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Vereinigung, philosophisch

aus DER SPIEGEL 15/1991

Er habe es nicht vermocht, »in der Stummheit vor einem Geschehen zu verharren«, das die Zukunft seines Landes und seines Metiers berühre, begründet der Münchner Philosoph Dieter Henrich die essayistische Begleitung der Wiedervereinigung Deutschlands. Darin äußert sich eine republikanische Gesinnung, die altmodisch anmutet. Als geachteter Widerpart des Münchners ist der Frankfurter Sozialphilosoph Jürgen Habermas stets gegenwärtig. Dessen verächtlichem Verdikt ("DM-Nationalismus") hält Henrich entgegen: »Aus trüben Verhältnissen steigt nichts strahlend auf - es sei denn in der Oper.«

Dabei unterscheidet sich Henrich wohltuend von konservativen Wiedervereinigungs-Enthusiasten. Kein Gedanke daran, daß Auschwitz nun doch noch relativiert werden könnte; die Teilung Deutschlands nach 1945 ist und bleibt bei ihm eine Folge des angezettelten und verlorenen Krieges - keine bloße Infamie des Stalinismus. Die Wiedervereinigung hält Henrich für ein glückliches Ereignis, aber sie heilt nicht alle Wunden.

Selten schauen Philosophen so heiter vor und zurück. Selbst die Teilung wirkt als »heilsame Quarantäne«. Der Nationalismus, glaubt Henrich, ist entwurzelt, heute und immerdar; das verquere Verhältnis der Deutschen zur Politik, ihre besondere Mentalität und Kultur: Vergangenheit dank 40 Jahre Bonner Republik und Erziehung zu westlicher Mündigkeit.

Henrich sieht die neue Republik der Deutschen in Arbeitsteilung entstehen: Der freie Westen bringt die Institutionen mit, das System, das Gehäuse der Demokratie. Der arme Osten aber steuert den Charakter bei. Eine schöne Idee, sehr idealistisch.

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