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AUTOREN Verkokste Kindheit

Die junge Autorin Juli Zeh hat ihr Handwerk am Literaturinstitut in Leipzig gelernt - und verblüfft mit ihrem rasanten Romandebüt »Adler und Engel«.
Von Rainer Traub
aus DER SPIEGEL 32/2001

Jessie ist tot. Die junge Frau hat sich erschossen, während sie mit Max telefonierte. Hilflos musste Max die panische Angst seiner Freundin in ihren letzten Momenten miterleben: »Ich glaube, die Tiger sind wieder da«, hat Jessie in den Hörer geflüstert, bevor der Schuss krachte.

Die rätselhaften Worte und das Geheimnis des Selbstmords stehen am Anfang von Juli Zehs Roman »Adler und Engel"*. Die Autorin, Jahrgang 1974, verbindet das kleine private Drama mit einer großen politischen Tragödie.

Die ominösen »Tiger« nämlich, so stellt sich in Rückblenden heraus, sind die Killer des berüchtigten serbischen Berufsverbrechers und Milizenführers »Arkan«. Jessie litt unter Panikattacken, seit sie miterlebt hatte, wie Arkan eine bosnische Flüchtlingsfrau bestialisch massakrierte, die ihm nicht mehr als Drogenkurierin dienen wollte. Jessie selbst war nicht süchtig, aber in den Drogenhandel hineingeboren: Ihr Vater hat sie zur Koks-Dealerin erzogen.

Der Ich-Erzähler Max ist fünf Jahre älter als Jessie und hat sie nach der Internatszeit aus den Augen verloren. In dieser Zeit hat er sich von einem pickligen und fetten Außenseiter in einen äußerlich angepassten Karriere-Juristen verwandelt. Sein Spezialgebiet ist das Völkerrecht.

Doch er zweifelt längst an den moralischen Grundlagen einer Juristerei, die sogar die Verfolgung von Kriegsverbrechern am Prinzip der territorialen Integrität von Staaten scheitern lässt. Unter lauter smarten Kanzlei-Yuppies fühlt er sich isoliert. Als seine alte Liebe Jessie nach 12 Jahren wieder auftaucht, verfällt er ihr. Er wirft seine Karriere weg - und gerät selbst ins Netz aus Profitmacherei und Menschenverachtung.

Wie Max ist auch seine Erfinderin Juli Zeh Juristin mit Schwerpunkt Europa- und Völkerrecht. Während der gut dreijährigen Arbeit an ihrem Buch hat sie en passant das erste juristische Staatsexamen abgelegt. Sie wuchs in Bonn auf, wo ihr Vater Jurist im parlamentarischen Dienst des Bundestags war. Mit Geschichten hat sich Juli Zeh schon als Kind versucht - und später Leipzig als Studienort gewählt, weil sie dort

beide Interessen verbinden konnte. Sie besuchte das Deutsche Literaturinstitut in Leipzig. Parallel zur Arbeit an ihrem Romanmanuskript absolvierte sie ein Jura-Praktikum bei der Uno in New York; dabei sei ihr klar geworden, dass das Völkerrecht keine Moral zu bieten habe. Ebendies ist die resignative Erkenntnis ihres Helden Max. Sein Versuch, einen tiefen Lebenszweifel durch Anpassung und Karriere abzuschütteln, scheitert. »Es gibt seit meiner Geburt einen Misston in meinem Kopf, der wird allein durch die Tatsache erzeugt, dass ich am Leben bin, und ist so unerträglich wie das Kreischen langer Fingernägel auf einer Wandtafel.« Er flüchtet in das Zusammensein mit Jessie, die seine Beschützerinstinkte mobilisiert, und in die künstlichen Paradiese des Kokains.

Die grellen, blitzlichtartigen Bilder und die schnellen, an Videoclips erinnernden Szenenwechsel des Romans, sein politischer Hintergrund und seine Metaphern sind ganz von heute. »Der Himmel über uns ist blassgrau und von hinten beleuchtet wie ein leerer Computermonitor«, heißt es einmal. »Falls es einen Gott gibt, sitzt er dahinter und programmiert gerade den zweiten August neunundneunzig.«

Die Autorin hat ihre Generation aufmerksam und hellhörig beobachtet. Ihre Helden tun cool und abgebrüht, aber sie sind verletzlich und suchen nach ihrer eigenen Wahrheit. Jessie geht an diesem Widerspruch, an der Wirklichkeit zu Grunde - und durchkreuzt zuletzt doch die Rechnung der Leute, die sie ein Leben lang benutzten.

Wie ihre Heldin diesen letzten Coup einfädelt, das erzählt die Autorin packend. Doch am Ende lässt sich die ganze Geschichte eher als psychotische Phantasie des Ich-Erzählers Max verstehen denn als realistischer Polit-Krimi. Außer den beiden Helden stecken nämlich, wie es scheint, fast alle Romanfiguren unter einer Decke: Dealer wie Juristen, Kriminelle wie EU-Politiker. Eine einzige Verschwörung?

So geht es in Alpträumen zu. Tatsächlich hat das Buch trotz seiner realistischen Elemente die halluzinatorische Bannkraft eines Alptraums. Die Autorin hat sich unter anderem von der Ästhetik des Horrorfilms inspirieren lassen - so in einer Szene, in der ein sadistisch zerhackter Hundekadaver von lauter Schmetterlingen bedeckt ist.

Mit »Adler und Engel« ist Juli Zeh ein originelles Debüt gelungen. Für den Rummel, der ihr auf der Frankfurter Buchmesse bevorstehen dürfte, wird ihr wenig Zeit bleiben: Im Oktober steht die mündliche Magisterprüfung in Europarecht an. RAINER TRAUB

* Juli Zeh: »Adler und Engel«. Verlag Schöffling & Co.,Frankfurt am Main; 448 Seiten; 46 Mark.

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