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Theater Verdammter Trieb

Ein Stück über den Knabenmörder Jürgen Bartsch stößt auf Kritik - bei Bartsch selbst.
aus DER SPIEGEL 42/1972

Das Publikum sitzt auf der Bühne und besieht von da, was im Parkett passiert -- Schlimmes:

Ein junger Mann in Knickerbockern wühlt in Hackfleisch, reißt Grimassen, singt wie Heintje und erzählt von der Wollust, Knaben zu fesseln, zu würgen und zu zerschneiden.

Er spielt auch groben Vater, pingelige Mutter und einen sinistren Pater; er hastet hin und her, weint, betet, dreht einen Wasserhahn auf und fleht eine Dirne an, ihn tüchtig zu peitschen.

Der Solist in Knickerbockern ist der Held eines Stücks mit dem Titel »Das Tier. Es wurde letzte Woche im Kammerspiel des Frankfurter Schauspielhauses uraufgeführt, und es kränkt den, von dem es handelt: den Knabenmörder Jürgen Bartsch, 25.

Bartsch, einer der sensationellsten Kriminalfälle der Nachkriegszeit, hatte in einem verfallenen Stollen vier Kinder sadistisch getötet. 1967 wurde er zu lebenslänglich Zuchthaus verurteilt, im Revisionsprozeß zu zehn Jahren Haft und anschließender Einweisung in eine Heilanstalt.

Im Kölner Klingelpütz, wo er jetzt eingesperrt ist, bekam Bartsch das Stück zu lesen. Er protestierte gegen sein Bühnen-Konterfei und bat dringlich, wenigstens vier Passagen zu streichen: Die Peitschen-Szene bei der Dirne, beispielsweise, habe es nie gegeben.

Die Ritte blieb bislang unbeachtet. Denn der »Tier«-Autor, der Dramaturg und Journalist Niels Höpfner, 28, will ausdrücklich »kein Dokumentarstück« geschrieben haben. Gleichwohl ist es aus Dokumenten collagiert.

Denn als Quelle nutzte Höpfner, neben anderem, ein vor kurzem ediertes Buch des in West-Berlin lebenden US-Journalisten Paul Moor: »Das Selbstporträt des Jürgen Bartsch«; Höpfners wie Moors Verleger ist der Frankfurter 5. Fischer Verlag.

Moor, der mit seinem Buch »Verständnis und Toleranz für kriminell Kranke« wecken will, hatte mit dem inhaftierten Bartsch fast vier Jahre lang korrespondiert; das geförderte psychoanalytische Material haben wissenschaftliche Kapazitäten mit höchster Bewunderung aufgenommen.

Der Amerikaner suchte vor allem die Ursachen für Bartschs »verdammten Trieb« (Bartsch). Moor: »Das traditionelle deutsche Familienschema autoritären Systems, das die sadistischen Mörder der Juden von Bialystok hervorbrachte, erzeugte auch, in unseren Tagen, Jürgen Bartsch.«

Tatsächlich sind deutschen Familienbanden homosexuelle Triebtäter öfters entsprungen: Um 1920, beispielsweise, ermordete Fritz Haarmann, der »Werwolf von Hannover«, wenigstens 24 junge Männer; in den dreißiger Jahren brachte der ambulante Uhrmacher Adolf Seefeld, »Onkel Tick-Tack« genannt, zwölf Knaben um und verging sich an ihnen.

Ein Theaterstück, das einen Bartsch nicht nur als einmalige Monstrosität darstellen will, müßte vor diesem deutsch-düstren Hintergrunde spielen. Just diese Perspektive freilich fehlt Höpfners Stück: Bartsch erscheint als exzentrischer Einzelfall.

Die Inszenierung des Tausendsassas Hans Neuenfels, 31, drängt den Bühnen-Bartsch vollends in die Sphäre des Absonderlichen; Neuenfels jagt seinen Darsteller (Ulrich Hass) in einer artistischen Parforce-Tour durch die Stile der Gegenwart und ertränkt in Brillanz die Bedeutung.

Nicht ohne Hintersinn ist der Einfall, das Publikum auf die Bühne zu placieren: Den Gästen soll, sagt Neuenfels, die »Voyeurs-Situation« bewußt gemacht werden.

Bartsch, der einer Psycho-Krise wegen kürzlich sieben Tage in therapeutischem Tiefschlaf lag, fürchtet die Popularität durch die Bühne als Störung seiner Rehabilitation. »Ich finde es widerlich«, schrieb er an Paul Moor, »wo ich doch wohl genug am Hals habe, mich auch noch mit dieser Sache befassen zu müssen.«

Moor hofft, daß die Haft vorzeitig abgebrochen und Bartsch bald in eine Heilanstalt eingewiesen wird. Bartschs Tantiemen-Anteil am Moor-Buch fließt auf ein Konto in der Schweiz; mit dem Geld soll die langwierige The-

* 1966 vor der Polizeistation Mettmann.

rapie (geschätzt: acht Jahre) bezahlt werden.

Weil Höpfner für sein »Tier« Bartsch-Briefe verwendete, erhoffte Moor auch vom Stück einen Tantiemen-Teil für seinen Schützling; bislang vergebens. Der Zufluß wäre freilich gering: »Tier«-Autor Höpfner erhält pro Vorstellung 37,50 Mark.

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