Zur Ausgabe
Artikel 107 / 121
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Kunst Verliere dich

Zwischen Jugendkultur und Archäologie der Moderne: die Aktualitäten-Schau »NowHere« im dänischen Louisiana-Museum.
Von Jürgen Hohmeyer
aus DER SPIEGEL 21/1996

Nicht zu fassen, die Kunst. Sie taucht auf und sie verschwindet. Sie ist veränderlich wie ein Chamäleon, paßt sich an wechselnde Schauplätze an und färbt auch auf sie ab. Den Betrachter bringt sie ordentlich auf Touren. Ihr Emblem: ein großes Fragezeichen.

Kürzlich ist dieses Signal der Ungewißheit leibhaftig durch den Park des Museums Louisiana bei Kopenhagen gelaufen - in Gestalt einer Schauspielerin, die in eine Fragezeichen-Hohlform geschlüpft war. Die kinderfreundliche Aktion läßt sich jetzt drinnen als Video betrachten, und gleich neben dem Monitor hängt das sperrige Spezialkostüm von der Decke. Es eröffnet eine Schau-Abteilung mit dem lakonischen Titel »?«.

So hätte ohne weiteres die ganze museumfüllende Ausstellung heißen können, die seit voriger Woche auf 10 000 Quadratmetern im Louisiana gezeigt wird (bis 8. September) - flimmernd und tönend, mit viel technischem Equipment, aber auch viel beschriebenem Papier, schwierig und anregend zugleich.

Sie ist weltweit die ehrgeizigste Aktualitäten-Übersicht des Sommers, doch einen neuen Stil hat sie nicht zu verkünden. Vielmehr geht ihr das programmatische Statement voraus, zeitgenössische Kunst lasse sich immer schwerer definieren; im Zeichen von Medienschwemme und internationaler Mobilität gebe es keine beherrschenden »Ismen« mehr, nicht einmal Künstler-Stars wie noch in den achtziger Jahren. Nur eine »polyphone« Darbietung könne zusammenfassen, was sich jetzt und hier abspielt - ihr Name: »NowHere«.

Auf Einladung des erst seit vorigem Jahr amtierenden Louisiana-Direktors Lars Nittve, der in den »NowHere«-Papieren ungenannt bleibt, durften folglich fünf unabhängige Kuratoren und Kuratoren-Teams eigene Teilausstellungen entwickeln. Alle aber bezogen sich auf den Schauplatz Louisiana mit seiner besonderen Topographie und Tradition.

Das 1958 von dem Ex-Kaufmann Knud Jensen in einer Villa des Dorfes Humlebæk gegründete, über Jahrzehnte von ihm geleitete Museum ist ein beispielhafter Begegnungsort für Publikum und moderne Kunst. Eine Traumlage am Ostseeufer und einfühlsame Pädagogik locken Besucherscharen her (600 000 Leute im Jahr 1995). Mit dem ästhetischen Horizont des Gründers hat sich schrittweise auch der Bungalow-Komplex erweitert.

Auf solches Wachstum spielt nun die Sektion »Work in Progress« der britischen »NowHere«-Kuratorin Iwona Blazwick an; der Kanadier Bruce Fergusson führt die Ausstellungsbesucher unter dem passenden Leitmotiv »Gehen und Denken und Gehen« durch Innenräume und über Grünflächen; Anneli Fuchs und Lars Grambye, Mitarbeiter des Hauses, nutzen eine unterirdische Raumfolge zur Geisterbahn-Suggestion »Verliere dich«; die amerikanische Feministin Laura Cottingham ist prompt »Weißglühend« geworden, als sie die Museumsbestände nach dem Kriterium der Geschlechterstatistik überprüfte. Am gründlichsten jedoch vertieft sich die Deutsche Ute Meta Bauer unter dem Signum »?« in die Eigenheiten des Hauses.

Die 37jährige Ausstellungsmacherin, selber als Künstlerin ausgebildet und derzeit Akademie-Professorin in Wien, hat sich für »NowHere« mit dem Amerikaner Fareed Armaly, 38, verbündet, einer Hauptfigur jenes spröden aktuellen Trends, der unter dem Slogan »Kontext-Kunst« zur Diskussion steht (SPIEGEL 3/1995). In Installationen und Dokumentationen sollen da immer auch die Entstehungs- und Wirkungsbedingungen dieser Werke gespiegelt werden. Kunst wird Didaktik, Didaktik wird - im Idealfall - Kunst.

Konsequenz: Der »NowHere«-Besucher stürzt in Zweifel, ob er etwa die ganze Abteilung als künstlerisches Bauer- und Armaly-Opus werten soll oder nur dieses und jenes ausdrücklich so deklarierte Einzelstück. Zum Beispiel das Fragezeichen-Kostüm, eine Kondom-Edition mit »?«-Logo für den Museumsshop (vorige Woche noch nicht lieferbar) oder ein großes »Lautsprecher«-Podest, das eine unverrückbare Freiskulptur des Bildhauers Dani Karavan kaschiert und so auf Zeit eine ursprüngliche Ruhe- und Aussichtsfläche wiederherstellt. Wer sich darauf, mit Meerblick, lümmelt, wird allerdings von unten durch Musikcollagen diverser Diskjockeys beschallt.

»Jugendkultur« ist für Ute Meta Bauer der eine Pol ihrer »?«-Inszenierung; der andere ist eine ortsbezogene Archäologie der Moderne. Während die Kuratorin die störende Karavan-Skulptur überbaute, holte sie die »Honigpumpe am Arbeitsplatz« des Joseph Beuys aus dem Louisiana-Depot empor - als Wahrzeichen einer Kunst, die doch eigentlich ins Leben drängte. Der Abstieg ins Souterrain führt sodann zu Mustersammlungen von dänischem Design, und durch einen Wandschlitz kann der Besucher in die Bilderkatakombe des für »NowHere« erstmals leergeräumten Museums spähen.

Das ist gescheit überlegt und vielfach mit Pfiff arrangiert, aber streckenweise droht sich die Kunst doch aus dem »Now-Here« in ein gedankenblasses Nowhere (Nirgends) zu verflüchtigen. Wer statt dessen »in die Tiefe, durch die Nacht, in eine andere, größere Welt« (so die Kuratoren Fuchs und Grambye) entführt werden möchte, folgt am besten dem Aufruf »Get Lost«. Im labyrinthischen Tunneltrakt des Museums passiert das leicht.

Vornehmlich bewegte Bildprojektionen üben dort einen mal rauschhaft-heiteren, mal beklemmenden Sog aus - etwa das Unterwasser-Lichtspiel »Sip My Ocean« der Schweizerin Pipilotti Rist oder das »Kanalvideo« ihrer Landsleute Peter Fischli und David Weiss, die unaufhaltsame Kamerafahrt durch ein Abwassersystem. Und im schummrigen »Garten Eden« der Norwegerin Ann Lislegaard hört man, zwischen wallenden Tüchern, aus jeder Ecke eindringliche Kinderstimmen flüstern.

Laufende Bilder in allen Abteilungen - Video ist für junge Künstler ein selbstverständlich verfügbares Medium. Aber auch gemalte Bilder vom Laufen, ein wahrer Running Gag, sind zu entdecken: 30 Miniaturen des in Mexiko lebenden Belgiers Francis Alýs, auf denen Männchen, bisweilen auch nur Beine oder Schuhe unterwegs sind ("Déjà vu"), hat Kurator Fergusson an den langen Parcours der Ausstellungsbesucher gehängt.

Als schiere Anthologie von allerlei Schrittmotiven ist seine Abteilung freilich recht banal geraten. Wenn da ein plastischer Kunststoff-Akt des Amerikaners Charles Ray einer Giacometti-Bronze aus dem Museumsbestand begegnet, kommt keinerlei Dialog zustande.

Für ihr mit dem Virginia-Woolf-Wort »Incandescent« benanntes Aufgebot legte Laura Cottingham einen noch schlichteren Maßstab an: Weibliches Geschlecht war unabdingbar, »kulturelles Engagement« erwünscht. In dieses Raster paßt sogar die »Märtyrerin« Ulrike Meinhof mit ihrem »Bambule«-Film. Doch die Fronten geraten unentwirrbar durcheinander, wenn die amerikanische Nachahmungs-Künstlerin Elaine Sturtevant ein Brautkleid-Phantom reproduziert, mit dem bereits ihr Landsmann Robert Gober Geschlechterrollen in Frage gestellt hatte.

Wer ist wer? Der Italiener Cesare Pietroiusti war, für ein »Work in Progress«, an sieben Tagen vor der »NowHere«-Eröffnung jedesmal ein anderer.

Der Künstler hatte sieben Freunde ausgefragt, was sie an Nahrung, Getränk, Liegestatt, Lektüre und Hygieneartikeln mitnehmen würden, falls sie sich für 24 Stunden in einen fensterlosen Raum einschließen lassen müßten. Er beschaffte die Utensilien von der Luftmatratze bis zur »Göttlichen Komödie«, ging damit selber in Klausur und hinterließ die fiktiven Überlebensspuren von sieben Leuten als eine »NowHere«-Installation.

Jürgen Hohmeyer

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 107 / 121
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.