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SCHRIFTSTELLER / TUCHOLSKY-BRIEFE Vergnügter Heide

aus DER SPIEGEL 52/1969

»Wer in der Öffentlichkeit Kegel schiebt«, so lautete seine Journalistenmoral, auch in eigener Sache, »muß sich von jedem sagen lassen, wieviel Punkte er geworfen hat.« Kritik, fand er, sei folglich schweigend zu quittieren.

Doch 1929 gestattete sich Kurt Tucholsky die Ausnahme von seiner Regel. »Eines trennt ihn tief von uns«, so hatte nämlich eine Marierose Fuchs, Buchrezensentin des straff katholischen Zentrumsblattes »Germania«, über ihn geschrieben: »ein erschreckender Mangel an Ehrfurcht vor fremder Überzeugung.« Und diesen Vorwurf zu parieren, ließ sich Tucholsky etwas kosten: zunächst einen Brief und schließlich eine zweijährige Korrespondenz.

Niemand freilich hat bislang von seinen »Briefen an eine Katholikin« noch gewußt -- außer der Empfängerin. Erst 35 Jahre nach Tucholskys Freitod im schwedischen Asyl (1935) hat sich die heute in Königstein (Taunus) lebende alte Dame von diesen Papieren trennen mögen, in denen sie sich von einem Mann angesprochen sah, »dessen Besonderheit ich wohl spürte«. Der Rowohlt Verlag, der bisher schon an die 8000 Seiten Tucholsky-Texte veröffentlichte, publizierte die Briefe jetzt »zum Gedenken an Kurt Tucholskys achtzigsten Geburtstag« (8. Januar 1970)*.

Marierose Fuchs hatte Tucholsky auf dessen Wunsch in der Berliner Redaktion der »Weltbühne« besucht. Fortan flocht der Autor mit der »eisernen Schnauze und dem goldenen Herzen« (Tucholsky) seinen Argumenten gegen den politisierenden Katholizismus auch dezente Komplimente bei: »Eine Rücksicht«, so schrieb er an »Marosie«, »die ich nicht erklären ... möchte, hat mich abgehalten, unsere Begegnung in Verse zu setzen -- man hätte das gekonnt. Es wäre ein Vulkanausbruch geworden. Man sollte Sie streicheln.«

Die »Germania«-Mitarbeiterin bewahrte die Briefe des »Weltbühne« -- Journalisten sorgsam auf -- auch nach dem Tucholsky-Verbot der Nazis und der Bücherverbrennung von 1933. Die Gestapo-Beamten, die bei der ehemaligen Zentrums-Journalistin Haussuchung hielten, waren, so Marierose Fuchs, »in der Literatur glücklicherweise so wenig bewandert, daß sie diese Schriften übersahen«.

Vor einigen Jahren kramte Frau Fuchs das mit der Aufschritt »Mama« getarnte Briefbündel aus seinem Kellerversteck hervor und war »gepackt« von der »Ehrlichkeit« ihres Korrespondenten. Sie konnte »kaum noch verstehen«, wie sie Tucholsky einst der Respektlosigkeit vor fremder Glaubensüberzeugung hatte zeihen

* Kurt Tucholsky: »Briefe an eine Katholikin 1929-1921«. Rowohlt Verlag, Reinbek: 90 Seiten; 6,80 Mark.

können, und entschloß sich: »Wahrscheinlich gehören solche Briefe nach vier Jahrzehnten auch nicht mehr einem Menschen allein.«

Den neuen, noch unbekannten Tucholsky, in dessen Werk laut Rowohlt-Klappentext trotz allem Abscheu gegen »klerikale Hypokrisie« doch »eine eigene Religiosität lebt«, bietet dieser Briefwechsel freilich nur sehr bedingt. An dem Bild, das sich die Lesermassen (Tucholsky-Gesamtauflage: fast vier Millionen) von ihrem »Tucho« als einem linken Atheisten und kessen Satiriker machen, ist nicht viel zu korrigieren.

Er sei ein Mann, so schreibt Tucholsky an Marierose Fuchs, der sich »niemals lustig macht« über die Kirche »als Hort des Glaubens«; aber auch einer, der »wohl keinen guten Witz ... ausläßt«, wo immer es um die Kirche »als politische Institution im Staate« geht.

Wohl weiß er zu definieren, was ihm Blasphemie bedeutet: »Gnädige Frau, haben Sie einmal tiefer geschaut, zum Beispiel in ein Massengrab? Ich aber. Was sollen mir spitzfindige Erklärungen ... wenn im entscheidenden Augenblick die Kirche in Paris und die Kirche in Berlin die Leute zum Mord antreibt? Was man da herumtiftelt, verfälscht Christus -- die einzige wahre Gotteslästerung, die ich kenne.« Und die Adressatin dieser Sätze hat aus solcher Entrüstung über politischen Mißbrauch der Religion auf einen Rest an Religiosität bei dem Entrüsteten geschlossen.

Doch schließlich mußte auch sie wohl einsehen, daß diese Seele nicht zu retten war. Tucholsky an Marierose: »Ihr müßt euch schon daran gewöhnen, daß es sehr vergnügte Heiden gibt. In mir ist nichts, was erlöst werden muß.«

Und als die Katholikin sich sogar um das irdische Wohlbefinden des berühmten Heidenmenschen zu sorgen begann, beruhigte er sie: »Sie fragen: »Wie ist das, wenn man kein Weihnachten hat?' Na danke -- es geht. Es geht wirklich sehr gut ... Ich vermisse nichts.«

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