen präziser als ich«, doziert er, »aber gerade das war das Einzigartige an der Rhythmus-Sektion der Rolling Stones: Es hörte sich immer an, als fiele im nächsten Moment alles auseinander.« Was natürlich nie passierte.

30 Jahre lang war Bill Wyman einer der Stones, zwei Dutzend Konzerttouren lang stand er mit Mick, Keith und dem Rest der Gang auf der Bühne - nun wird er zum erstenmal nicht dabeisein, wenn am Montag dieser Woche in der US-Hauptstadt Washington die nächste Welttournee der »Greatest Rock'n'Roll Band in the World« beginnt: »Mich macht das nicht im mindesten sentimental«, sagt er. »Ich genieße diese Phase meines Lebens. Einfach, weil es eine verdammt gute Phase ist.«

Wie, zur Hölle, kann einer, von dem die Kritiker einst behaupteten, er sei »der Fels, auf dem die Rolling Stones gegründet sind«, so daherreden? Was bloß ist schlecht an Swimming-pool, Kaviar und Champagner? Und war einer, der derart aufdringlich den rüstigen Frührentner raushängt, jemals ein echter Rock'n'Roller?

Leute, die solche Fragen stellen, verderben Bill Wyman den Appetit. Schließlich sitzt er im Restaurant »Sticky Fingers«, das er seit 1989 im Londoner Stadtteil South Kensington betreibt - und weil er demnächst in den Niederlanden und in Deutschland »Sticky Fingers«-Filialen eröffnen will, redet er erst mal über vollgeschaufelte Salatteller und dicke Lachssteaks, mit denen man sich in seinem Laden den Bauch vollschlagen könne.

Als Gourmet-Darsteller ist Wyman eine Fehlbesetzung - vom Essen, so stellt sich bald heraus, hat er keinen blassen Schimmer. Besser beherrscht er die Rolle, die er drei Jahrzehnte lang auch bei den Stones gab: die des umtriebigen Erbsenzählers, des Ordnungs- und Organisationsfetischisten.

So kann der Mann allen Ernstes minutenlang darüber lamentieren, wieviel Zeit die Menschen tagtäglich auf der Kloschüssel verbummeln: »Auch mein Vater las immer Zeitung. Ich nicht. Reingehen, das Geschäft erledigen, und wieder raus. So funktioniert mein ganzes Leben - bloß keine Zeit verschwenden.«

Heute ordnet Wyman seine Restaurant- und Buchprojekte, manchmal tritt er, in der Veteranenband »Willie and the Poor Boys«, bei Benefizkonzerten auf. Früher ordnete er das Leben der Stones. Keiner aus der Band hat so eifrig Konzerttickets und Quittungen, abgelegte Instrumente und Trophäen gesammelt wie er - und daß es bis heute kein Rolling-Stones-Museum gibt, wurmt ihn stark: »Wirklich schade drum. Aber niemand will für die Kosten aufkommen.«

Die schönsten Stücke aus Wymans Kollektion schmücken nun die Wände des »Sticky Fingers«, Gold- und Platinplatten in Holzrahmen etwa und eine Gitarre des toten Stones-Gefährten Brian Jones. Souvenirs, die daran erinnern, daß der Hausherr einmal der Mann war, der die Stones laut machte: Nicht seinem eher lausigen Baßspiel, so die Legende, verdankte William George Perks alias Bill Wyman seine Aufnahme in die Band, als er 1962 in einem Londoner Pub bei zwei unbekannten Burschen namens Jagger und Richards vorspielte - die Jungs waren scharf auf die Verstärkeranlage, die Wyman mitbrachte.

»Es war tatsächlich so banal«, sagt Wyman. »Sie hatten eine Bluesband im Norden der Stadt, ich war in einer Rhythm & Blues-Band im Süden - und bei uns lief es einfach besser.«

Die Anekdote vom nützlichen Idioten, den die beiden durchtriebenen Glimmer-Zwillinge Jagger und Richards für ihre Zwecke einspannten, haben sie dem Band-Ältesten seither ein paarmal zu oft hingerieben - kleine Nadelstiche in einem Star-Leben, das offenbar eine Kette von Demütigungen war.

Für seine eigenen Ideen, für die Songs, die er schrieb, sei niemals Platz gewesen bei den Stones, klagt Wyman: »Da war eine Tür, und die blieb immer geschlossen.« Mick Jagger und Keith Richards besorgten das Songschreiben nahezu allein. Und selbst als dem Bassisten Anfang der achtziger Jahre mit dem Song »Je suis un Rock Star« ein Nummer-eins-Hit gelang, habe Jagger nur gespottet: »Er sagte, der Song sei einfach dämlich«, grummelt Wyman bitter.

Der Typ am Baß, der neben den Glimmer-Zwillingen seit jeher wirkte wie Berti Vogts neben Maradona und Johan Cruyff, nahm kleinlich Rache. Im ersten Teil seiner Biographie, der 1990 als 600-Seiten-Wälzer unter dem Titel »Stone Alone« erschien, brüstete er sich damit, er habe mehr Groupies vernascht als Mick Jagger.

Wyman, wegen seiner Liaison und späteren Kurz-Ehe mit der Kindfrau Mandy Smith ohnehin jahrelang Gespött der britischen Presse, sei »ein wandelndes Archiv«, höhnte das Londoner Sunday Times Magazine - und zitierte eine Verlagslektorin mit den Worten: »Bill hat jede Nummer, die er jemals schob, im Manuskript vermerkt.«

War der Bassist jener Band, aus deren Musik Jean-Luc Godard den »Beginn einer Revolution« heraufdonnern hörte, etwa zeitlebens ein Biedermann in Rocker-Klamotten? Und gibt es heute - in einer Welt, von der Wyman sagt, daß darin »jeder so revolutionär herumläuft wie wir damals« - irgend jemanden, der Bill Wyman, den Baßmann der Rolling Stones, vermißt?

Einen mindestens gibt es. Keith Richards gestand im SPIEGEL-Gespräch (26/1994), während der Aufnahmen zur jüngsten Stones-Platte »Voodoo Lounge« habe er den neuen Bassisten Darryl Jones mitunter mit den Worten »Bill, ein bißchen lauter« zur Ordnung gerufen. Wyman ist diese Geschichte nur ein müdes Lächeln wert: »Gewöhnlich haben sie gebrüllt: ,Bill, eine Spur leiser, bitte.'«

Wolfgang Höbel

»Jede Nummer, die er jemals schob, im Manuskript vermerkt«

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