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HITLER-BUCH Verhunzte Größe

Hans-Jürgen Eitner: »Der Führer. Hitlers Persönlichkeit und Charakter«. Langen-Müller-Verlag, München; 432 Seiten; 38 Mark.
aus DER SPIEGEL 12/1982

Ein neues Hitler-Buch ist auf dem Markt. Wer wäre da nicht neugierig? Zumal wenn, wie im Umschlagtext versichert wird, Sensationelles zu erwarten ist und Gelehrte mit eindrucksvollen Namen eben dies bezeugen. »Sie haben tiefer gegraben, als das, soviel ich sehen kann, je vor Ihnen geschehen ist«, hat, laut Verlagsankündigung, Golo Mann »dem Autor gegenüber« geäußert. Und noch überschwenglicher hat Walter Jens »geurteilt«, derselben Quelle zufolge. Eitners Hitler-Buch »gehe eindeutig über alle bisherigen Hitler-Darstellungen inkl. Fest und Haffner hinaus«, wird Jens zitiert.

Nicht genug damit: Autor Eitner kann nicht umhin, sich den zitierten Ansichten der Koryphäen anzuschließen. Er findet, sein Buch habe »Neuland in der Hitler-Forschung« eröffnet; er findet (mit sich selbst überschlagender Logik): »Hitler wird für Zeitgenossen, Nachgeborene, Ausländer erstmals weitaus einsichtiger, verständlicher, begreiflicher als bisher.«

Eitners »Hopplahopp, jetzt komm ich«-Manier beschränkt sich keineswegs auf Umschlagtext und Vorwort (die übrigens teilweise wortwörtlich übereinstimmen), sondern charakterisiert das ganze Buch. In nur wenigen seiner zweiundzwanzig Kapitel kommt Eitner ohne einen Seitenhieb gegen die »bisherige Hitler-Forschung (-Biographik)« aus - wobei es dann doch meist wie das Hornberger Schießen ausgeht.

So äußert sich Eitner zum Beispiel zu der Legende, Hitler habe einen jüdischen Großvater gehabt, mit einer am Ende gar nichts besagenden Infragestellung bekannter Hitler-Biographen: »Kann, wie Maser und Joachim Fest versichern, jene Spekulation, Hitler sei Juden-Enkel, mit letzter Sicherheit in den Bereich der Fabel verwiesen werden?« Pater semper incertus est, wußten schon die Alten.

Anstatt eine Antwort zu geben, spekuliert Eitner über »rassische Spuren der Awaren« in Hitlers Heimat, dem Waldviertel, und gelangt so zu einer weiteren Frage: »Lebt in Hitler - auch - das Awaren-Erbe weiter?«

Freilich, die Frage, ob Hitler nun wirklich ein Hunnen-Sprößling war, bleibt ebenso unbeantwortet wie die, ob er vielleicht tschechisch-hussitische Vorfahren gehabt hat. Immerhin: »Ihren (der Waldviertler) nicht seltenen Fanatismus führt man auf tschechisch-hussitischen Ursprung zurück« - und Hitler war ja ein Fanatiker. Eitners »Neuland in der Hitler-Forschung": Hitler ein Jude, ein Hunne, ein Tscheche, wenngleich jeweils nur teilweise, wenngleich jeweils mit Fragezeichen.

Ob Hitler ein Genie war - diese Frage sei »in der Hitler-Forschung bisher nicht gestellt« worden. Wirklich? Hat sie nicht schon Thomas Mann gestellt? Und hat nicht Joachim Fest in seiner »Vorbetrachtung: Hitler und die historische Größe« diese Frage aufgegriffen und in Anlehnung an Mann von »verhunzter Größe« und »Genie auf inferiorer Stufe« gesprochen?

»Die Hitler-Biographik hat den Feldherrn Hitler - leider - weithin ignoriert«, behauptet Eitner, trotz Gert Buchheit ("Hitler, der Feldherr"), trotz Percy Ernst Schramm ("Hitler als militärischer Führer"), trotz Bullock, Maser, Irving, Toland, Canetti und, und, trotz dreißig Druckseiten aus Fests »Hitler«. Eitners Neuland zu diesem Thema besteht dagegen aus ganzen 14 Seiten: Clausewitz-Zitate, Reflexionen über den »Künstler-Feldherrn« (bei Fest: »Theaterexistenz") und so fort.

Eitner, 56, von Beruf Erzhandelskaufmann und publizistisch bislang nur als China-Experte hervorgetreten, protzt in seinem Vorwort, er habe fünftausend Druckseiten mit Hitler-Worten »Satz für Satz durchgearbeitet und ausgewertet«. Außerdem habe er »in zwölfjähriger Forschung« das »Instrumentarium von einundzwanzig Disziplinen« (unter anderem: Geschichte, Kriminologie, Sexologie ...) »bewältigt«.

Es ist außer einigen hübschen Zitaten-Arrangements nicht viel dabei herausgekommen, schon gar nicht »Neuland«.

Georg Wolff

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