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VERLAGE Verscherbeltes Gesinde

Der niederländische Kluwer-Konzern, der den Luchterhand-Verlag gekauft hat, verhandelt in dieser Woche mit Vertretern der ausgetricksten Schriftsteller über deren Zukunft. *
aus DER SPIEGEL 33/1987

»Im Verhältnis der Verleger zu ihren Autoren«, rief Günter Graß 1976 seinen (auf der Verbandstagung versammelten) Schriftstellerkollegen zu, »hat sich ein Rest Leibeigenschaft gehalten. Vorkapitalistisch können nach wie vor Rittergüter in Verlagsgestalt, samt Gesinde und Althäuslern, verscherbelt werden.«

Nur die »Mitbestimmung der Autoren«, so proklamierte er, könne verhindern, daß die Literatur zum Spielball eines »anonymen Managements« werde.

Graß ging mit gutem Beispiel voran. Im Luchterhand-Verlag, dem eigenen - dort werden auch DDR-Literaten wie Christa Wolf und Hermann Kant verlegt - setzte er im Juli 1976 die Institutionalisierung eines »Verlagsbeirats« durch.

Paragraph 3.3 des Beiratsstatuts garantierte den Autoren die Möglichkeit, auf einen ihnen nicht genehmen Verlagsverkauf mit der Auflösung ihrer Verträge zu reagieren: ein wirkungsvolles Druckmittel gegen den Verlag, der fortan Gefahr lief, im Falle eines strittigen Verkaufs ohne Autoren dazustehen.

Am vorletzten Freitag aber entpuppte sich das vielgelobte Modell als Farce. Ein Luchterhand-Manager eröffnete den nach Neuwied gebetenen Beiratsmitgliedern, der Verkauf des Verlages an den niederländischen Konzernriesen Kluwer sei beschlossene Sache.

Als die düpierten Autoren Peter Härtling und Peter Bichsel ihren Widerspruch gegen den verlegerischen Handstreich anmeldeten, zog der Verlagsmann seinen Joker: Er legte ein Dokument vor, demzufolge der Beirat seit dreieinhalb Jahren nicht einmal mehr auf dem Papier existierte. Der Gesellschaftervertrag, so erfuhren die fassungslosen Schriftsteller, sei bereits im Januar 1984 entsprechend geändert worden. Die Gesellschafter hatten dem Beirat die Kündigung nicht

mitgeteilt; er hatte sich weiterhin, drei Jahre lang, zu jeweils zwei Tagungen getroffen. Die eingereichten Protokolle waren anstandslos akzeptiert worden. Auch der Geschäftsführer des literarischen Bereichs, Dr. Hans Altenheim, war in den Verleger-Coup nicht eingeweiht gewesen.

Rechtsgültig war die Nichtigkeitserklärung des Beiratspassus freilich erst durch die tags zuvor erfolgte Beurkundung geworden.

Max von der Grün fühlte sich an »surrealistisches Theater« erinnert, Günter Graß empörte sich gegen die »zynische und nichtswürdige« Behandlung der literarischen Autoren. Peter Härtling vermißte »die elementarsten Formen des Anstands, die die Kälte des Kapitalismus mindern ».

Wortreich sekundierten ihnen die Feuilletons. Die »Süddeutsche Zeitung« sorgte sich um den »Fortbestand einer der renommiertesten Pflanz- und Pflegestätten zeitgenössischer deutscher Literatur«, und die »Frankfurter Rundschau« prangerte die »winkeladvokatorischen Tricks« der Verlagsmagnaten an.

Auch die honette »Frankfurter Allgemeine Zeitung«, nicht eben als Vorkämpferin der Mitbestimmung bekannt, zog bitter das Fazit, die »demokratische Spielwiese« sei nun »geschlossen«.

Freilich, so unfein die deutschen Verleger auch mit Autoren umsprangen, denen der Luchterhand-Verlag sein Ansehen zum großen Teil verdankt: Der Deal mit dem mächtig expandierenden Kluwer-Konzern kommt kaum überraschend.

Die Herren Eduard Reifferscheid, 88, und Heinz Luchterhand, 74, denen der Verlag zu 52 Prozent beziehungsweise 40 Prozent gehörte, verfügen über keine leiblichen Erben und haben schon lange zu erkennen gegeben, daß sie an Verkauf denken.

Vor zwei Jahren war die geplante Veräußerung an einen anderen Konzern noch am angedrohten Veto der Literaten gescheitert; am vergangenen Montag wurde nun, nachdem die Verlagsherren einem erneuten Veto vorgebeugt hatten, die Transaktion mit Kluwer vollzogen.

23 Luchterhand-Autoren forderten darauf zornig »alle Rechte an unseren Büchern auf Grundlage unserer Beiratsstatuten zurück«. Bislang haben sie sich allerdings noch nicht auf eine gemeinsame Haltung verständigt.

Die Situation wird dadurch kompliziert, daß die wissenschaftlichen Autoren des Verlags, der sich auch als juristischer Fachverlag einen Namen gemacht hat, den Besitzerwechsel uneingeschränkt begrüßen. Denn auch der Kluwer-Konzern hat einen Schwerpunkt in juristischer Literatur und genießt hier europaweites Ansehen.

Offenbar haben die Beteiligten einen Konstruktionsfehler des Autoren-Vetorechts übersehen, lange bevor dieses kurzerhand liquidiert wurde: Die Verschiedenartigkeit der Interessen von Belletristen, deren Produktion lediglich ein Fünftel des Verlags-Umsatzes ausmachte, und Fachautoren, auf die 80 Prozent des Umsatzes entfielen.

Am Dienstag dieser Woche trifft nun der Kluwer-Auslandsdirektor Brugging in Darmstadt mit Vertretern der literarischen Autoren und des Luchterhand-Betriebsrats zusammen, um zu verhandeln. Der Beirat, haben Kluwer-Vertreter bereits trocken erklärt, sei nicht Gegenstand des Kaufvertrages gewesen.

Alternativ wird die Möglichkeit diskutiert, den literarischen Teil des Luchterhand-Verlages an einen »angesehenen deutschen Literaturverlag« (Günter Graß) zu verkaufen. Angeblich gibt es schon zwei Interessenten, die sogar bereit sind, das bisherige oder ein modifiziertes Beiratsmodell zu akzeptieren.

Eine Gesamtübernahme der literarischen Luchterhand-Abteilung durch einen anderen Verleger scheint aber wenig wahrscheinlich, denn, so schreibt das Branchenblatt »Buchreport« in seiner neuesten Ausgabe, »eben jener Verleger hätte möglicherweise Schwierigkeiten mit den eigenen Autoren in Rechnung zu stellen... Zu denken wäre wohl am ehesten an einen Investor mit deutlich mäzenatischen Ambitionen.«

Die wird man Kluwer, der gerade mit dem Konzern Wolters Samson fusioniert, kaum unterstellen können. Der neue Konzern Wolters Kluwer N.V. gehört mit rund 1,4 Milliarden DM Jahresumsatz zu den vier größten Buchverlagsgruppen der Welt.

Die Zukunftssorgen einiger deutscher Schriftsteller, die aus der Sicht der Konzernmanager nur einen Umsatz von ein paar mickrigen Millionen repräsentieren, dürften da kaum ins Gewicht fallen.

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