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AUTOMOBILE Verrückte Motoren

Rätselhafte Schäden, die an acht Millionen Chevrolet-Personenwagen auftreten können, gefährden Amerikas Autofahrer. Ein Chevrolet-Fahrer: »Mein Motor wurde plötzlich verrückt.«
aus DER SPIEGEL 47/1971

Sachte kurbelte die Amerikanerin Nanette Charney am Lenkrad ihres Chevrolet-Personenwagens. Baujahi 1967, als sie unlängst in Manhasset (US-Staat New York) von der Hauptstraße abbog. Plötzlich heulte der Motor auf. Ohne Zutun der Fahrerin hopste der Wagen unter Vollgas vorwärts. Die Bremsen schienen zu versagen, obwohl die Fahrerin mit aller Kraft aufs Pedal trat. Erst im letzten Augenblick konnte die erschrockene Chauffeuse die Zündung abschalten und Unheil abwenden.

Chevrolet-Fahrer Charles Combe hatte schon zwei Jahre früher in Livonia (US-Staat Michigan) ähnlich horribles Gebaren seines Autos (Baujahr 1968) erlebt. Combe berichtete damals der US-Sicherheitsbehörde für den Straßenverkehr: »Mein Motor wurde plötzlich verrückt.« Der Wagen hatte beim Linksabbiegen unversehens, wie verhext, mit Vollgas beschleunigt. Auch Combe hatte sich durch Abschalten der Zündung retten können, nachdem auch seine Bremsen versagt hatten.

Daß amerikanischen Autofahrern in den beiden letzten Jahren zu Hunderten gleichsam die Pferde durchgegangen waren, konnte die US-Öffentlichkeit vor kurzem einem alarmierenden Warn-Bulletin der Sicherheitsbehörde entnehmen. Bei rund 500 zunächst rätselhaften Zwischenfällen, die zum Teil Karambolagen verursacht hatten, waren die amtlichen Sicherheits-Ingenieure stets auf den gleichen tückischen Defekt gestoßen.

Unter den Vibrationen des Motors hatte sich jeweils mindestens eine der in Gummi und Kunststoff gelagerten Haltevorrichtungen gelöst, mit denen die Maschine am Fahrzeugrahmen befestigt wurde. So konnte sich der Motor auf seinem Rahmenbett über Gebühr räkeln. Bei bestimmten Fahrzuständen geriet der schwere Metallblock schließlich in eine Kipplage und leitete Selbstzerstörung ein: Das zum Gaspedal führende Gestänge verklemmte sich jedesmal derart, daß sich die Drosselklappe im Vergaser klaffend öffnete und der Wagen zum Entsetzen seines Fahrers eine Vollgas-Amokfahrt begann.

Mehr noch: Bei Modellen mit Bremskraftverstärker wurden zumeist auch die Bremsleitungen beschädigt. so daß die Bremsen versagten oder nur unvollkommen funktionierten.

Das Übel trat zwar nur an Personenwagen der General-Motors-Marke Chevrolet, und zwar dem Standardmodell Chevrolet, dem Nova, Chevelle und Camaro der Baujahre 1965 bis 1969 auf. Aber insgesamt acht Millionen Autos dieser Typen mit den gefahrträchtigen Motorhalterungen sind noch im Verkehr -- mit anderen Worten: Acht Millionen Zeitbomben, verstreut über die USA, müßten entschärft werden.

Der verantwortliche Hersteller, General Motors, hat die Gefahr offenbar schon vor Jahr und Tag erkannt. Heimlich, so verlautete aus Detroit, ließ GM beim Garantie-Kundendienst an über 100 000 Wagen neue Motorhalterungen einbauen.

Mit dem Warn-Bulletin will nun die Sicherheitsbehörde die übrigen Wagen-Eigner auf die potentielle Gefahr aufmerksam machen und sie dazu bewegen, eine Werkstatt aufzusuchen, die Aufhängungen kontrollieren und -- falls erforderlich -- erneuern zu lassen. Reparaturpreis: etwa 30 Dollar. General Motors empfahl seinen Kunden, im Notfall rasch den Zündschlüssel zu drehen. Wie ein Auto mit eingerastetem Lenkradschloß noch gesteuert werden soll, verriet General Motors nicht.

Da aber die Defekte nur bei Geschwindigkeiten unter 40 km/h auf träten, so verkündete GM-Präsident Edward Cole, müsse »jeder Fahrer das Auto beherrschen, oder er gehört nicht ans Steuer«. Cole: »Da ist kein Unterschied zu einer plötzlich auftretenden Reifenpanne.«

Verbraucheranwalt Ralph Nader, bei dem sich schon etliche verunglückte Chevrolet-Fahrer gemeldet haben, hält die Maßnahme der Sicherheitsbehörde für »vollständig ungenügend«. Da ein »echtes Sicherheitsrisiko« vorliege, verlangte Nader, die Sicherheitsbehörde müsse den Autogiganten schärfer anpacken. Die Washingtoner sollen GM zwingen, jeden womöglich gefährdeten Kunden per Einschreiben über die potentielle Gefahr genau zu informieren ("defect notification"). GM müsse alle acht Millionen Autos zur kostenlosen Reparatur in die Werkstätten beordern.

Falls Nader mit seinen Forderungen durchdringt, müßte GM die größte Rückruf-Aktion in der Geschichte der Automobilindustrie durchführen. Ihre Kosten könnten sich bis zu 240 Millionen Dollar aufsummen.

Nader und seine Techniker glauben allerdings nicht, daß sich GM je ohne Zwang zu einem solchen Dienst am Kunden bereit finden werde. »Die haben doch«, meint Nader, »eine Heidenangst vor Schadenersatzforderungen.«

Bisher ließ freilich auch die Sicherheitsbehörde nicht erkennen, ob für sie Autos, die wegen eines typischen Defekts außer Kontrolle geraten können, ein Sicherheitsrisiko darstellen, das schärfste Maßnahmen erfordert.

Chevrolet-Halterin Charney will die Summe von 31,80 Dollar, die sie für den Austausch der Motor-Halterung hat bezahlen müssen, von GM zurückverlangen. »Mit dem eingeplanten Veralten unserer Autos haben wir uns ja längst abgefunden«, sinnierte sie. »Aber was nützt das eingeplante Veralten, wenn man seine Kunden auslöscht?«

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