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Verlage

aus DER SPIEGEL 47/1971

Beschlagnahme des Rotbuchs 29 »Über den bewaffneten Kampf in Westeuropa« (Verfasser-Bezeichnung: Kollektiv RAF; mutmaßlicher Autor: Horst Mahler), Stopp des Postversands vom Verlagsalmanach »Das schwarze Brett« (inzwischen aufgehoben) und schließlich, letzten Montag, die Beschlagnahme des »Roten Kalenders 1972 für Lehrlinge und Schüler«, in dem »praktische Hinweise für die Behandlung herrschender Autoritäten« gegeben werden (beispielsweise·. »Verhaßte Leute ... durch Anrufe, Briefe, Klingeln ... zermürben«; »sich beim Umgang mit kostbaren Maschinen mal irren") -- sein zunehmend riskanter Kurs scheint den Berliner Verlag Klaus Wagenbach aus der Linkskurve zu tragen. Zu den »juristischen Sanktionen« (Wagenbach) wegen »Aufforderung zu strafbaren Handlungen« hat der seit 1969 kollektiv von allen Mitarbeitern geführte Verlag jedoch nun auch noch eine private zu tragen: Mit Brief vom 29. Oktober an das »sehr geehrte Verlagskollektiv« kündigte Günter Graß seinen Vertrag über das Theaterstück »Onkel, Onkel«, das 1965 bei Wagenbach als Buch erschienen war. Graß-Begründung: Der Verlag, der früher »im Sinn europäischer Aufklärung« habe arbeiten und »Toleranz verbreiten« wollen, sei von diesem Programm abgewichen; in seinen Publikationen werde neuerdings »Haß gepredigt« und »zur Kriminalität aufgerufen«; dieses »pubertäre Wagenbach-Spiel mit der Aggression« aber wolle er nicht mehr mitspielen. Klaus Wagenbach. einst enger Graß-Freund« antwortete dem »lieben Günter«. es habe sich am Programm nichts geändert, die Kündigung sei in dieser Hinsicht »wohl unbegründet«, es bleibe »also nur die Möglichkeit, im Kollektiv über Deinen Wunsch zu sprechen und mit der nötigen 2/3-Mehrheit zu entscheiden. Bitte, gib mir dafür etwas Zeit«.

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