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Musik Vergoldetes Händchen

Daniel Barenboims Start an der Deutschen Staatsoper Berlin verspricht Erneuerung - Bayreuth Unter den Linden?
aus DER SPIEGEL 43/1992

Bei Wagner hebt er ab. Bayreuth ist sein Walhall, da kifft er sich voll mit Leitmotiven und anderem tönenden Stoff. Im Festspielhaus fühlt er sich auf heiliger Ton-Erde. Manchmal dirigiert Daniel Barenboim, 49, dort mit nackten Füßen.

Nun hat sich dem inbrünstigen Wagnerianer ein zweites Bayreuth aufgetan, mitten in Berlin und nicht nur für Wagner. Der neue Grüne Hügel erhebt sich Unter den Linden 7, darüber, für Barenboim, ein Himmel voller Geigen. Er selber spielt die erste.

»Alles, was wir machen«, prophezeit der oberste Macher, »möchten wir auf höchstem Niveau bringen.« Nur »die besten Dirigenten, die besten Regisseure« dürften ans Werk. »Keine Mühe« werde er scheuen, »um das Beste von mir zu geben«.

Wie in der Bayreuther Festspielscheune, so wird nun auch in Berlins traditionsreichstem Musiktheater, der 250 Jahre alten Deutschen Staatsoper, Teamgeist beschworen, Probenernst gefordert, Aufführungsstil verlangt und bald ganz Europa erwartet. Das Wort gilt: jeden Abend Festival.

Am kommenden Sonntag wird Barenboim, der künstlerische Leiter und Chefdirigent des Singtempels, erstmals vor Ort den Gral enthüllen. Herauskommen soll, nach über vier Stunden »Parsifal«, eine neue Ära - oder zumindest ein neuer Anfang. Wenigstens bis ins Jahr 2002, so lange läuft Barenboims Vertrag, kann sich dort nun »etwas Wunderbares aufbauen«.

Wächst jetzt zusammen, was, dank diplomatisch dezenter Beihilfe des Bundespräsidenten von Weizsäcker, juristisch schon seit dem 1. August zusammengehört: der durch 40 DDR-Jahre geprägte Spielplatz der Republik, eine Altlast voll volkseigenem Belcanto, und der weltläufige Neuling Barenboim, dem der Musikbetrieb überall offensteht?

Jedenfalls beginnt mit dem leisen, langsamen Streicher-Aufschwung des »Parsifal«-Vorspiels eine Wende - die auf klassischem Terrain wohl spektakulärste, seitdem der Eiserne Vorhang weg ist. Die Hand, mit der Barenboim die Staatskapelle Berlin in As-Dur und Viervierteltakt auf die Kriechspur des »Bühnenweihfestspiels« führen wird, ist auch Treuhand. Sie unterschreibt den Wechsel von der Prestigebühne des Arbeiter-und-Bauern-Staates zum kosmopolitischen Musterhaus der wieder ungeteilten Musiknation.

Die Deutsche Staatsoper, so ließ Barenboim verlauten, solle »im Opernbereich bedeuten, was die Philharmoniker im sinfonischen Bereich darstellen«. Also S-Klasse. Dafür gibt es auch Bares in S-Klasse: Barenboim bezieht 250 000 Mark Jahresgage und, für 30 Auftritte, über 700 000 Mark. Macht fast eine Million Mark bei vier Monaten Anwesenheit oder, stimmt genauso: bei acht Monaten Absenz.

Die 70 Millionen Mark, die der Jahresetat des Hauses derzeit aufweist, reichen, wie auch anders, hinten und vorne nicht. Unter 110 Millionen, das hat Georg Quander, mehr Barenboims Bürovorsteher als Intendant, schon hochgerechnet, läuft auf Dauer nichts Rechtes. Man handelt schließlich auf Weltniveau.

Patrice Chereau, Regie-Cheri aller Feuilletons, wird »Don Giovanni« inszenieren. Für die Busoni-Spezialität »Doktor Faust« steht Regisseur Dieter Dorn bei Barenboim im Wort.

Heiner Müller dichtet ein Libretto mit dem Titel »Todesanzeige«, Pierre Boulez komponiert darauf seinen seit Jahrzehnten annoncierten Opern-Erstling, die Uraufführung soll, unter Barenboims Leitung, Chefsache werden.

Es soll, bis weit ins nächste Jahrtausend geplant, einen Mozart- und einen Wagner- und einen Richard-Strauss-Zyklus geben. So was hat die Met noch nicht gesehen.

Vor allem aber könnte es Götz Friedrich, dem Platzhirsch aus dem goldenen Westen der Stadt, ans Eingemachte gehen. Noch hat er 25 Millionen Mark mehr in der Kasse und, obwohl Lästermäuler schon von Schließung tuschelten, mehr Kredit in der Branche. Aber der Frischling Barenboim drängt sich, ganz hochachtungsvoller Kollege, mächtig ins Gehege: Deutsche Staatsoper gegen Deutsche Oper.

Oper, man weiß es, macht närrisch. Ihre Intendanten verflüchtigen sich gern ins Erhabene. Ihre Regisseure erfinden immer alles neu. Ihre Bühnenbildner verplempern Gelder, die gar nicht da sind. Alle leisten sich fürstliche Spleene. Ginge es nach den Usancen hinter den Kulissen, brauchte man auch Barenboims Berliner Futurologie nicht weiter ernst zu nehmen.

Aber Barenboim betreibt Oper eben nicht als Operette. Zwar ist er seit 20 Jahren, als er in Edinburgh seine erste Oper dirigierte, verrückt auf das Genre, aber immer noch clean und klar, wenn es um die betriebswirtschaftliche Bilanzierung geht.

Haushaltsführung hat der Vielseitige am eigenen Leib ausprobiert. Schließlich ist er, der Opernfreak, auch noch Konzertdirigent, Pianist, Liedbegleiter, Kammermusiker und in allen Disziplinen Plattenspieler, und zwar im Dauerlauf. Mit seinen vielen Gaben betreibt er Gütertrennung, jeder verhilft er zu ihrem Recht und Cash. Vier Jahre im voraus verplant er sich.

Die Vollbeschäftigung hat durchaus natürliche Gründe: Der Mann kann alles und will es allen zeigen. Er spricht sieben Sprachen. Er liest Partituren und Aristoteles wie andere die Zeitung. Er spielt und dirigiert fast alles auswendig. Würde er komponieren, schwärmt ein Berliner Philharmoniker, »dann wäre er ein zweiter Mozart«.

Wenn der »ewig junge Wunderboy« (Stuttgarter Zeitung) mit kurzen hastigen Schritten aufs Podium spurtet, wirkt er prall vor Tatendrang: ein Power-Pack im Frack. Und nicht nur sein Frack, auch seine Musikalität platzt aus den Nähten.

An den Tasten schüttelte er lange Zeit fast alles aus dem Ärmel: sämtliche Sonaten von Mozart und Beethoven, eine Menge Chopin, jede Menge Brahms, Bach, Liszt, Stücke mit Cello, mit Geige, im Trio, mit Orchester. Er holzte die komplette Klassik ab - Klaviermusik als Regenwald.

Bei diesem Kahlschlag konnten selbst seine Finger nicht mehr mitkommen. Zwar vermag Barenboim am Klavier immer noch wunderbar zu grübeln. Seine Melancholie hat Charme, sein Charme Wehmut. Mozart spielt er manchmal so kultiviert, als sänge die Schwarzkopf, und selbst ein Schlachtroß wie Tschaikowskis b-Moll-Konzert bringt er mit Grandezza noch mal auf Trab.

Doch die Manifaktur hat auch längst Mängel. Läufe hakeln, die Bravour zeigt Blässe, der Biß der vollen Akkorde beißt nicht mehr. Vieles klingt so soft, als spiele Barenboim einen Steinway aus Weichholz.

»Wenn er ein großer Pianist bleiben will«, rügte ihn voriges Jahr der furchtbare Klavierrichter Joachim Kaiser, »muß er sich ein paar Monate einschließen und Tonleitern üben.«

Geht nicht, er muß dirigieren. Alle, vom Stabführer Igor Markevitch bis zum New Yorker Starkritiker Harold C. Schonberg, haben ihm von klein auf den Floh vom geborenen Kapellmeister ins Ohr gesetzt. Nun ist er für sein Leben geschädigt: Er hält sich für einen geborenen Kapellmeister.

Er dirigiert grotesk. Er wirbelt, fuchtelt, rudert. Er betreibt vor dem Tutti Leibesertüchtigung mit Musikbegleitung. Doch, kaum zu glauben: Er hat dennoch ein Händchen für Klangkörper. Sein Bodybuilding zeigt Wirkung: Streicher reagieren nervig, das Blech beweist Bizeps. So kann, bei glücklicher Fügung, sein Mozart noblen Schmelz haben, Beethoven in angemessenem Furor wüten und Bruckner herrlich wuchtig nach Kathedrale klingen.

Doch wenn es sich, was häufiger passiert, nicht glücklich fügt, dann kommt Barenboim über exzellentes Mittelmaß kaum hinaus. Dann hört man Noten und kaum was dahinter.

Seine besonders liebe Not hat der Wagnerianer mit seinem Hausgott. Da schaltet er fast immer zurück und hält sich mörderisch brav ans selbstverhängte Tempolimit. Beim letzten Bayreuther »Ring« beispielsweise ritten seine Walküren fast nur durch verkehrsberuhigte Zonen, Wotan war häufig im Stau, selbst Siegfried lahmte. Die Musik machte mehr stop als go.

Im Bayreuther »Parsifal«, lästerte das FAZ-Magazin, habe der Bedächtige die »Generalpausen so exzessiv gedehnt, daß man in Sorge geraten konnte, die Musiker seien zwischendurch vielleicht ein Bier trinken gegangen«.

Trotz solch störender, störrischer Eigenwilligkeiten verdankt Barenboim seiner Stabführung den Coup seines Lebens. Während der Baulöwe Francois Mitterrand 1989 in Paris für fast eine Milliarde Mark die neue Bastille-Oper, eine Art Petersdom der Figaros und Fidelios, hinklotzte, adelte er Barenboim zu deren Tonangeber.

Die Apanage der Grande Nation war angemessen: bei viermonatiger Anwesenheit und knapp 40 Auftritten über zwei Millionen Mark im Jahr, pompöse Dienstwohnung nebst Flügel, Telefon auf Staatskosten, Luxuskarosse mit Chauffeur, Freiflug First Class von wo nach wo mit wem auch immer.

Das Ding ging schief, weil in Paris der Polit-Pakt platzte. Barenboim wurde großherzig abgefunden: in Franc, achtstellig, wie es heißt, ohne auch nur einmal den Taktstock erhoben zu haben.

»Jeder - außer Barenboim!« glaubte der Kritiker Robert C. Marsh die Branche warnen zu müssen, als ruchbar wurde, der Paris-Flüchtling werde sich nun um Amerikas beste Sinfoniker bewerben. Zu spät. Nur wenige Wochen nach dem Pariser Eklat fand Barenboim für 700 000 Dollar pro Jahr Trost als Chef des Chicago Symphony Orchestra. Das ist er immer noch, neben Berlin und Bayreuth, Salzburg und Edinburgh und all den anderen Tummelplätzen.

Berliner Neidern hat Barenboim mittlerweile vorgerechnet, daß er sein »Jahresgehalt an der Staatsoper in einem Monat mit Klavierabenden und Konzerten verdienen könnte«. Das stimmt. Aber es stimmt auch, daß ausgerechnet er es »unerträglich« findet, »wenn es innerhalb ein und derselben Stadt ein krasses soziales Gefälle gibt«.

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