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AUTOFAHRER Verdrehte Füße

Jahrelang sehen sich Autofahrer au defensiver Fahrweise ermahnt. Jetzt empfahl ein Ex-Rennfahrer das Gegenteil: Sportliches Fahren, auch im Stadtverkehr, sei sicherer.
aus DER SPIEGEL 21/1971

Wer ist hauptsächlich schuld an den vielen Autounfällen? Nicht die Straßen, nicht die Autos -- die Autofahrer selber sind's.

Ausgehend von dieser fast binsenweisheitlichen Erkenntnis, hat nun der angesehene schweizerische Verkehrsexperte Walter Honegger eine tiefere Ursache des Unfall-Übels aufgespürt: Mit ihren unzureichenden Fahrschulkenntnissen allein, so meint der Ex-Rennfahrer und Lehrer an Rennfahrerschulen, können die Autolenker im modernen Massenverkehr notgedrungen auch nicht schadlos bestehen.

Der Fahrkundler rät daher zu einer Therapie, die nach seinen eigenen Worten »reichlich paradox und geradezu gemeingefährlich klingt«. Trotz Kolonnenelend und Verstopfungen empfiehlt Honegger in einem »Fahrtechnik für Könner« betitelten neuen Autobuch eine betont sportliche Fahrweise für alle, und das auch im Stadtverkehr*. Die Autofahrer müßten »auf der Basis der im Rennsport gesammelten Erfahrungen und Erkenntnisse« ihre mangelhafte, unfallträchtige Fahrweise bessern.

Sollen die Autofahrer im Powerstide um den Stachus kurven? Honegger: »Die sportliche Fahrweise ist nicht die Fahrtechnik der Gesetzlosen!« Das rennsportliche Erfahrungsgut solle nur »in richtiger Dosierung und umgedacht« in den Verkehr gebracht werden.

Der sportlich orientierte Fahrer soll daher überall wie ein motorisierter Winnetou Chancen und Gefahren rechtzeitig wittern und so fahren, »daß er für sich am meisten Effekt erzielt«, ohne andere zu beeinträchtigen oder gar zu schikanieren. Er soll unter Lastwagen hindurchspähen, Schaufenster als Spiegel nutzen und »bestimmt, konsequent und resolut« fahren. Honegger warnt vor »übertriebener Höflichkeit« -- sie hemme den Verkehrsfluß ebenso wie stures Drängen. Sein Rat: »Wer den Vortritt hat, soll ihn ausnützen.« Betont defensives Verhalten ("auch wenn noch so vehement propagiert") sei eher geeignet, den Verkehr zum Stocken zu bringen.

Kolonnenfahrern fordert der Autor ab, Lücken zu lassen für das Überholen. Andererseits verlangt er, mit dem Verkehrsraum weniger verschwenderisch umzugehen. Wartende vor der Ampel sollen sportlich-zügig und nahezu gleichzeitig anfahren, damit möglichst viele die Grünphase nutzen können; Linksabbieger kämen rascher weg, würden sie sich gestaffelt anstatt hintereinander aufstellen; blitzschnelles Einparken auf engstem Raum müsse als eine Art Pflichtfach geübt werden.

Und für das Kurvenfahren in der Stadt gilt laut Honegger der viel belächelte oder gar verurteilte Sportfahrergrundsatz des Fahrens auf der »Ideallinie« genauso wie für jede andere Kurve: Das Auto soll innerhalb des Fahrstreifens einer Bogenlinie mit möglichst großem Radius folgen. Dieses Verfahren bringt Vorteile ein: höheres Kurventempo, verringerte Zentrifugalkraft und damit weniger Rutschgefahr, größere Sicherheitsspanne für den Fall, daß sich die Haftung in der Kurve (durch Flickstellen« Fußgängerstreifen, Straßenbahnschienen) verschlechtert.

Gerade in den Kurven, ob im Stadtgebiet oder auf freier Strecke, biete sich daher »dem Alltagsautomobilisten die Chance seines Lebens«. Notfalls können wachsame Fahrer ungestraft sogar in der Kurve stark bremsen, was Fahrlehrer als eine Art Todsünde verdammen -- Honegger erläutert die dafür erforderlichen Verfahren. Optimal rasche Kurvenfahrt bedarf jedoch ausgiebigen Trainings. Honegger: »Mißlingt eine Kurve, ist rückblickend festzustellen, was man falsch gemacht hat.«

Auch für das Überholen, besonders bei höherem Tempo, rät der Ex-Rennfahrer im Gegensatz zu Verfechtern defensiver Fahrweise zur Offensive: »Der zu Überholende ist mein Gegner ... und den Gegner studiert man, bevor man ihn angreift.« Und selbst bei drohendem Unheil durch ein plötzlich auftretendes Hindernis soll der Fahrer wie ein Sportfahrer reagieren: Entscheidend sei »bei dieser Rettungsaktion das Losreißen des Blickes vom auftauchenden Hindernis«, um das Unfallareal zu erfassen und einen Fluchtweg zu finden.

Wer sich auf diese Weise sportlichelastisch dem Verkehr anpassen will. sollte freilich besondere Bedienungstechniken lernen, von denen kein Fahrschüler erfährt. So etwa das sportliche Beschleunigen ohne Zugkraftverlust und ohne Überdrehen. Oder, trotz Synchrongetriebe, das Zurückschalten mit »Zwischengas« nach dem Uralt-Verfahren in acht Phasen: Abbremsen, auskuppeln, auf Leerlauf schalten, einkuppeln, Zwischengas geben, auskuppeln, abwärts schalten, einkuppeln. Und die »Hacke-Spitze«-Technik -- einen alten Rennfahrer-Kunstgriff« der laut Honegger immer -- dann angewendet wird, wenn eine Fahrsituation gleichzeitiges Abbremsen und Abwärtsschalten (mit »Zwischengas") erfordert. Durch routiniertes Verdrehen des rechten Fußes erzielt der Sportfahrer den Effekt einer dreifüßigen Bedienung.

Als »letzten automobilistischen Genuß« bei solcher Fahrweise empfiehlt der Autor »die Paßfahrt im Spätherbst. Dann ist dort nämlich wenig Verkehr.

Doch auch für den Stadtverkehr läßt Fahrtechniker Honegger bereits die Vision einer schönen, neuen Autowelt erstehen. »Fahrtechnisch gut und zweckmäßig ausgebildete Automobilisten« bedürfen nach seiner Überzeugung nicht einmal mehr gesetzlicher Hilfsmittel -- freilich »unter der Voraussetzung einer anständigen Verkehrsmoral« Eben.

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